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Ost und West · 1909-04-01 · Heft 4 (April 1909) · p. Seite 243 - 244

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 4 (April 1909)
Article
Die Palästinareise des Dichters Ludwig August Frankl
Date
1909-04-01
Page
Seite 243 - 244 (sequence 2)
Language
German
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243 Dr. Eugen Wölbe: Die Paliistinareise des Dichters Ludwig August Frankl. 244 Nachdem er in einem hebräisch geschriebenen Flugblatt „Kol mebasser" (d. h. verkündende Stimme) die Bewohner Jerusalems über den Zweck der neu zu begründenden Schule aufgeklärt hatte, reiste er am 11. März 1856 über Triest, Korfu und Athen nach Konstantinopel, wo er die behördliche Erlaubnis zum Bau der Anstalt erwirkte. Die Glaubensgenossen der türkischen Hauptstadt wetteiferten miteinander, dem berühmten Dichter, dem edlen Menschenfreunde, den Aufenthalt angenehm zu machen. So war er am Vorabend des Passahfestes beim reichsten jüdischen Kaufmann des Morgenlandes, Camondo, zu Gaste und nahni hier an der Sederfeier teil. Frankl erzählt darüber: ,,Eine lange Tafel war mit kostbaren silbernen Blumenvasen, goldblinkenden Bechern und ebensolchen schweren Schüsseln und Tellern bedeckt. In der Mitte ragte ein hoher Aufsatz hervor, auf dem die mit einer gründamastenen, goldgestickten Decke verhüllten ungesäuerten Brote lagen. Hundert Wachskerzen bestrahlten all die reiche, silber- und goldmetallene Pracht. An der Tafel sassen vier Geschlechter: der Patriarch des Hauses in buntseidenen Gewändern auf einem-von-purpurnen und goldenen Polstern errichteten Thron; ihm zur Rechten seine Söhne, zur Linken drei Töchter, eine stattliche Anzahl von Enkeln ihm gegenüber. Eine zehnjährige Urenkelin stellte mit feinem Stimmchen die in der Gebetordnung des Sederabends (Hagada) vorgeschriebenen Fragen nach der Bedeutung des Passahfestes, worauf der Urgrossvater den feierlichen Gesang anstimmte Sklaven waren wir dem Pharao in Aegypten, aber der Ewige — gelobt sei er! — hat uns ins Land der Freiheit geführt, mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme", um dann die wundervolle Geschichte vom Auszuge aus Aegypten zu erzählen, die so traurig beginnt und mit einem himmelhoch jauchzenden Triumph und mit jubelndem Siegesliede endet; sie klingt bekanntlich in die Hoffnung auf eine Wallfahrt nach dem Heiligen Lande aus: „In diesem Jahre hier, im kommenden in Jerusalem!" Wir können uns denken, welch Glücksgefühl bei diesem Verse unsern Frankl durchströmte, der sich dieses Heiles noch in diesem Jahre, schon in wenigen Wochen erfreuen sollte! Eine Reise durch Syrien und Palästina dauert heutzutage, dank der neuen Mekkabahn, nur wenige Tage. Damals keuchte das Dampfross noch nicht am Libanon und am See Genezareth entlang. Vielmehr musste ein Reisender gar viele Mühseligkeiten überwinden. Ein Reisender? 0 nein, bei dem Mangel an gangbaren Wegen, bei der Gefährlichkeit des von Räubern heimgesuchten Geländes musste Frankl sich einen orts- und sprachenkundigen syrischen Griechen dingen, der für Pferde, Maultiere, für ein Zelt und für Verpflegung sowie für Bedienung zu sorgen hatte, solange, bis die Reiseschar über den Libanon hinweg nach Damaskus, nach Baalbek, zum Zedernwalde und zurück nach Beyrut gelangt wäre. Es war eine stattliche Karawane. Der Führer, Ibrahim, ritt auf einem türkisch gesattelten Pferde voran, bewaffnet mit Flinte, Pistolen und Handschar. Dann folgte Frankl in Begleitung des Vorstehers der spanisch-jüdischen Gemeinde in Beyrut, eines Venezianers, mit Namen Alfander i, beide gleichfalls bewaffnet. Ein Maulesel trug das Zelt und das Gepäck; ein Esel trabte hinterher, um den nebenher laufenden Dienern — wenn, sie müde wurden — den Rücken zu leihen. Gasthäuser gab's nirgends. Hin und wieder lud ein „Chan"', meist eine Ruine oder im günstigsten Falle ein Häuschen, das nur einen Stall und eine kleine, offene Vorhalle enthält, an einem Brunnen zu kurzer Rast ein. Dennoch ist das fruchtbare Gelände an den Säumen des Libanon angebaut, und zwar terrassenförmig. Frankl sah häufig Bauern hinter dem mit zwei Ochsen bespannten Pfluge einhergehen und einen kunstlosen hölzernen Pflug, leicht wie das Steuer an einem Boote, lenken und den Boden nur ritzen. „Es ist, als ob die unterirdischen Kräfte hier feinhöriger wären, als im Abendlande, wo die Pflugschar tiefer und gewaltiger gehen und sie zwingen muss. Der Terrassenbau strebt bis zu den bedeutendsten Höhen hinauf, und wie leicht auch