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Ost und West · 1909-03-01 · Heft 3 (März 1909) · p. Seite 197 - 198

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 3 (März 1909)
Article
Die sechste Tagung der deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israélite Universelle
Date
1909-03-01
Page
Seite 197 - 198 (sequence 6)
Language
German
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197 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die sechste Tagung der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft etc. 198 Mit grosser Genugtuung hat sie gehört, dass die Allianceschulen im Orient jede unbefangene Prüfung vertragen können hinsichtlich des Unterrichtsplanes, der Unterrichtsmethoden, der Unterrichts- und Erziehungsergebnisse, und nicht zuletzt hinsichtlich des in ihnen waltenden, vom traditionellen Geiste getragenen religiösen Sinnes. Das ausführliche Berichtswerk der Schulinspektions-Kommission gelangt ehemöglichst zur weitesten Verbreitung. Die sechste Abendstunde war bereits angebrochen, als Herr Rabbiner Dr. Werner-München dem Vorsitzenden für die Leitung der Verhandlungen und^für die Führung der D. C. GL den Dank aller Mitglieder aussprach. . . * * Hs Der Vorsitzende, die Beratungen resümierend, stellte fest, dass die Tagung auch diesmal eine volle Uebereinstimmung der Ansichten und Absichten ergeben und das Gefühl brüderlicher Zusammengehörigkeit neu gestärkt habe. Dieses Gefühl ist die Grundlage der Alliance Israelite Universelle und in schöner Wechselwirkung zugleich ihr Werk. DIE JUDEN IN ARGENTINIEN. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Wie sie leben, was sie arbeiten und was sie sind. Yon befreundeter Ssite wird uns ein Artikel der in Buenos Aires, Argentinien, erscheinenden Zeitung „El Diario" übermittelt, von dem wir glanben, unsereu Lesern Kenntnis geben zu sollen: „Die älteste jüdische Einwanderung nach Argentinien reicht — höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür — in die Zeit zurück, da Spanien die erste Kolonialmacht war. Die Judenverfolgungen in Spanien boten den Heimgesuchten den eifrig benutzten Anlass, sich in einem Lande anzusiedeln, das innen Freiheit und freie Entwickelung gewährte. Hieraus erklärt sich, dass viele unserer ältesten Familien den charakteristischen Typus der Kinder Israels noch heutigen Tages zeigen. Auch die biblischen Yornamen, die in Brauch geblieben sind, weisen auf die frühe Einwanderung hin. Der grosse Zuzug der Juden nach Argentinien begann vor etwa fünfzehn Jahren. Den Anfang machte eine Schar Unglücklicher, die elendeste Bevölkerung der russischen Städte, die nach endlosen Anfeindungen alles verloren hatte, beinahe selbst die Menschenwürde, da jeder Erwerb ihr unterbunden und ihr nichts übrig geblieben war als der Wucher, mit dessen Ertrag sie mehr Sicherheit und Ruhe sich zu erkaufen hoffen durfte. Denn in Russland unterscheiden sich die Menschen nicht bloss nach Nationalität und Religion; dort gibt auch der Unterschied des Vermögens verschiedenes Recht, vielmehr verschiedene Vorrechte. In Russland wird selbst die Freiheit stückweise verkauft. Das war die Vorhut, mit der die Jewish Colonisation Association, die Gründung des grossen Wohltäters Baron Hirsch, in Argentinien einrückte. Die Ankömmlinge waren dazu ausersehen, sich dem Ackerbau zu widmen. . Aber, nur theorethisch vorgebildet, verstanden sie nicht, die Erde von Entre Rios und Santa Fe zu bebauen und dem Lande den grösstmöglichen Ertrag abzuringen. Sie waren nicht zum Hirtenleben und nicht zur Handhabung der Pflugschar geeignet. So scheiterte dieser erste Versuch, und hunderte von jüdischen Familien zerstreuten sich über das Land. Im Besitz der Freiheit haben sie sich durchringen können, und heute sind sie wohlhabende Kaufleute, stehen sie an der Spitze grosser Geschäfte in Buenos Aires und im Innern des Landes. Selbst die Fanatischsten unter ihnen haben die Merkmale abgelegt, die sie überall anderwärts und sicherlich in ihrer Heimat bewahrt hätten. Im grossen und ganzen bleiben die Fanatiker zuhaus; doch die Jugend sehreitet vorwärts, assimiliert sich und wird wie die aller andern Rassen aufgenommen. Es ist in der Tat kein Grund vorhanden, weshalb die Juden weniger assimilationsfähig sein sollten als andere. Wenn sie Russland eine Rasse geblieben sind, so ist zu bemerken dass es dort allen andern Nationalitäten genau so geht, dass der Russe die Anlehnungsbestrebungen jedes Fremden zurückweist. Die Juden, die entweder aus eigenem Antrieb oder durch die Jewish Colonisation Association hergekommen sind und sich zur Landwirtschaft ungeeignet erwiesen, haben vorzügliche Kaufleute abgegeben, die für ihre natürlichen Talente ein grosses Betätigungsfeld finden. Die aber, die bei der Landwirtschaft geblieben sind, haben sich innerhalb 15 Jahren zu vorzüglichen Kolonisten entwickelt, sind wohlhabende Grundbesitzer geworden, die eine rationelle Bebauungsmethode anwenden, mit Pflugschar und Dreschflegel, in der Milchwirtschaft oder auf den Viehmärkten ihren Mann stellen. Ihre im Lande geborene und aufgewachsene Nachkommenschaft hat von den Vätern die religiösen Ueberlieferungen geerbt und fasst sie in idealer Weise auf. In allen Städten des Innern nimmt der jüdische Handel von Tag zu Tag an Bedeutung zu und — abgesehen von vereinzelten Ausnahmen — zeichnet sich durch Redlichkeit und Treue aus. In Buenos Aires gehören die Juden allen Berufen und allen Zweigen des gewerblichen Lebens an. Nach aussen treten sie als Juden kaum hervor, und oft geschieht es, dass

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