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Ost und West · 1909-04-01 · Heft 4 (April 1909) · p. Seite 239 - 240

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 4 (April 1909)
Article
[Ohne Titel]
Date
1909-04-01
Page
Seite 239 - 240 (sequence 2)
Language
German
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239 Revue der Revuen. 240 widmet der „Jewish Comment" eine längere Betrachtung, worin es heisst: „Es gibt heute kaum ügendein Land, das nicht als empfehlenswert für das Volk der nie endigenden Diaspora angesehen würde. Jüngst erst ist Mexiko in Vorschlag gebracht worden. Wenn nun auch der geeignete Platz füi Kolonisation noch eine Streitfrage bildet, so wird doch allgemein die Kolonisation als eine dringende Forderung betrachtet. Niemand kann sagen, dass die Lage der Juden aus Russland heute glücklicher ist, als in Russland . ." Das amerikanische Blatt kommt zu dem Schluss, dass die Einwandeiung der Juden in fremde Länder ihie Lage nicht geändert habe; der Massenstrom der Einwanderer habe überall, wo sich jüdisch-amerikanische Judenzentren befinden, das bereits bestehende Elend noch vermehrt. „Jewish Comment" folgert nun aus allen diesen Erscheinungen, dass ein Kolonisationsgebiet, geeigneter als das bisherige, gefunden werden müsse. In den „Resultats generaux du recensement de la population dans la Principaute de Bulgarie (1-ere Livraison, Direction de la Statistique) finden sich Angaben über die Staatsangehörigkeit der Juden in Bulgarien. Von den 33 661 gezählten Juden (16 596 Männer und 17 065 Weiber) waren 3437 Ausländer (1726 Männer und 1711 Weiber). Diese verteilen sich nach ihrer Staatsangehörigkeit folgendermassen: Es entfielen auf Mazedonien und Vilajet- Adrianopel...... die übrige . ....... die Türkei Rumänien Serbien...... Oesterreich-Ungarn Russland..... Griechenland . . . Andere Länder . . Unbekannt woher . Männer Weiber 532 514 266 204 330 385 197 230 161 166 151 121 23 10 20 17 46 64 Siegel des Zaren von Russland, des Sultans der Türkei, des Kaisers von China oder gar — des Königs von England." Jakob Sassoon, der Chef der Firma, lebt zumeist auf seinem herrlich gelegenen Gute in der Nähe von Wales, wo er den König von England häufig als Gast bei sich sieht. Wer Eduards VII. genussfreudige Natur etwas kennt, wird es begreifen, dass er Sassoon, den er seit vielen Jahren zuseinem Freundeskreis zählt, aus einem sehr gewichtigen Grunde in sein Herz geschlossen hat: nach der Meinung von Gourmands hat Jakob Sassoon den besten Koch von England. Und was dem Prinzen von Wales lieb war, ist dem König von England recht. Selbstverständlich ist diese Begründung der Fieundschaft des Königs Eduard für Sassoon nur scherzhaft gemeint. Unter Beteüigung der angesehensten Mitglieder der englischen Gesellschaft, im Beisein des Lordmayors von London, feierte der „ Jewish Board of Guardians" das Jubiläum seines fünfzigjährigen Bestandes. Was diese „Armenkommission" im Verlaufe von fünfzig Jahren zur Linderung der Not und für die Erziehung verlassener Kinder getan hat, lässt sich in einer kurzen Würdigung nicht sagen. Aber man denke an die grenzenlose Not und Verwahrlosung auf der Londoner Eastside, stelle sich die Schar hungernder und ohne Aufsicht und Schulung heranwachsender Judenkinder in London vor, um sich begreiflich zu machen, welches Werk hier zu vollbringen ist. In der Tat waren die Mittel dieses „Wohlfahrtsstaates", wie ihn Lord Lichfield nannte, vor kurzem schon erschöpft. Ein Appell an die Oeffentlichkeit brachte dem Board 500 000 M. in wenigen Wochen. Jetzt agitiert man in London, um noch weitere 15 000 Pfd. Sterling