Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 1)
- Language
- German
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237 238 REVUE DER REVUEN. In Wien starb am 22. Februar im Alter von 85 Jahren Julius Ritter von Gomperz. Der Dahingegangene war ein guter Jude und eifriger Förderer jüdischer Interessen. Als einer der hervorragendsten österreichischen Großindustriellen hatte sich R. v. Gomperz viele Auszeichnungen erworben und genoß den Ruf eines bedeutenden liberalen Politikers. Von 1871 bis 1872 gehörte er dem österreichischen Reichsrate an, bis ihn Kaiser Franz Josef zum erblichen Mitgliede der Pairskammer ernannte. Seine reiche Erfahrung auf wissenschaftlichem Gebiete befähigte ihn, in allen Fragen der Staatswissenschaft ein entscheidendes Wort mitzusprechen. Die Juden Rußlands trauern um den Hingang des Baron Horace Günzburg, in dem sie einen Beschützer und edelmütigen Wohltäter verlieren. Durch fünfzig Jahre stand Baron Günzburg an der Spitze der russischen Judenheit, zu deren Wohle er eine große Anzahl humanitärer Institutionen gründete, während er die bereits bestehenden mit reichen Subventionen bedachte. So ist in dem Rußland der letzten fünfzig Jahre wenig geschehen, an dem Baron Günzburg nicht mit Rat und Tat teilgenommen hätte. Als einer der vornehmsten russischen Juden war Günzburg weit über Rußlands Grenzen hinaus bekannt. Er war von ausserordentlicher, gewinnender Liebenswürdigkeit, so dass er überall, auch in den höchsten Kreisen, stets gern gesehen war. Drei Zaren, Alexander II., Alexander III. und Nicolaus II. haben ihm Beweise aufrichtigen und herzlichen Wohlwollens gegeben. Für Baron Horace Günzburg wäre es die grösste Freude gewesen, wenn er die Gunst, die zu gewinnen ihm beschieden war, zum Besten seiner Glaubensgenossen hätte verwenden können. Soweit aber ging diese Gunst nicht. Sie blieb akademisch und liess sich von der einzelnen Person nicht auf die Gemeinschaft übertragen. Das „Newyorker Morgen Journal" beschäftigte sich"jüngst mit der Kriminalstatistik des Board of City, aus welcher hervorgeht, dass die Juden, ganz im Gegensatz zu den neueren Behauptungen, ein niedriges Kontingent zur Verbrecherwelt Newyorks stellen. Interessant ist, dass die im Auslande geborenen Juden in der Statistik als „Russen" angeführt sind. Im Jahre 1908 wurden 12 192 „Russen" bestraft, allerdings nur wegen leichterer Vergehen; der Bericht besagt, dass schwerere Verbrechen bei den jüdischen Bürgern sehr selten vorkommen. „Die ärgsten Sünder" — so heisst es weiter — „sind die hier geborenen Bürger." * ... * Seit langem schon erregt die mit allen Gewaltmitteln versuchte Proselytenmacherei in Galizien grosses Aufsehen, auch im Auslande. Wiederholt kam es zu Entführungen junger Mädchen, die in ein Kloster geschleppt und dort mit allen Mitteln zur Taufe gezwungen wurden. Bei den Behörden ist keine Hilfe zu finden, denn in Oesterreich macht die Staatsgewalt vor den Toren der Klöster Halt. So geht das Wegtaufen anstandslos vor sich. Ereignet sich aber der Fall, dass eine Person zum Judentum übertreten will, dann wird alles alarmiert. So ist's jüngst geschehen, als eine Konvertitin, die nach der Scheidung von ihrem Manne zum Judentum zurückgekehrt ist, ihren vierzehnjährigen Sohn zum Judentum zurückführen wollte. Mit der Meldung an die vorgesetzte Behörde wäre die Sache erledigt gewesen. Aber der Lemberger Magistrat beschloss, da hier doch ein umgekehrter Fall vorlag, den Knaben auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Selbstverständlich