Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Träumer des Ghetto
- Date
- 1909-06-01
- Page
- Seite 371 - 372 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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B71 I)r. Max .Jungmann: Träumer des Ghetto. 312 vor uns. wir hören von dein strengen Schwärmer Spinoza und von Heinrieh Heine in seiner Matratzengruft. Lassalle, Disraeh und vielen anderen Juden hat Zangwill hier ein Denkmal gesetzt. Immer versucht er dem Rein-Menschlichen der großen Männer nahe zu kommen, und mit feinem Verständnis spürt er in ihnen stets dem Spezifisch-Jüdischen nach, aus dem heraus er sie erklärt und poetisch verklärt." Diese Einführung würde die wärmste Empfehlung sein, wenn nicht schon des Verfassers Name allein dafür bürgte, daß man von der Lektüre seines Buches ästhetischen Genuß und innere Bereicherung erwarten darf. Zangwill beherrscht sein Material und kennt die Charaktere seiner Gestalten so genau, daß er sich mit poetischer Freiheit über chronistische Hindernisse und geschichtliche Grenzen hinwegsetzen kann, ohne die Porträtähnlichkeit seiner Helden zu zerstören. Er selbst bekennt im Vorwort, daß er nicht gezögert habe, ,,etwas wie ein Historiker aufzufassen und zu beleuchten, um es dann zu deuten wie ein Dichter.1' Durch diese in gewissem Sinne etwas selbstherrliche Behandlung wird es leichter, im engen Rahmen aus dem Bilde eines Menschenwesens die besondere jüdische Nuance hervortreten zu lassen, und die Ungebundenheit der Phantasie macht es ihm möglich, die Stimmungen gleichsam zu konzentrieren. So geschiehts, da(3 man trotz der Abweichung von der Wirklichkeit den Eindruck der naturtreuen Zeichnungerhält. Man sieht die Gestalten so, wie man sie von jeher zu sehen gewöhnt war; es sind nur ihre jüdischen Züge ein wenigschärfer herausgehoben als sonst. Darinnen aber liest man unter des Dichters Führung wie in einem Seelenspiegel die Erlebnisse jüdischer Träumer. Zangwill nennt sie Träumer des Ghetto. Er faßt den Begriff des Ghetto sehr weit. Er versteht darunter nicht nur die bekannten Judenquartiere des Mittelalters, auch nicht die modernen jüdischen Massensiedlungen, sondern die Gesamtheit des Judentums in der Diaspora. Im Linsenschleifer von Amsterdam sieht er den Ghettoträumer, wie in Moses Mendelssohn, wie in Heine, dem ,,letzten Hellenen", und in Ferdinand Lassalle. Der britische Ministerpräsident Lord Beaconsfield ist ein Kind des Ghetto wie der Baal Schern in Polen, wie der „Palästinafahrer:t, der ins Land seiner Ahnen zieht, um dort zu sterben, und wie in jenen alten Zeiten der venetianische Knabe, der sich voll Angst und doch in unwiderstehlicher Sehnsucht durchs Tor der Judenstadt hinausschleicht in das erleuchtete Venedig der Christen. An allen diesen Menschen haftet der ominöse gelbe Fleck, bei den einen sichtbar am Kleide, bei den andern verborgen im Herzen. Dieses Ghettosymboi, das im ZangwiIlsehen Sinn ein .Attribut der jüdischen Seele ist, wohnt unausrottbar im Gemüt seiner Träger. Mit geheimnisvoller, gleichsam magnetischer Kraft werden sie im Judentum festgehalten, und Träumer sinds, die mit dieser Kraft siegen wollen, Träumer auch, die ihr widerstehen möchten. So gestaltet sich vor des Dichters Auge das Schicksal jedes Juden zu einer kleinen Tragödie. Diese pessimistische Auffassung Zangwills, die an den einzelnen Lebensbildern allerdings mit feiner Psychologie durchgeführt ist, wird in der Welt der Wirklichkeit nur zur Hälfte bestätigt. Da erweisen sich nämlich nur die als unglückselige Phantasten, die der Versuch machen, ihrem Magneten zu entschlüpfen. Sie verschwenden einen großen Teil ihrer Geistesenergie, um sich innerlich vom Judentum zu befreie1!; und losgelöst von seinen Klammern in der größeren Welt da draußen freier leben und schaffen zu können. Aber die Zähigkeit des ererbten Blutes spottet ihre Mühe, und sie werden das Judentum nimmer los. Si e sind die wahren Träumer, die entweder nie oder doch enttäuscht aus ihrem Traum erwachen. Pendeln«! zwischen den Polen anziehender und abstoßender Kraft f kommen sie nicht ins Gleichgewicht und geben ein BiJ»; innerer Zerrissenheit, das Furcht und Mitleid erregI. Anders die Juden, die in ihrer seelischen Eigenwelt leben und sterben. Erfüllt von ihreni Judentum, überwinden sie mit ihm alle Verheißungen und Drohungen der Außenwelt, und ein gewisser aristokratischer Almenstolz gibt ihnen dn innere Festigkeit. Stehen sie dann auch an der PforIldes Todes, ohne das Ziel ihrer Sehnsucht erreicht zu haben, so ist dennoch ihr Traum nicht enttäuscht, nein, nur unvollendet geblieben. Sie sterben mit einer ewigen Hoffnung. Darin liegt etwas Sieghaftes, keine Tragik. Gleichviel nach welcher Richtung die Reflexionen des Lesers durch das Buch gelenkt werden, - ohne innere Teilnah me kann man an diesen Essay - nicht vorübergehen. Man wird immer von neuem zum Nachdenken, zum Grübeln angeregt. Ja, manchmal möchte man wünschen, man hätte den Autor in seine; Nähe, um mit ihm zu diskutieren. Mir wenigsten gings so. Genug, wir haben ein interessantes und anregend» - Buch vor uns, für das der deutsche Leser dem Herausgeber zu Dank verpflichtet ist. Druck und Ausstattung lassen nichts zu wünsch»';; übrig. Von Herrn Dr. Hanns Heinz Ewers erhielt» wir eine Mitteilung des folgenden Inhalts: „Sehr geehrter Herr! Ich lese soeben Ihre Besprechung von Zangwils „ T rag o di e n*) d e s G h e 11 o "! Sie inachen mir darii den Vorwurf, dass ich ein deutschjüdisches Scilla)' liedchen — Mausche 1 schlaflied genannt habe, war weder dem Geiste Zangw ils noch der Würde eines deutsche: Schriftstellers entspreche! — Ich bemerke dazu: 1. ist di< Uebcrsetzung nicht von mir, sondern, wie in dem Buch' ausdrücklich angegeben, von E. Steinalter; ich selbst habe lediglich das ganze durchgearbeitet. 2. stand im deutsche!' Manuskript: jiddisches Schlal'liedchen, Zangwil selbs1 hat das in „Mauschelschlaflied" korrigiert!!! — Di« Anmerkung zu dem ..Tagebuch eines Meschumcd". class Zangwil hier, um die Lokalfarbe zu wahren, gelegen! lieh russische Wörter und ganze Sätze eingeflochten hab«'. bezieht sich doch natürlich auf die mehreren dutzen«: russischen Worte und Sätze; es ist mir unbegreiflich, wie Sie das auf das Wort Meschumed beziehen können!' Mit vorzügl. Hochachtung Ihr Dr. Hanns Heinz Ewers.4' *) Herr Dr. E. schreibt irrtümlicherweise „Träumer d.Gh." (Siehe „Ost und West" Heft V, Jahrg. VIII.)