Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Sonnenthal
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 4)
- Language
- German
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307 Max Schacherl: Sonnenthal. 308 Welt, an sein Herz drücken. Das Wort kann heucheln; die Geste in ihrer Impulsivität kann es nicht, sie kann nur grosse, innerliche Gefühle ausdrücken. Nehmt dies und nehmt sein Leben hinzu, dieses rührend-innige Familienleben, und darüber stellt die Worte: „Ich habe als Jude gelebt . . . ,u Wie einen Fürsten haben sie ihn begraben. Und war doch blos ein Schneidergeselle, ein Schauspieler, ein Jude. Dies alles war er, aber er blieb im Leben, in der Kunst, — Sonnenthal, blieb er selbst . . . # H: Mit starken Strichen hat er sich eingezeichnet in das Buch unserer Zeit. Sein Blatt wird übergehen in die Bücher späterer Zeiten, die Nachwelt wird die Kränze aufbewahren, die ihm die Mitwelt geflochten. Nicht seine Kunst allein ist's, die ihm ein langwährendes Gedenken sichert. Sein Selbst mag fortleben! War es doch eins mit seiner Kunst, war doch sein Wirken unlösbar verbunden seinem Wesen. Die Zahl der Männer, die in uneigennütziger und hingebender Weise für das Wohl der Juden wirken, ist nicht gross; zu klein jedenfalls für die Not unserer Tage. In dem jüngst heimgegangenen Justizrat Dr. Lachmann hat die Judenheit einen ihrer Besten verloren. Nicht nur, dass er als aktives Mitglied dreier grossen Institutionen eine reiche Wirksamkeit entfaltete, sondern, dass ihm neben seinem schweren Beruf auch Zeit blieb, sich um die kleineren und kleinsten Fragen, die jüdisches Interesse berühren, zu kümmern. Die J. C A. besass in ihm eines, ihrer bewährtesten leitenden Mitglieder. Im Vorstand der Jüdischen Gemeinde war Justizrat Lachmann 2 Dezennien hindurch unermüdlich tätig und immer zu neuen Werken Anregung gebend. Der Verband der deutschen Juden dankt zumeist Dr. Lachmann, was er bisher an positiven Resultaten geleistet hat. Die J. C. A. hat bekanntlich keine leichte Aufgabe. Sie verwaltet die Fonds, die Baron Hirsch s. Zt. zur Schaffung eines grosszügigen Colonisationswerkes hinterlassen hat. Wer den Umfang jener Arbeit, den die J. C. A. unermüdlich leistet, auch nur zum Teil ermessen kann, der wird eine Vorstellung haben, wie gross das Tätigkeitsgebiet aller jener Männer ist, die an der Verwaltung der Organisation teilhaben. Lachmanns Tätigkeit als Vorsitzender der Berliner Jüdischen Gemeinde hat der Vorsitzende der Repräsentanten-Versammlung Herr Louis Sachs Dieses ist zu sagen, um die weitreichende Wirkung zu erfassen, die Sonnenthal wie keiner vor ihm ausgeübt. Was könnten wir auch Neues über seine Kunst sagen? War doch das Längst geschriebene auch nicht neu. Was immer über ihn gesagt wurde, immer musste der Mensch Sonnenthal an der Spitze der Betrachtung stehen. Dieser Mensch war so gross wie seine Kunst. So konnte er den erhabensten Gestalten, den liebenswürdigsten Charakteren der Dichtung sein Abbild, den Abglanz seines Wesens leihen, so haben sie einst in ihm den galanten, tändelnden Marquis des Rokoko geliebt, wie später „Nathan den Weisen". Armselige Menschenworte können nur zu erklären versuchen. Ein Dichter möge sprechen: „Er wurde gross. Er war der ganze Wald, er war das Land, durch das die Strassen laufen. Mit Augen wie die Kinder sassen wir und sahn an ihm hinauf, wie an den Hängen von einem grossen Berg: in seinem Mund war eine Bucht, drin brandete das Meer." Nachdruck verboten. in einer der letzten Sitzungen in warmen Worten gekennzeichnet: „Er ist dahin, wir müssen ohne ihn suchen, weiter zu arbeiten. Hoffen wir, dass wir Männer finden werden, die in seinem Sinne bereit sind, an dem Gedeihen unserer grossen Gemeinde mitzuwirken. Ich bin sicher, dass wir alle diesem verdienten Mitarbeiter, diesem treuen Arbeiter und guten Juden ein ehrendes Andenken über das Grab hinaus bewahren werden. Ich spreche aus der Mitte der Repräsentanten der Berliner Gemeinde". Das sind Worte, die wir uns zu eigen machen können. Sie sagen nicht zu viel, eher zu wenig. Es ist schwer zu loben, wenn schon das ganze Leben dieses Mannes ein Lob bedeutet. Ein Lob, das seine bescheidene Natur sich nicht selbst gespendet, das aber unmittelbar aus seiner Wirksamkeit entspringt. Es bleibt noch zu sagen, dass er alle Pflichten, die er übernommen, treu und gewissenhaft erfüllt, und dass er einer jener Wenigen ist, deren öffentliche Wirksamkeit von keinem Widerspruch angetastet war. Er ging gerade seines Weges, ehrenhaft und zielsicher. So blieb er seiD ganzes Leben lang. 56 Jahre ist er alt geworden, zu jung ist er gestorben, für die Judenheit jedenfalls viel, viel zu früh. Die Erinnerung an sein gedeihliches Wirken und Schaffen wird wohl bleiben; der Lärm des Tages wird das dankbare Gedenken an diesen edlen Menschen nicht verschlingen. JUSTIZRAT DR. EDMUND LACHMANN.