Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Rudolf Marcuse
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 2)
- Language
- German
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149 M. Eapsilber: Rudolf Marcuse. 150 angeborenen Anmut und Gefälligkeit mit auf den Weg gegeben. Ich erwähne diesen Fall als Beleg für das ursprüngliche Talent Marcuses, das sich im weiteren Verlauf der Entwicklung genau in dieser feinpointierten Betonung des Charakteristischen, d. h. der lauteren Natur in geistreicher Formensprache auslebte. Im Jahre 1903 holte sich Marcuse den Michael Beer-Preis mit dem famosen Relief des Salomonischen Urteils, woran sich die übliche Studienreise nach Italien anschloß. Vorher hatte er aber schon drei Werke geschaffen, die in der Folge seinen Namen in weiten Kreisen populär machten. Das waren die Gruppe „Der Frost", „Der Gladiator", und ,,Der kitzliche Faun". Sie sind gewiß durch spätere Arbeiten überholt. Aber rein als Auftakt zu einem regsamen Schaffen betrachtet, muß man ihnen hohen Rang in der Berliner Plastik zusprechen. Die Gruppe der wegmüden und vom Frost durchschauerten Wanderer ist intensiv studiert, wie alles, worauf der künstlerische Falkenblick Marcuses verfällt. In seiner klugen Art liegt es, ein Motiv gleich am richtigen Zipfel anzufassen, und dann fördert ihn die Gabe der Selbstkritik, und daraus folgt, daß er an keine Aufgabe geht, der er nicht gewachsen ist, die seinem Talent nicht liegt, und der er nicht den Akzent seiner persönlichen Auffassung aufsetzen könnte. Im gewöhnlichen Leben faßt man das alles unter dem Gipfelbegriff Geschmack zusammen. Ein hochbegabter Künstler, der Geschmack besitzt, wird selten einen Fehlgriff tun und daher den Erfolg förmlich in Erbpacht nehmen. Ein Künstler, der den Himmel nicht im ersten Anlauf zu erstürmen vermag, wird ihn vielleicht auf einer Leiter Sprosse um Sprosse ersteigen. So fasse ich die aufsteigende Linie in Marcuses Arbeiten auf, und in der Tat steht jede neue immer eine kleine Stufe höher, und das macht in zehn Jahren schon soviel aus wie ein Riesensprung oder ein Hochflug. Der Gladiator aus dem Jahre 1902, der so fulminant in der Silhouette und bis in die innerste Fiber anatomisch-genialisch durchgeführt ist, wird ganz erheblich überboten durch den Fechter des Jahres 1908, der in aller Glorie jugendlicher Kraft und Biegsamkeit und mannhafter Entschlossenheit zum Waffengang mit dem Florett antritt. Der Künstler wurde von dem einen Fechter zum andern Meister der Form und der Kunst. Der neue Fechter figurierte denn auch unter den Haupterrungenschaften seines Jahrgangs, sozusagen als Flügelmann, und es erschien begreiflich, daß die Kaiserin gerade diese Statuette als Weihnachtsgeschenk für den Kaiser ankaufte. Zu betonen wäre dabei noch, daß die ausgezeichnete Reproduktion der Marcuseschen Modelle durch die RUDOLF MARCUSE. Das Urteil Salomos. BERLIN.