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Ost und West · 1909-05-01 · Heft 5 (Mai 1909) · p. Seite 283 - 284

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 5 (Mai 1909)
Article
Moses in der bildenden Kunst
Date
1909-05-01
Page
Seite 283 - 284 (sequence 2)
Language
German
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283 G. Kutna: Moses in der bildenden Kunst. 284 habenen ein Pensum lehrhafter Tröstlichkeiten, zum Auswendiglernen, Deuteln und Katechisieren. Bei den mannigfachen und nicht immer sehr geistvollen, zuweilen recht gewaltsamen, füs unser Gefühl kaum noch fasslichen Deutungen, die von der kirchlichen Exegese ins Endlose ausgeführt werden, musste das Menschenbild schemenhaft und leblos werden. Auf die Einzelheiten derartiger Paralellisierungen und Zusammenspannungen brauchen wir für unsere Leser nicht einzugehen. Sie könnten das Bild nur verwirren und fast völlig ins Schattenhafte und Wesenlose rücken, ohne dass sie uns auf der anderen Seite irgend einen Gewinn böten. Auch die Wanderlegenden der Midrasch-Literatur, die oft von einer liebenswürdig-phantastischen Poesie sind, nehmen der Persönlichkeit viel von ihrer markanten Kraft. Nach Märchenart wird da erzählt, wie Moses vom Pharao zu Tode verurteilt wird, sein Hals aber beim Streich des Henkers hart wie Stein wird, wie er dann vierzig Jahre in Aethiopien König it»t, zehn Jahre lang in Midjan gefangen sitzt und von seiner späteren Frau verköstigt wird; seine Seele wird durch einen Kuss Gottes von ihm genommen, und nach seinem Tode kämpfen der Teufel und der Erzengel um seinen Leichnam. Durch solch fabulierende Zutaten wird die Erscheinung dieses grössten aller Menschen verschwommen, wenn auch Merkmale des Lebens darin kenntlich bleiben. Schlimmer als diese poetische Verzierung ist die moralisierende Interpretation der Kanzelredner und Erbaunngsschriften. Die machen aus Moses ein Beispiel für Bescheidenheit, Friedensliebe, Sanftmut und andere behaglichen Tugenden und glätten diese Gestalt aus Erz und Stein zu einem Muster von Wohlerzogenheit ab. Zum Glücke hat sich die Kunst nicht immer danach gekehrt, und wo sie es tut, wird sie zwar seiner Grösse nicht gerecht, umrankt aber sein Bild mit manch reiz vollem Ornament. Die theologische Exegese bietet auch dafür wenig Spielraum, wohl aber die Legende in ihren spielerischen Erfindungen. Als Vorbild für die Taufe stellt ihn die kirchliche Kunst schon in den Katakomben, an Sarkophagen und kunsthandwerklichen Gegenständen der frühchristlichen Zeit dar, und er bleibt in dieser Bedeutung beim Durchzug durchs rote Meer und beim Wasserquell typisch für das ganze Mittelalter. Die Gesetzgebung vom Sinai ist als vorbildliche Parallele der Ausgiessung des heiligen Geistes an die Seite gestellt (Altaraufsatz von Klosterneuberg, Armen-Bibel, contcordantia caritatis). Ebenso verbreitet ist Moses mit der ehernen Schlange als Vorbild des Kreuzwunders (Joh. 3, 14—15), in welcher Form er unter den Heiisgestalten mittelalterlicher Kathedralen (Chartres, Bourges, Reims. Amiens u. a.) zu stehen pflegt. Die uns vertraute und besser charakterisierende Beigabe der Getetzestafeln findet sich gleichfalls an diesen Kathedralen des Mittelalters, doch behagt sie dem christologischen Sinn der Zeit weniger als das prototypische Symbol der Schlange. Ein uns unverständliches Motiv entnahm die Kunst der — von Rhabanus Maurus und Honorius Augustodunensis festgelegten — Auffassung, der brennende Dornbusch sei ein Symbol der jungfräulichen Mutterschaft: Maria erscheint daher mit dem Kinde in dem Dornbusch, zu dem Moses aufschaut. So ist es am Nordportal der Kathedrale von Chartres in Stein ausgehauen, ebenso haben es die Kathedralen von Laon und Amiens; das Malerbuch vom Berge Athos schreibt die Erscheinung mit einem Engel zur Seite bei der Darstellung des Dornbuschs für die byzantinische Kunst vor, in der auch Moses, den brennenden Busch tragend, mit dem Christkind erscheint (Kloster Iviron). In anmutsvollem Reiz ist die Legende von Nicolas Proment (Maitre Nicolas) d'Uzes auf dem Bilde des Königs Rene in Aix-en-Provence gemalt: Moses zieht seine Schuhe aus und blickt erstaunt nach oben, da ein lieblicher Engel herankommt und in inniger, holder Weise zu ihm spricht. Im Laube einer Baumgruppe sitzt Maria mit dem Jesukinde und blickt ihn huldvoll an. Das Rhonetal mit denBurgen von Beaucaire nnd Tarascon dehnt sich lieblich im Hintergrunde.*) Auch im M. A. FRANCESCHINI. Die Findung Moses. WIEN. *) Die Unterschrift auf dem Bilde sagt — nach dem Breviariuni Roman um —: Rubum quem viderat Moyses incombustum conservatum agnovimus tuam laudabilem virginitatem sancta iJei genetrix. — Notre Dame del'Epine dankt der Legende ihre Entstehung. Einmal sahen die Hirten eineu weissen Busch sich in strahlendem Glänze erhellen, darin sich ihnen die Jungfrau mit dem Kinde zeigte. Man baute dann an der Stelle des Dornbusches die Kirche und schmückte die Apsis mit dem Glasgemälde, auf dem die Hirten mit ihren Schafen und die Bauern und Bürger von Chalons auf den Knien die wunderbare Erscheinung erschauen. — In den französischen Mysterien erscheint der Engel in der Gestalt Jesus.

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