Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Abbrändler
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 233 - 234 (sequence 8)
- Language
- German
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233 Mendele Mocher Sforim: Die Abbrändler. 234 ihnen' bewusst oder unbewusst Stück für Stück entreissen. Sie werden geben und geben, nach Kräften und über ihre Kräfte. Gezwungen werden sie die „Tempel* für die armen irrenden Fremdlinge einrichten, gezwungen ihre Schätze den zerlumpten, schwachen, kränklichen und faulen Bettlern hinwerfen, gezwungen die Witwen unterstützen, die Waisen beköstigen, gezwungen ihre arme Brüder und Schwestern beherbergen, gezwungen noch viele Mittel der Wohltätigkeit anwenden, ohne System, bis ihre Hände zu kurz sein, ihre Mittel und Quellen geringer werden, die Wohltäter allmählich, aller Mittel entblösst, verkommen und die Zahl der Armen vergrössern werden. Und diese Armen werden nach einem anderen Orte wandern und wie ihre Vorgänger handeln. Und so fliesst in Israel ewig der Strom der Armut in allen seinen verschiedenen Schattierungen- — Seht nun, Eeb Jechil-Mordechai, was dieser Frosch macht, wenn er in den Sumpf springt. Wenn er drin im Wasser ist, zieht er Kreise um sich, und die Kreise ziehen wiederum andere Kreise nach sich, und so geht es fort und fort ohne Ende. Kleine Ursachen, grosse Wirkungen. In Kabzanz brach ein Brand aus, und dieser zieht grosse Konsequenzen nach sich. — Und schliesslich und endlich beklagt das ganze Haus Israel den Brand! — Schon vor Euch haben die Weisen gesagt — entgegnete Reb Jechil-Mordechai, zuckte mit den Achseln und spitzte die Lippen wie die Denker des Beth-Hamidrasch, wenn sie den Worten irgend eines Diskutierenden geringe Bedeutung beimessen wollen, Professor Felix Adler, der Begründer" der ethischen Bewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika, hat seine Vorlesungen an der Berliner Universität als Austausch-Professor beendigt und die Reichshauptstadt verlassen. Vorher nahm ich Gelegenheit, den Gelehrten über verschiedene Probleme unserer Zeit zu befragen. Es schien mir von allgemeinem Interesse, die Ansichten jenes akademischen Lehrers zu hören, der dem amerikanischen Volk die Gesetze der sozialen Ethik vermittelt. Einen schneidigen, barschen Amerikaner hatte ich zu finden vermutet, — und fand einen liebenswürdigen Menschen, dem man leicht die deutsche Abkunft anmerkt. Felix Adler wurde zu Alzey, im Rheinland, geboren. Sein Vater, der Babbiner in Worms war, erhielt im Jahre 1857 eine Berufung nach Newyork als Babbiner einer großen Gemeinde. Felix Adler begann seine Studien an amerikanischen Schulen, kam aber 1870 nach Berlin, wo er drei Jahre studierte. Nach Amerika zurückgekehrt, erhielt er in sehr jungen Jahren eine Berufung an die C'Onellwas im talmudischen Jargon durch die Worte ausgedrückt wird: Wenn so, warum lässt er es uns hören? — Sagten nicht unsere Talmudlehrer im Midrasch Schir-Haschirim: „Nicht weiter wie eine Nuss steht einer von dem anderen, und alle rollen weiter, also auch Israel, wenn einer betroffen wird, fühlen es alle." — Was soll man tun, Eeb Jechil-Mordechai? — sprach ich traurig — Leute, wird Israel zu keiner besseren Einsicht gelangen, um nicht wie Nüsse zu kollern, einer hinter dem anderen?! Eeb Jechil-Mordechai legte die Hand vor sein Gesicht, seufzte tief und schwieg. Stumm sassen wir da, jeder in Gedanken versunken. Kurz darauf sprangen die Kabzanzer von ihren Sitzen und machten sich mit Lärm und Geräusch auf die Eeise, Männer, Weiber und Kinder; Leiseril, der Narr, hinkte und sprang hinten nach. Ich zog mit Ross und Wagen neben ihnen her. Als sich unsere Wege trennten, füllten sich meine Augen mit Tränen. Die armen Kabzanzer habe ich nie wiedergesehen, und ich kenne auch ihr Ende nicht. Gewiss, sie kollerten wie Nüsse mit den anderen Parias der Juden, bis sie dieser Welt Lebewohl sagten. Nur Leiseril begegnete ich einmal in Kislon auf der Gasse. Er war der Gemeindenarr, kleine Kinder liefen hinter ihm her und schrieen ihm höhnend nach: Der Meschuggene! Der Meschuggene! Nachdruck verboten. Universität im Staate Newyork. Hier hielt er eine Reihe von Vorträgen, die ihres Inhaltes, der Originalität ihrer Gedanken wegen, in den Kreisen der Wissenschaft Aufsehen erregten. 1876 gründete Professor Felix Adler die Vereinigung für ethische Kultur, die dem sozialen Leben Amerikas einen frischen Zug verliehen hat. Sein Kolleg über soziale Ethik setzte er später an der Columbia-Universität fort, bis ihn Roosevelt als Austauschprofessor nach Deutschland vorschlug. Als ich Professor Felix Adler in einem Salon im Hotel de Rome" gegenübersass, gab er mir zunächst einige Aufschlüsse über jenes Gebiet der Ethik, das von ihm gepflegt wird. Er nennt sie soziale Ethik, denn sie behandelt das wichtigste Problem unserer Zeit, die ^Arbeiterfrage, ihre negativen und positiven Resultate für die Allgemeinheit. Die Klassen- und Rassengegensätze unserer Zeit, ihre Ausgleichung, gehören in das Gebiet sozialer Ethik. Ich stelle die Frage: In dem grossen Komplex der sozial-ethischen Probleme unserer Zeit lässt sich BEIM ROOSEVELT-PROFESSOR. Von Max Schacherl.