die Arbeit selbst ist, so wird sie durch die Glut der syrischen Sonne doch unglaublich erschwert; wenn man bedenkt, dass die Dörfer sehr zerstreut und weit auseinander liegen, und der Ackersmann oft stundenweit gehen muss, bis er sein Feld erreicht oder die Ernte einheimst, so bekommt man von dem Fleiss der Orientalen einen ganz anderen Begriff als den gewöhnlich verbreiteten/' Stellenweise begegnete den Reisenden eine Karawane. Schwarzbraune Männer in langen, weissen Mänteln, den weissen Turban auf dem Haupt, barf uss, mit langen Flinten bewaffnet, zogen voran. Auf Kamelen folgten weiss verschleierte Frauen, dann kamen Ziegen, Schafe, Esel und zum Schluss wieder bewaffnete Männer. Mit dem Einbruch der Dunkelheit wurde das Zelt aufgeschlagen, das Ibrahim mit einer bunten Papierlaterne erhellte. Frankl aber las in jenem uralten Buche, das die seit Jahrtausenden noch erhaltenen naiven Zustände des Morgenlandes klar, poetisch und anschaulich schildert — die Bibel. Draussen gingen die Diener auf und ab und hielten Wache. Ibrahim lag quer vor dem Eingange des Zeltes, und zwar bewaffnet bis an die Zähne. Nach mehrtägigem Ritt war Damaskus erreicht, „die wunder- und märchenverklärte, vielsäulige Stadt, das Halsband der Schönheit." Gegen Abend hielten sie vor einem Hause, das eher einem schmutzigen Lehmhaufen ähnlich sah, als einer Herberge. Sie gingen durch einen schmalen, dunklen Gang und-befanden sich in einem — märchenhaf ten Palaste ' In der Mitte eines mit weissem Marmor getäfelten, vier eckigen Hofes plätscherte ein Springbrunnen,' den blühende Orangenbäume umgaben. In den Zweigen hingen bunte Lampen, wie brennende Edelsteine aller Farben, während in den hohen, luftigen Spitzbogenhallen Laternen aus Milch glas ein geheimnisvolles Dämmerlicht verbreiteten. Ein greiser Diener führte unsern Freund in eine dieser offenen, rings mit breiten Diwanen umgebenen Hallen ein zweiter Diener brachte ein silbernes Waschbecken, ein dritter eisgekühlte Limonade, ein vierter Kaffee und Tschibuk. Frankl kam sich vor wie ein Prinz aus „Tausend und einer Nacht." Allerdings war er von den Anstrengunger des langen Rittes zu Tode ermattet. In seinem Hirn wogten die neuen phantastischen Eindrücke der letzten Tage bunt und wirr durcheinander. Immer weiter ging's den Libanon hinauf, dorthin, „w< die Zeder kühn in die Höhe strebt." Freilieh, von den ge waltigen Wäldern, die einst das Zedernholz zum Bau de salomonischen Tempels lieferten, war nur noch ein kleinem Hain übrig, der nur einige hundert Schritte im Umfang hat und „dessen neun urälteste Zedern die grünen, ewiger Säulen sind, auf denen das blaue Himmelsgewölbe zu ruhe; scheint. Ein Tempel des Herrn in erhabener Einsamkeit, ein unvergängliche Oase in einer Bergwüste, steht der kleine Wale duftend, grünend, von Prophetenworten verklärt, von tausen und tausend untergegangenen Geschlechtern bewundert, v<> ewigen Dichtern besungen und unsterblich." Die älteste Bäume haben einen solchen Umfang, dass sieben Männer si-. nicht umspannen können. Sie waren leicht zu erklettern Frankl brach einige von den unseren Tannenzapfen ähnliche Früchten und schnitt ein paar dünne Zweige ab, um sie seine? Freunden — z. B. Anastasius Grün — mitzubringei Der gewaltige Anblick, der sich dem entzückten Aul vom Libanon aus auf grüne Talkessel und das himme* blaue Meer von Tripolis bot, war nur ein Vorspiel zu de? überwältigenden Eindruck, der ein paar Tage darauf, ar Ende seiner Dampferfahrt von Beyrut nach Jaffa, auf ih einstürmte; hören wir ihn selbst: „Im Osten fingen weisse Streifen zu schimmern an silberne Franzen am schwarzen, mit Sternen besäeten Sari: tuche der Nacht. Die Steme erloschen einzeln, die weisse Streifen röteten sich und wurden immer breiter. Ein lam gestrecktes, welliges Gestade hob sich dunkel vom lichte.; Horizonte ab und ein purpurnes Funkeln ging über di Wellen der See. Noch wenige Augenblicke, und im volle ' Sonnenglanze lag vor mir — Palästina!" Eine Tagesreise von Jaffa — und Frankl war am Ziel in Jerusalem, der „hochgebauten Stadt." Beim Anblick der heiligen Stadt hielt er die Züg' i seines Pferdes stramm, damit es sich nicht bewegte un<i ihn in seiner andachtsvollen Betrachtung nicht störte. Dein* an seinem inneren Auge gingen die Taten und Gestalten aller Jahrhunderte vorüber. Tief gerührt verbeugte er sich im Sattel vor der Stadt Gottes, und heisse Tränen fielen in die Mähne seines Pferdes. Am Stadttore schnitt ihm cm

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