Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Abbrändler
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 219 - 220 (sequence 1)
- Language
- German
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219 220 DIE ABBRAENDLER. Von Mendele Mo eher Sforim. Nachdruck verboten. Was ich Euch jetzt erzählen will, ereignete sich ein Jahr nach dem grossen Brande in der Stadt Kabzanz. Die Geschichte dieses Brandes wurde zum ewigen Gedächtnisse der Gemeindechronik einverleibt, und die Bewohner von Kabzanz datierten von diesem Ereignisse an ihre Zeitrechnung. Beispielsweise sagte man: Der wurde geboren, heiratete, starb so und so viele Jahre nach dem Brande; das Gesetz über die jüdische Tracht, die Verordnung über die Erteilung der Lehrbefähigung an Melamdim, die Epidemie unter den Kindern als Strafe für die Sünden der Bewohner — waren in dem und dem Jahre nach dem Brande. In unserer Stadt gibt es noch alte Leute, Augenzeugen dieses Brandes, und wenn sie manchmal in der Dämmerung hinter dem Ofen des Beth-Hamidrasch sitzen und von jenen Zeiten erzählen, dann lauscht die Jugend andächtig ihren Worten, und ihre Augen vergiessen Tränen. Ich selbst lebte zur Zeit des Brandes nicht in der Stadt, sondern befand mich gerade auf einer grossen Reise mit meinem bücherbeladenen Fuhrwerk, das ich von Ort zu Ort schleppte. Damals gab es noch keine jüdischen Zeitungen wie jetzt. Es gab keine Schriftsteller, keine Journalisten, keine Artikelschreiber und dergleichen; man gratulierte sich noch nicht in Annoncen zur Hochzeit, man schrieb noch keine Nekrologe und berichtete nicht schwulstig von einem Brande. Wer heiraten wollte, heiratete, die Leute starben, wurden still begraben, und die Häuser samt den Büchern brannten ab, — ohne dass ein Hahn darnach krähte. Und so brannte Kapzanz ab, und ich wusste nichts davon. Eines Tages zog ich langsam hinter meinem Klepper dahin, der am Rande der Strasse bedächtige Schritte machte, das Gras aufpflückte und mit Wonne frass. Es war am „Lag beomer", einem jener Sommertage, an denen der Jude nicht zu trauern braucht, und die Schöpfung in ihrer Herrlichkeit und vollkommenen Majestät ihn zu höherem Genüsse lockt. Ich gehe vorwärts und betrachte die blühenden Bäume und die grünenden, wogenden Felder. Es duftet der Alraun, und die Vöglein trillern mir ihre fröhlichen Lieder entgegen. Ich lausche, und in meinem Innern klingen Geigen, Trommeln, Pfeifen, Syrinx und Flöte, Pauken und Zimbeln, all jene Instrumente, die heute Ohr und Sinne der Bräutigame und Bräute in unseren Gassen im ganzen Ansiedelungsgebiete, erfüllen. Ich mische mich in ihre Lustbarkeit und grüsse sie von weitem und sage ihnen, dass ihre Genossen dort in den Städten so schön gedeihen und blühen wie hier das Getreide auf dem Felde. Und während ich mich an den Herrlichkeiten Gottes auf Erden labe, und mein Herz in Wonne sich badet, tauchen vor mir Wanderer auf mit Stöcken in den Händen und Ranzen auf den Schultern, dem Anscheine nach Bettler von Profession. Freilich, eine Begegnung mit Bettlern auf der Reise — ist eine ganz gewöhnliche Sache, und es ist Israels Bestimmung seit den ältesten Zeiten, dass die Bettler in den Städten des Ansiedelungsrayons herumirren; aber die Zahl der Bettler versetzte mich diesmal in Erstaunen. So zahlreiche Reihen wie diese — verwirrten mich —, und meine Verwunderung wuchs, je mehr sie sich näherten und ich sie als die Bewohner von Kabzanz — als meine Heimatsgenossen erkannte. — Oh! Kabzanz auf Reisen! . . — rief ich erschrocken aus und vertiefte mich in das Bild der ■ v;;;..f-t,, €' , ■; . ' <• fcr ., vÄ v :■' " '' /.?"W *u« V, *v . . S ■ \. .' ■ . mk-f ,■>••• 'SC^ 1 $'' i lyv: ••' ' ft* ^i'''^>. VICTOR SCHARF. Porträt der Frau S. PARIS.