Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1909)
- Article
- Chajim Wolterman
- Date
- 1909-06-01
- Page
- Seite 369 - 370 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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369 S. J. Anauchi: Chajim Woltenuan. 370 MURILLO. Moses schlägt Wasser aus dem Felsen. MADRID. waren ihre Züge, und die Sehnsucht träumte aus irhen Augen. „Wo kommst du her?" fragte sie verwundert. Und über ihr übernächtigtes Antlitz flog eine bewegte Welle. „Ich weiss es selbst nicht," sagte Chajim verschämt. „Ich habe die ganze Nacht dort auf dem Hügel gesessen." „Warte doch ein Weilchen," bat sie. „Ich komme gleich zu dir hinaus. Ich habe auch die Nacht nicht schlafen können." Lise kam. Und beide setzten sich auf eine Bank, die vor dem Gartenhause stand. Sie sah ihn mit Blicken wehmütiger Sehnsucht an. „Wolterman! Denkst du über mich nach?" Er schwieg. „Du weisst ja nicht, was in mir vorgeht." Ihm war, als löste sich ein Stück seine Herzens von Km, Und ein tiefes Mitleid packte ihn mit dem Mädchen. 5ie, auch sie verzehrt sich in Schmerzen. Auch ihre Seele iegt auf der Folter. Noch eine Welt der Leiden. Auch sie. Er konnte nichts sagen. Da begann sie zu erzählen. Seit er hierher gekommen, war ihre Ruhe dahin. Die alten Träume standen wieder uf. Und eine schwere Scham raubte ihr alle Freiheit. . . . >ron Nächten, die den Schlaf nicht kennen, erzählte sie ihm. Jnd von der Bitternis ihres jetzigen Lebens. So sassen sie eine Weile. Dann aber erhoben sie sich md gingen planlos durch die Villenstadt und durch die Strassen von Wilna. Er war schweigsam. Sie aber sprach, md ihrer klagenden Worte war kein Ende. Es war ein Ungen nach Befreiung. Eine Reinigung von all dem Ekel, ten ihr die Umgebung, den sie sich selbst gebracht. Leben md Freude, sich selbst hatte sie ertränkt. Und die Kraft, wieder einmal in die Höhe zu neuer Reinheit emporzusteigen, war ausgebrannt. So schwer sie die Welt anklagte, für sich selbst hatte sie nur den Fluch. — Gegen Abend kam Wolterman in seine Wohnung. Allein. Sein ermatteter Körper sank aufs Bett. Ruhe konnte er nicht finden. Er wälzte sich umher, bis er plötzlich — das erste Mal, seit er hier wohnte — oben in einem Balken ©inen grossen, schwarzen, eisernen Haken bemerkte. . . . Und ein bitterer Gedanke zog in seine Seele. . . . In dieser Nacht beschloss er, so schnell wie möglich wieder Wilna zu verlassen. In dem Zimmer konnte er nicht länger wohnen. Ihn schreckte der eiserne Haken. Mit diesem Haken konnte er nicht allein sein. . . . Eine Woche später bekam er einen Brief von einem Bekannten aus Warschau. Er solle nur dorthin kommen. Er würde schon Stunden finden. Aber dieser Brief gab ihm keine frohen Hoffnungen mehr. Er reiste noch am gleichen Tage ab. Er sah nur die Finsternis vor sich. Am Bahnhof blickten ihn die langen Schienen, die sich weit in die Welt hinausstrecken, so seltsam an, als wollten sie agen: Mensch! Die Welt ist gross. Sie ist frei und offen. Komm mit uns, wohin du willst. Rechts und links. Ueberau* findest du ein Plätzchen! . . . Und ein fröhlicher Wind durchkoste sein Herz. Bald aber war er verflogen. Er war allein in dem Wagen. Allein mit sich. Denn die Hoffnung fuhr nicht mehr mit. Der Schmerz einer neuen Erkenntnis quälte ihn: Die Städte, in denen er bis jetzt gewohnt, waren unschuldig an der Not seines Lehens. Er verliess jetzt Wilna. Aber geholfen war ihm damit nicht, . . . Übersstzt von Dr. Th. Zlocisti. TRAEUMER DES GHETTO. Von Dr. Max Jungmann. Nachdruck verboten. In der biographischen Einleitung zu den Essays, lie unter dem Titel „Träumer des Ghetto44*) zu einem *) Israel Zangwill: Träumer des Ghetto. Deutsche autorisierte Ausgabe durch Dr. Hanns Heinz Ewers, unter Mitwirkung des Verfasser?. 2 Bde. Berlin 1908. Verlag Siegfried Cronbach. 8,00 M. umfangreichen Buche gesammelt sind, schreibt der Herausgeber: ,,Hier gibt Zangwill fein empfundene Bilder aller großen Juden seit der Diaspora. Da wird uns der ewige Renegat Uriel Acosta lebendig, da entsteht vor unserm Auge der andre Konvertit Sabbatai Zewi, der jüdische Messias. Moses Mendelssohn tritt