konstatierte der Stadtphysikus, dass der Junge geistesgestöit sei. Sonst würde er doch nicht Jude werden wollen! . . . Nachdruck verboten. Fast wäre der eben in Petersburg stattfindende Schachwettkampf nicht zustande gekommen. Die Behörden wollten die ausländischen Juden nicht teilnehmen lassen. Da aber ein Schachwettkampf ohne Juden als Matadore undenkbar ist, mussten lange Verhandlungen gepflogen werden, ehe sich die Regierung entschloss, .ihren Standpunkt^ aufzugeben. Nach einen beachtenswerten Meldung der „Newyorker Times1' haben Agenten des Baron Hirsch'fond neben Millville im Staate Neryork mehrere hundert Acker ausgezeichneten Farmlandes angekauft, um daselbst eine neue Stadt zu gründen. Die Siedlung soll nach dem Muster von Woodbine und Carmel organisiert werden. Mit dem Bau der Wohnhäuser ist bereits begonnen worden, und 40 jüdische Familien, die sich für die Farm eignen, sind gleichfalls bereit, die Wohnhäuser zu beziehen. Jede Familie erhält 25 Acker Land zur Bearbeitung zugewiesen. Der Antisemitismus in der Schweiz, besonders die Zurücksetzung von jüdischen Professoren an Schweizer Universitäten, hat jüngst zu einer Polemik in verschiedenen Zeitungen geführt. Zu dieser Sache äussert sich nun der bekannte Publizist J. V. Widm ann - Bern im „Bund". Er sagt: „Auf das alles möchte ich nur die eine Tatsächlichkeil entgegenhalten, dass in Bern noch niemals ein jüdischer Professor der Universität um seines Judentümer willen angefeindet wurde. Im Gegenteil sind einzelne jüdische Professoren in Bern hoch gefeiert worden, nicht nur vor bereits langer Zeit der berühmte Lazarus, der ja selbst in seinen Lebenserinnerungen hierfür mit dankbarer Freude Zeugnis abgelegt hat, sondern so ist es auch bis in die Gegenwart immer gehalten worden. Ich brauche nur an Professor Lichtheim zu erinnern, dessen Berufung nach Königsberg der ganzen Stadt leid getan hat und dessen alljährliche Besuche in Bern stets in weiten Kreisen der Berner Gesellschaft freudig begrüsst werden. Und wie war der Historiker Professor Stern, jetzt in Zürich, verehrt und geliebt! An unserer Hochschule wirkt auch gegenwärtig eine stattliche Anzahl ausgezeichneter jüdischer Professoren, denen niemand ihr Judentum zur Last legt." Dem „Jewish Exponnent" zufolge leben in Amerika 1 777 185 Juden, unter welchen sich ungefähr 360 000 wahlberechtigte Bürger befinden. 40 % aller Juden leben in Newyork. Diese Zahlen erscheinen willkürlich angenommen, sie kollidieren auch mit der offiziellen Statistik des „Jewish Year Book". Die russische Regierung trägt sich mit der Absicht, eine grosse Anzahl von kaukasischen Bergjuden auszuweisen. Im Gouvernement Baku lebt die Hälfte aller Bergjuden ganz Kaukasiens, ungefähr 15 000 Seelen. Sie sind trctz ihrer rauhen Lebensweise auch äusserlich als Juden erkennbar. Sie haben sich in Kuba, Gouvernement- Baku, eine Art Ghetto geschaffen. Es befinden sich unter ihnen sein: reiche Leute, doch ist die giosse Masse in schrecklicher Armut. Ein Mittelstand fehlt gänzlich. Fast alle kubanischen Juden vei stehen hebiäisch, wenn auch die neuhebräische Literatur keinen Eingang bei ihnen gefunden hat. Von modernen Anschauungen wollen sie nichts wissen, das Erziehungswesen befindet sich in einem trostlosen Znstand. Die russisch - jüdische Presse fordert, dass man für das Erziehungswerk etwas tue. Die Anarchistenfurcht verleitet die russi- Der bestehenden Notwendigkeit, für die Juden des sehen Behörden zu den erheiterndsten Vorsichtsmassregeln. Ostens neue Kolonisationsgebiete zu finden,