Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die hebräische und jargonische Presse im Jahre 1908
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 249 - 250 (sequence 2)
- Language
- German
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249 Josef Lin: Die Hebräische und Jargonische Presse im Jahre 1908. 250 blatt „Haolam" ist inzwischen von Köln-Berlin nach Wilna, dem Sitz des zionistischen Zentralkomitees in Russland, verlegt worden, und hat unter der neuen Leitung publizistische Besserung erfahren. Die in Berlin erscheinende, von der Gesellschaft „Sinai" edierte Vierteljahresschrift „Heatid" ist der voraussetzungslosen Ergründung des als historische Kontinuität und ethische Weltanschauung aufgefassten Judentums inbezug auf seine kulturellen Entwickelungsmögliehkeiten gewidmet. Es ist das Organ der Denkenden, denen der Judaismus ein philosophisches Kulturproblem ist. Die Wochenblätter „Hayehoody" in London und „Hamicpe" in Krakau vertreten die orthodoxe Richtung. In Galizien erscheint auch ein Organ der „talmudischen Bachurim" unter dem Namen „Haschachar", welches eine Modernisierung der „Jeschiwah"-Kreise erstrebt und nicht ohne Geschmack redigiert wird. Besondere Beachtung verdient die hebräische Presse in Palästina. Man erwartet von dort ein „neues Wort", eine neue Nuance, die in der Diaspora vermisste Frische der Naturdüfte. Diesen r Bodengeruch" verspürt man auch namentlich in der Quartalsschrift „Haomer" in Jaffa. Malerische Naturschönheiten des palästinischen Bodens, blühender Orangenfelder und schattiger Pappelalleen, ratender Bergesgipfel am Seegestade und der dunkelblauen Meeresfluten, sowie stimmungsvolle Bilder aus dem jugendlichen Treiben der Landarbeiter und Baumpflanzer sind darin mit sonniger Anmut geschildert. Die Devise der Jerusalemer Halbmonatsschrift „Hapoel Hazair" ist: „Von Palästina ist durch Arbeit Besitz zu ergreifen!" Es ist das Organ der gleichnamigen nationalen Arbeiterorganisation und übt freie Kritik an den dortigen sozialen und kulturellen Erscheinungen. Das von Ben-Jehuda in Jerusalem herausgegebene Halbwochenblatt „Haschkafa" ist in eine Tageszeitung mit dem Namen „Hazewi" umgewandelt worden und befasst sich vornehmlich mit den Gemeindeangelegenheiten und dem Leben der Juden in den Städten. Es vertritt einen fortschrittlichen Standpunkt, während „Hachawazeleth" der orthodoxen Richtung angehört. Die hebräische Gesamtpresse zeigte im vorigen Jahre eine aufsteigende Linie, eine merkliche Kraftentfaltung und Ansätze zur Weiterentwickelung. LITERARISCHE Berthold Auerbach. Der Mann. — Sein Werk. — Sein Nachlass. Von AntonBettelheim. (J. G. Cottas Nachf., Stuttgart und Berlin.) Dieses Werk ist ein biographisches Denkmal. Von seinen fielen Freunden wurde Berthold Auerbach immer gedrängt, die Geschichte seines Lebens niederzuschreiben; hätte der Dichter dies getan, ei hätte uns damit ein Bild seiner Zeit gegeben, hätte uns damit die Grossen seiner Zeit näher gebracht. Auerbach hat nie die Ruhe und Sammlung gefunden, am seine Memoiren zu schreiben. Vom Jahre 1830 aber bis zu seinem Tode führte er eine regelmässige Korrespondenz mit seinem „besten vertrauenswerten Freund", dem Oberlehrer Dr. Jakob Auerbach in Frankfurt a. M. Diese Briefe, nicht minder auch eine Anzahl jener, die er an andere Freunde gerichtet, sind ein wertvolles Material, um Auerbachs Leben und Wirken gerecht zu werden. Die Lücken aber, die naturgeiüäss zwischen Brief und Brief liegen, hat Dr. Anton Bettelh e i m mit feinem Verständnis, mit liebevoller Hingabe an die Materie ausgefüllt, mit sicherem Blick jene kleineren oder grösseren Begebenheiten eines Dichterlebens erfasst, <He von symptomatischer, erklärender Bedeutung sind. Xach Lessings Wort lässt sich erst ein halbes Jahrhundert nach dem Tode eines Dichters abmessen, wieviel er seiner Zeit geschenkt, wievieles davon die Zeit überdauern und Gemeingut des Volkes werden wird. Vor einigen Wochen jährte sich zum siebenundzwanzigsten Male der Todestag Berthold Auerbachs. Frisch und unverwischbar wie ehedem lebt sein Name. Der Dichter des „Baruch Spinoza", der „Schwarz- «aldgeschichten" und des „Landhaus am Rhein" wird 'mmer wieder genannt werden müssen, wenn in unserer Zeit einer dekadenten Literaturrichtung ein natürlicher und gesunder Poet gezeigt werden soll. Ja, Berthold Auerbach ist IXUllUjV^I lf\VJ. Nachdruckverboten. noch so frisch in unserer Erinnerung, dass es keiner langen Gedenkartikel bedarf, um ihn zu „beleben". Das vorliegende, ausgezeichnete Buch, das Anton Bettelheim dem Leben und den Werken des unvergesslichen Dichters widmet, ist eine Tat. Frei von jeder freundschaftlichen Uebertreibung, gerecht und verständig im Urteilen, erzählt es von den sonnigen Jugendtagen des Dichters in seinem geliebten Nordstetten, dem nie versiegenden Bronnen seiner Poesie; zeigt uns Auerbach in der alten „Burschenherrlichkeit", später in seinen inneren Wandlungen, bis wir ihn nach den vielen Fährnissen der „Lehr- und Wanderjahre" auf der Höhe seines Ruhmes sehen, bis dann seine ersten Geschichten aus dem Schwarz - wald den Namen des Dichters durch alle Lande tragen. Und da Bettelheim dieses Leben voll Ruhm und Glanz und Freundesliebe schildert, muss er Halt machen an jenem Punkte, jenem Zeitabschnitte, der in Auerbachs Leben der traurigste und schmerzlichste ist. „Vergebens gelebt und gearbeitet! . . ." Das war der Ausdruck seines heissen Schmerzes, als gegen Ende der siebziger Jahre der „Rassenantisemitismus" das öffentliche Leben zu vergiften begann. Wir finden in dem Buche manch neues Wort Auerbachs über die traurige Erscheinung, einige Neudrucke von Briefen lassen auch des Dichters streitbare Natur erkennen, die zum Ausdrucke kam, wenn es das Los seiner Glaubensgenossen galt. Er hatte das Ziel und die Kraft seines Wollens dem deutschen Volke gewidmet, sein Vollbringen ihnen dargebracht. Und sah sich dann auf der Höhe des Lebens verraten in seinen Glaubensgenossen, besudelt in den Verdächtigungen ihrer Ehre. Die Treitschkes und Billroths Hessen ihn zwar trösten: nicht ihm, dem deutschen Dichter, gelte der Kampf. . . . „Ja, wenn alle Juden so wären wie Sie!" . . sagte man dem Dichter herablassend, worauf er gewöhnlich ant-