Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Palästinareise des Dichters Ludwig August Frankl
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 245 - 246 (sequence 3)
- Language
- German
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245 Dr. Eugen Wölbe: Die Palästinareise des Dichters Ludwig August Frankl. 246 Jerusalemite einen Riss in den Kragen seines Jacketts, mit dem Bemerken, dass jeder jüdische Pilger beim Betreten der Stadt zum Zeichen der Trauer über ihre Zerstörung ..sein Kleid zerreissen" müsse. Ja, Frankl trauerte über das wechselvolle Schicksal Jerusalems; weit mehr aber trauerte er — je länger er in seinen Mauern weilte — über den geistigen und sittlichen Tiefstand seiner Bewohner. „Dies polnisch-russische Gesindel" — schreibt er an Anastasius Grün — „sind das die Wächter Zions? Diese am Heiligen Grabe sich blutig schlagenden Christen — sind das seine Hüter? Einer erscheint nur achtungswert hier — der Muhamedaner, der glücKlicherweise die Polizei vorstellt: sie würden sich sonst untereinander erschlagen. — Alles wird hier, wie in einem Raritätenkabinett, gedankenlos und ohne Weihe, gezeigt; und immer wieder muss ich den Inhalt der h. Bücher mir gewaltsam gegenwärtig halten, um den schönen Gedanken nicht zu verlieren: hier ist welthistorischer und heiliger Boden! Wäre Jerusalem nicht zerstört, es müssten jetzt alle Wetter des Herrn niederfahren und ein totes Meer ausgiessen, wie über Sodom und Gomorrha." In seinem Schmerz beneidet er seinen berühmten Dichtergenossen Jehuda Haie vi, der vor den Toren Jerusalems getötet wurde: „Ein Lanzenstoss hat Dir das Herz durchstochen, Mir gingen tausend durch die Seele hier; Ein fremder Feind hat Dir das Herz gebrochen, Der Stammgenosse und der Bruder mir! Du Glücklicher! Vom Feind sahst Du getreten Dein Volk, ich aber sah, wie's selbst sich schlägt Und in der Stadt des Herrn und der Propheten Zur Schau die geistigen Ruinen trägt. Zerbroeh'ne Säulen und geborst'ne Quadern, Was sind sie wert noch, denen Gott gegrollt, Wenn dem, der um sie weint, nicht in den Adern Der warme Strom der echten Liebe rollt!" Ein Werk der Menschenliebe ins Leben zu rufen, war Frankl nach Jerusalem gekommen, nachdem er dessen jüdische Bevölkerung — wie wir wissen — vorher durch ein gedrucktes Rundschreiben von dem Zweck seiner Reise, nämlich von der Gründung einer Schule, in Kenntnis gesetzt hatte. Für diese Absicht hätte sie ihn wie einen Fürsten aufnehmen und dankbar jeden Schritt segnen müssen, den er zur Ausführung seines Planes unternahm! Und was geschah? Die geistlichen Führer der russisch-polnischen Juden der Heiligen Stadt fürchteten, die reichen Spenden der europäischen Glaubensgenossen würden spärlicher fliessen, wenn die Juden sich durch Aneignung von Schulbildung xui eigene Füsse stellen könnten; drum taten sie das edle Unternehmen und seinen Stifter in Bann. An den Strassenv;cken wurden diese „Bannbullen" angeschlagen, deren eine folgenden Wortlaut hat: „Im Namen des Heiligen Gottes legen wir in Bann den Bösewicht Frankl, der gekommen ist, um in der Heiligen Stadt ein Jlaus der Ungläubigen zu errichten. Wir legen in Bann alle, die dies Haus der Ungläubigen betreten. Jerusalem soll nicht einer verworfenen Stadt gleichen. Wehe über uns \\ Sicherlich wäre Frankl tätlich angegriffen worden, wenn er nicht wiederholt seinen geladenen Revolver hätte sehen lassen und nicht der österreichische Konsul die Vorsteher jener Gemeinden für jede seinem Landsmann zugefügte Unbill verantwortlich gemacht hätte. Im Gegensatz zu ihren osteuropäischen Brüdern zeigten sich die Sephardim (die Nachkommen der im Jahre 1492 aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden) dem Plane Frankls sehr geneigt. Die Versorgung durch fremde Glaubensgenossen, statt durch eigne körperlich oder geistige Tätigkeit, widerstrebte ihrem ritterlichen Sinne. Darum setzten ihre Vorsteher den Bau der Schule durch. Als sich aber in der Stadt die Kunde verbreitete, es wären bereits -wanzig Zöglinge zur Aufnahme vorgemerkt, begrüssten alle Juden der Stadt — ungeachtet des „Bannes" — die neue wohltätige Anstalt mit grosser Freude; und wenn der Gründer sich jetzt auf den Strassen sehen Hess, umdrängten ihn die Armen und