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Ost und West · 1909-06-01 · Heft 6 (Juni 1909) · p. Seite 373 - 374

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 6 (Juni 1909)
Article
Träumer des Ghetto
Date
1909-06-01
Page
Seite 373 - 374 (sequence 3)
Language
German
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873 Dr. Max Jungmann: Träumer des Ghetto. :m Hierauf habe ich Folgendes zu erwidern: Ich habe leider übersehen, dass Herr Dr. Ewers nur als Herausgeber, nicht aber als Uebersetzer zeichnete. Nichts destoweniger ist er für die deutsche Ausgabe verantwortlich, auch für den Ausdruck „Mauschelsehlaflied". Dass Zangwill dieses Wort verlangte, ist zwar erstaunlich, macht os aber nicht zutreffend. Meinen Vorwurf, der die Anmerkung zu dem Wort „Meschumed" betrifft, muss ich aufrecht erhalten. Das Anmerkungszeichen befindet sich unmittelbar an Meschumed", und die Erklärung lautet: ,,Um die Lokalfarbe zu bewahren, hat Zangwill gelegentlich ein Wort (nicht russische Wörter") oder einen Satz in der russischen Sprache gegeben." Wie man hier zur Vermutung kommen soll, dass irgendwelche Ausdrücke gemeint seien, nur nicht der, den das Anmerkungszeichen hervorhebt, begreife4 ich nicht. Dr. M. J. IMPRESSIONEN. (Kleine Bemerkungen über grosse Dinge.) — Von Josef Liu. Nachdruck verboten. I. FI e b r ä i s c h und Ja r g o n. Unsere Vorfahren empfanden dabei keinen Widerspruch, wie sie überhaupt in ihrem ganzen Dasein keine Konflikte kannten. Diese Welt" war ihnen nur eine Vorhalle zum großartigen Jenseits, dem eigentlichen Zweck des Menschenlebens. Was bedeutet denn das siebzigjährige Erdenwallen gegen die Herrlichkeiten der Ewigkeit? An dieser Gegenüberstellung fiel alle irdische Trübsal in sich zusammen und verlor ihre ganze Bitternis. Dadurch erklärt sich die Unempfindlichkeit unserer Ahnen gegen all ihren Lebensjammer. Dem entsprachen auch ihre Vusdrucksmittel. Was mit ihrem Daseinsinhalt und Kxistenzsinn, mit der Vorbereitung zur „künftigen Welt" zusammenhing — das kleideten sie in ein hebräisches Gewand. Denn dieses umhüllte den Schlüssel zum Jenseits, die grosse jüdische Lehre, das dem auserwählten Volke zuteil gewordene göttliche Licht. Was aber bloss zur „Vorhalle" gehörte, das fand seinen Ausdruck im Jargon. Dieser war die Sprache des flüchtigen, kaum beachteten Alltags, der Strasse, des Marktes, und diente den Bedürfnissen des ,,Guf", des Körpers, der nur als die äussere Hülle des unvergänglichen Inhalts, der „Neschomo", Lialt. Hebräisch aber war die Sprache der ewigen Seele und herrschte in ihren Nährstätten, den Bot- und Lehrhäusern, den unwandelbaren Geisteszentren im Kxil. Jargon und Hebräisch verhielten sich zu einander wie der flüchtige Moment zur Unendlichkeit, «übt es einen Konflikt, einen Gegensatz zwischen diesen? Ein solcher kann nur zwischen annähernd -deich bedeutenden Faktoren bestehen. Weder der Jargon noch das Hebräische hatten denn auch „Anhänger" und „Gegner". Eine Jargonliteratur existierte sucht, weil keinerlei Bedürfnis nach einer solchen vorhanden war; während das fast unübersehbare hebräische Schrifttum in jedem kleinsten Ghettostädt- ' hen Fortsetzer fand. Die Wertung dieser literarischen Produktionen wird natürlich sehr verschieden sein müssen, — in ihrer Gesamtheit dokumentierte sich das Volksdenken in seiner ganzen Tiefe. — Unser Volksdenken hat sich aber in neuester Zeit sehr geändert ■— und nun haben wir auch diesen Sprachstreit: Jargon oder Hebräisch? Die „Vorhalle" wurde zum Palast erhoben, „diese Welt" zur Welt überhaupt, der „siebzigjährige Lebcnstraum" zum Menschenzweck gemacht. Es entstanden nun im Ghetto Verfechter des „Lebens" und seiner „Rechte"; und was existiert, das galt als „Recht". Der Jargon existiert ja, Millionen Juden sprechen ihn. Somit sei er ein jüdisches „Lebensrecht". Keine historischen und kulturellen Argumente könnten diese Tatsache ändern oder widerlegen. Es hätte demnach keinen Zweck, mit solchen Argumentationen die Jargon-Verherrlich er überzeugen zu wollen. Man muss vielmehr die Haltbarkeit ihre r Gründe zu prüfen sich bemühen. Alles, was bei uns Juden da ist, soll gut sein, soll ein jüdisches ,,Lebensrecht" sein. Aber unser ganzes Golus-Leben ist ja da, die Haltlosigkeit eines grossen Teiles unserer Jugend, die kulturelle Zersplitterung unseres Volkstums; die große, düstere Judentragödie ist ja auchhda. Der Jargon ist die Sprache des Gohrs und hat dasselbe „Recht" wie dieses. Er kann auch nur in diesem existieren. Wird denn nicht die „jüdische" Sprache von allen Landessprachen verdrängt? Worin liegt dann ihre „Lebenskraft"? — Doch auch das Judentum selbst hat sich im Kampfe erhalten, im Kampfe gegen äussere Lebensströmungen, gegen eine Wrelt von Widersachern. Es wird von einer ganz anderen „Lebenskraft" getragen, einer inneren, historischen, ethischen Macht. Wenn es je eines Beweises bedurfte gegen die Behauptung, dass der Materialismus den Gang der Geschichte bestimme, so hat ihn das Judentum geliefert. Und die Quelle jener inneren, ethischen Macht hat sich nur im hebräischen Schrifttum gezeigt. Oder sollte sie in der angekündigten jargonischen Bibelübersetzung von Asch zu finden sein? Können wir uns Jesajns Flammenreden mit ihrer ewigen Glut im Jargon denken? Oder nehmen wir die Neueren und Neuesten. Gewiss, in der modernen Jargonliteratur ist viel Schönes. Stimmungs- und Poesievolles, echte Schilderung von Judenelend und Judenleid da. Aber ein Z u k ü n f - t i g e s , ein grosses, starkes Streben, ein tiefes, problematisches Suchen, eine Rückbeleuchtung historischer Schätze, eine Volkskultur dokumentiert sich nicht darin. Zukunftskünder wie Smolensky und Bjalik, Nationaldenker wie Maimonides, Jehuda ha-Levi, Krochmal und Achad ha-Am sind nur im Hebräischen denkbar. —

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