auf - , zubringen. Bei dem Festdiner, welches zur Feier des Jubiläums veranstaltet wurde, sprachen eine Reihe illustrer Redner, die einig in der Ansicht waren, dass die Leistungen des Board eine Hilfe für den englischen Staat bedeuten, der dem Massenelend ohnmächtig gegenübersteht. Die Vorgänge am Balkan und die österreichisch-serbische Kriegsgefahr lenken die Aufmerksamkeit auf die Juden in Serbien. Nach jüngsten Berichten dürfte sich die Zahl der Juden in Serbien auf etwa 15 000 belaufen. Es sei festgestellt, dass die wirtschaftliche Lage und gesellschaftliche Stellung der Juden in Serbien immei günstig war und ist. Inteiessant ist auch, dass einige jüdische Zeitungen des In- und Auslandes, von der bevorstehenden Kriegsgefahr ausgehend, leidenschaftlich für Serbien eintreten, „dem Lande, das den Juden eine ruhige Heimstätte geboten ..." So sympathisch diese Gefühle der Dankbarkeit auch berühren, scheinen die jüdischen Serbenfreunde zu vergessen, dass Seibien ein Kind von „Mütterchen Russland" ist, ein gelehriges und gehorsames Kind, das die Methoden des „Väteichens" gerne befolgt. Bis nun leben die Juden dort zwar ruhig und gesichert. Die Erfahrung lehrt aber, dass wir unserer Dankbarkeit schon oft viel zu früh Ausdruck gaben. ... Die englische Tagespresse beschäftigte sich jüngst mit der Ernennung des grössten Kaufmannes Indiens, Jakob Sassoon, zum Baronet von England. Der „Morning Leader" sagt u. a.: „. . . Die finanziellen Beziehungen des Hauses Sassoon in Asien, in Nord- und Mittelafrika, reichen soweit, dass der Besitzer ihres Empfehlungsschreibens unbesorgt vom Ufer des Allantischen Ozeans in Marokko bis zum Ufer des Stillen Ozeans in China reisen kann. Zu den gefährlichsten Engpässen von Afghanistan, in den entferntesten Provinzen von China und in dem vom Fanatismus beherrschten Gegenden Zentralasiens verleiht ein Passport des Hauses Sassoon mehr Sicherheit als Unterschrift und Die konstitutionelle Aera in der Türkei scheint nach vielfachen Meldungen keineswegs so günstig auf die Lage der Juden im Orient zu wirken, als mancherseits immer wieder ausgerufen wird. Die Araber sehen die Einführung der Konstitution als ein nationales Unglück an, das von den Juden hervorgerufen wurde. Die fanatischen Moslim reizen gegen die Juden auf. In Hebron werden die jüdischen Einwohner geschäftlich boykottiert. Da sie sich ausschliesslich vom Kleinhandel ernähren, so verspüren sie „die Segnungen" der Konstitution nicht so angenehm, als es manche Leitartikler, in sicherer Entfernung vom Schauplatze, glauben machen wollen. Ueber jüdische Kunst und Künstler wurde vieles geschrieben. Von Interesse dürfte es sein, die knappe Ansicht des bekannten polnischen Künstkritikers Stanislaus von Lewandowski, eines Ariers, zu vernehmen, der in der Wiener „Neuen Nat.-Ztg." das jüdische Museum bespricht, dessen Zusammenstellung er tadelt. Dann sagt er: „. . Und die jüdische Kunst? Ja — die ist eigentlich nicht jüdisch, denn die jüdischen Künstler lernen in allen möglichen Ländern und nehmen die Kunsttraditionen anderer in sich auf. Am meisten individuell sind noch die jüdischen Künstler aus Polen. Ich war ein Knabe, als ich einen der grössten jüdischen Maler, damals Mateyko-Schüler, Moriz Gottlieb, gekannt habe. Im Alter von 26 Jahren — vor 27 Jahren — ist er gestorben. Aber die grosse Zahl seiner Bilder führt mir die Grösse seines Talentes vor Augen. Ihm würdig zur Seite stand Samuel Hirszenberg, leider in Palästina vor wenigen Monaten gestorben, und eine Reihe von jüngeren, sehr talentierten Malern. ..."

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