baten, ihre Kinder in die neue Anstalt aufzunehmen. — Der Fluch, den die bildungsfeindlichen Rabbiner über ihn ausgesprochen hatten, verwandelte sich auf den Lippen der Bevölkerung in Segen: „Nimm mein Kind in die Schule auf, dann wird dich der Herr mit Kindern segnen!" „Dein Andenken wird gesegnet sein!" „Zürne uns nicht um deretwillen, die dir Kummer bereiten!" „Lass uns nicht die Sünde der Undankbaren büssen!" Diese Bitten, diese Segenswünsche rührten unseren Freund aufs tiefste. Er fühlte sich versöhnt und freudig erhoben: der Lärm fanatischer Eiferer, die sich Führer der Gemeinde nannten, war also nicht der Ausdruck der Menge l Nur der Gedanke schmerzte ihn, dass die Mittel der grossmütigen Stiftung nicht gestatteten, alle Kinder, die sich meldeten, aufzunehmen. Immerhin konnte die Schule im Juli 1856 mit vierzig Zöglingen eröffnet werden, von denen zunächst nur die Hälfte in der Anstalt beköstigt und bekleidet wurde. Nachdem die Lämel-Schule ein Menschenalter hindurch segensreich gewirkt hatte, wurde sie im Herbst 18S7 bedeutend erweitert, als der „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" mit ihr ein Waisenheim vereinigte. Im Jahre 1903 wurde die Schule aus ihren gemieteten Räumen in ein eigenes, neuerbautes Heim verlegt, das ausser den Direktor- und Lehrerzimmern einen Betsaal, sieben Klassenzimmer und einen Prüfungs- und Zeichensaal enthält, der 200 Schüler fasst. Inzwischen hatte der bereits siebzig Jahre vorher von dem edlen Menschenfreunde SirMosesMontefiore angeregte Gedanke, die palästinensischen Juden dem Ackerbau zuzuführen, einen deutschen Rabbiner, den im Dienste jüdischer Bruderliebe unermüdlich tätigen D r. S a 1 v e n d i in Dürkheim, zu einer Spendensammlung zum Zwecke der Kolonisierung Palästinas begeistert, von der er 100 000 Mark der Lämel - Stiftung überwies, damit an sie eine landwirtschaftliche Schule angegliedert würde. (Dass die Alliance Israelite Universelle in allen grösseren Städten des Heiligen Landes Musterschulen jeder Art unterhält, Elementar-, Handwerker-, Lehrlings-, Ackerbauschulen, ist unsern Lesern bekannt). Als Frankl auf dem geschilderten dornenvollen Wege die Schule ins Leben rief, erfüllte ihn die bange Sorge, sein Werk würde sich nicht halten können und bald eingehen, wie es mit ähnlichen wohltätigen Schöpfungen Montefiores in Palästina der Fall war. Aber trotz aller Mühen und Enttäuschungen bekannte er mit dem Psalmisten (Ps. 102,15): „Deine Knechte lieben jeden Stein von Zion. und jedes Erdenstäubchen davon finden sie anmutig" und „Von Zion aus, der Schönheit Inbegriff, strahlt Gott einher" (Ps. 50,2) Diese beiden Verse Hess er in einen auf dem Oelberge gebrochenen Stein meisseln, den er als Schlussstein für den damals im Bau befindlichen Tempel des 2. Bezirks in Wien bestimmte. Wir können uns denken, dass Frankl auch seinen Freunden Andenken aiis dem Heiligen Lande mitbrachte. Dem Grafen Auersperg (Anastasius Grün) schnitzte er einen Spazierstock aus Zedernholz und sandte ihm zur Taufe seines Erstgeborenen Wasser aus dem Jordan, das er selbst geschöpft hatte. Er sandte ihm ferner Erde aus dem Tale Josafat, mit der launigen Bemerkung: „die Juden glauben, nur auf der gelobten Erde auferstehen zu können. Wer nur ein Stäubchen palästinensischer Erde sich im Grabe unters Haupt legen lässt, der kann frischweg auferstehen, und wenn es z. B. in — Preussen wäre!" Auf der Rückreise besuchte Frankl Safed und Tiberias, zwei Städte, die ihm später das Ehrenbürgerrecht verliehen, wie Jerusalem ihn durch den Ehrentitel „Nassi" (Fürst) auszeichnete. Er unternahm einen Abstecher nach Aegypten und sogar in die lybische W7üste. Im August traf er wieder in Wien ein. Die Eindrücke, die er im Morgenlande gewonnen hatte, legte er in zwei Werken nieder: „Nach Jerusalem!" und „Aus Aegypten." Das erstere zweibändige Werk*) gibt wertvolle Aufschlüsse über die jüdischen Gemeinden des Orients. Es enthält zugleich die prachtvollsten Natur- und Kulturschilderungen. Welch Aufsehen es erregte, geht daraus hervor, dass es ins Französische, Englische, Italienische. Holländische und Hebräische übersetzt wurde. Für Jahrzehnte blieb es das beste Reisewerk über das Morgenland. *) Es bildet die Quelle zu diesem Artikel.