Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die hebräische und jargonische Presse im Jahre 1908
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 247 - 248 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583985-2599429--09261-2599486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
247 248 DIE HEBRAEISCHE UND JARGONISCHE PRESSE IM JAHRE 1908. Von Josef Lin. Nachdruck verboten. Die hebräischen und jargonischen Blätter unterscheiden sich von den jüdischen Organen in anderen Sprachen wesentlich dadurch, dass sie sich nicht nur mit spezifisch jüdischen Angelegenheiten, sondern auch mit den Erscheinungen und Problemen des allgemeinen Lebens befassen. Sie sind für ihr Publikum die Informations- und Belehrungsquellen für alle Gebiete und Aeusserungen des sozialen und geistigen Geschehens, wenn auch das jüdische Leben mit seinen Sorgen und Kämpfen, Bestrebungen und Hoffnungen natürlicherweise dabei im Vordergrunde des Interesses steht. Die hebräische und Jargonpresse haben mancherlei Berührungspunkte miteinander, behandeln meistens dieselben Gebiete und Gegenstände und sind zum Teil auch für dieselben Kreise bestimmt; nichtsdestoweniger herrscht zwischen ihnen ein gewisser Antagonismus, der prinzipieller Natur ist und sich mitunter in gegenseitiger Befehdung äussert. Und tatsächlich kann man dabei konstatieren: towmopnwa Die eine entwickelt sich auf Kosten der andern. In den letzten Jahren zeigte die Jargonpresse besonders in Kussland einen fast plötzlichen Aufschwung, während die hebräische Presse einen jähen Niedergang erlitt. Im verflossenen Jahre hat sich das Verhältnis merklich geändert. Verschiedene periodische Erscheinungen im Jargon, wie die Tageszeitung „Der Weg" in Warschau, die schöngeistige, vielversprechende „ Literarische Monatsschrift" in Wilna, die Wochenblätter „Der Jud'" in Krakau und „Der jüdische Kämpfer" in Newyork und a. m. sind eingegangen. Selbst die erste und einflnssreichste jargonische Tageszeitung in Russland, „Der Fraind" in Petersburg, musste eine zeitweilige Unterbrechung des Erscheinens erfahren. Dieses Organ, das seit dem letzten Dezember wieder herausgegeben wird, erhebt den Anspruch, an der Spitze der gesamten Jargonpresse zu stehen. In Eussisch-Polen sind die in Warschau erscheinenden jargonischen Tageszeitungen „Unser Leben" und „Haint" viel verbreitet. An der letzteren beteiligt sich namentlich der talentvolle und wissensreiche Schriftsteller Hillel Zeitlin, der auch in der hebräischen Literatur einen hervorragenden Platz einnimmt. Zu den redaktionellen Leitern von „Unser Leben" zählt u. A. der bekannte jargonische Romanzier M. Spektor. Seit Beginn dieses Jahres erscheint in Wilna ein jargonisches Tageblatt unter dem Namen „Die Jüdische Zeitung", die einen durchaus ernsten, wenn auch noch nicht ganz ausgeprägten Charakter trägt. In der letzten Zeit weist die amerikanische Jargonpresse Ansätze zu einem intellektuellen Aufstieg auf. Der genannte, jetzt wieder angekündigte „Jüdische Kämper" — ein Organ der „Poale Zion" —, die von Dr. Wortsmann herausgegebene Monatsschrift „Die jüdische Zukunft" und „Das Neue Leben", welches von dem hochgebildeten und geistig hervorragenden Dr. Ch. Zhitlowsky redigiert wird, haben an sich nichts von „amerikanischer Eigenart" und tragen in Inhalt und Form einen durchaus würdigen Charakter. Die zahlreichen jüdischen Intelligenzen, welche in den letzten Jahren namentlich aus Russland nach New York ausgewandert sind, scheinen im dortigen Ghetto eine geistige Regeneration allmählich vorzubereiten, die sich auch in einem Teile der Jargonpresse daselbst ankündigt. Erwähnenswert sind noch die „Jüdischen Gazetten", das „Jüdische Tagblatt", „Die Wahrheit" und der „Vorwärts" — sämtlich in Newyork. Von den galizischen Jargonblättern sind insbesondere der wöchentlich erscheinende, poale-zionistische „Jüdische Arbeiter" und das vielgelesene „Tagblatt" in Lemberg zu nennen. Im Allgemeinen hält die jüdische Presse — nicht nur die jargonische — in Galizien nicht gleichen Schritt mit dem regen geistigen Leben in den verschiedenen Volksschichten der dortigen Judenheit, die mehr konsumierende, aufnahmefähige Kräfte als produzierende, schöpferische aufweist. Alles in allem war das vergangene Jahr für die Jargonpresse nicht besonders günstig. Es bekundete, dass die Möglichkeiten ihrer Ausdehnung und Verbreitung überschätzt wurden. Der Jargon ist für die weiten jüdischen Volkskreise kein Ideal und wird deshalb nach und nach von der Landessprache verdrängt. Anders verhält es sich mit dem Hebräischen, das an die historische Tradition anknüpft und für einen Teil der östlichen Judenheit ein geistig-nationales, ideales Band bildet. Auch das verflossene Jahr zeigte, dass in diesen Kreisen die Anhänglichkeit an das Hebräische zu tief eingewurzelt und mit ihrem ganzen Denken und Fühlen zu eng verbunden ist, als dass es von äusseren Einflüssen und Hemmnissen auf die Dauer verdrängt werden könnte. In der hebräischen Presse hat sich wieder regeres Leben und Schaffen entfaltet. Mehrere neue Publikationen, insbesondere Sammelschriften für schöne Literatur, Dichtung und Kritik, sind begründet worden und ertreuen sich weiterer Verbreitung. Da sind besonders zu nennen: die Sammelschriften „Rewiwim" in Lemberg, herausgegeben vom jungen, talentvollen J. Ch. Brenner; und „Safruth" und „Reschofim" in Warschau, beide redigiert von dem bekannten Kritiker und Novellisten David Frischmann, der seit Beginn dieses Jahresauch eine grosse hebräische Tageszeitung „Haboker" herausgiebt. Die tägliche Zeitung „Heed Hasman" in Wilna hat sich literarisch gebessert und verfügt über eine gute Berichterstattung. Die Sammelstätte modernen Hebraismus ist immer noch die von Achad-Haam begründete, jetzt von Dr. Josef Klausner und dem bekannten Dichter Bialik redigierte Monatsschrift „Haschiloah" in Odessa, die sich nach einer überwundenen Krisis sicherer Existenz erfreut. Das zionistisch-offizielle Wochen-