Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Die Schulen der Alliance Israélite Universelle in Hara
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 4)
- Language
- German
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125 Mitteilungen der Allianee Israelite Universelle: Die Schulen der Alliance Israelite Universelle in Hara. 126 Im zweiten Jahr fangen die Schüler bereits fliessend französisch zu sprechen an. Im dritten Jahr lernen sie die vier Spezies, etwas Geschichte und Geographie. Hieran schliesst sich im 4. und 5. Jahr der mittlere und Oberkafsus. "Wer diese beiden durchgemacht und ein Reifezeugnis erlangt hat, bleibt noch ein Jahr in der Allianceschule — gegenwärtig sind das 26 — um Ergänzungs-Unterricht zu erhalten in Physik, Naturwissenschaften, Geographie usw. Eine Bibliothek von 1000 Bänden steht den Zöglingen der letzten 3 Jahreskurse zur Verfügung. Der Fortschritt dauert an. Ehe ich schliesse, möchte ich noch den ungünstigen Eindruck zertreuen, der aus der Mitteilung hervorgegangen sein könnte, dass die Schaffung der modernen Allianceschule die Pseudoschulen von ehedem nicht vollständig hat beseitigen können. Neue Gebäude werden fortgesetzt in Hafsia errichtet, weil die gegenwärtigen nicht mehr ausreichen, um die immer zahlreicher sich meldenden Schüler aufzunehmen. Diese neuen Gebäude, deren Errichtung bereits in Angriff genommen ist, werden bald besetzt sein. Man kann die Zeit vorausseheu, wo auch sie wieder zu klein sein werden. Das ist symptomatisch und beweist, dass die Kutabs trotz ihres scheinbaren Widerstandes gelebt haben, dass sie der Vergangenheit angehören, und dass ihre späten Besucher endlich ihren Platz in einer wirklichen Schule einnehmen werden, die Schritt für Schritt den Weg zur Zukunft weist. M. C. (Aus dem in Tunis erscheinenden „Defenseur".) DIE ISRAELITEN IN MOSSUL. Man erinnert sich, dass bei Beginn des Schuljahrs 19U7/8 die Alliance in Mossul, einer Stadt in der asiatischen Türkei mit einer Bewohnerschaft von 3000 jüdischen Seelen, die seit Jahrhunderten in grösster Armut und vollkommener Unwissenheit lebt, eine Schule eröffnet hat. Die Schule war unter den günstigsten Anzeichen eingeweiht worden. Nach sehr kurzer Zeit hatten sich die Kinder gewöhnt, regelmässig den Weg zur Schule zu nehmen; der Direktor konstatierte mit Freude ihren Fleiss und die Schnelligkeit ihrer Fortschritte« Doch der böse Wille des Gouverneurs schuf bald die grössten Schwierigkeiten. Dieser Beamte bestritt der Schule die Existenzberechtigung. Selbst direkte Befehle aus Konstantinopel, die die Anstalt dem Wohlwollen der Behörden empfahlen, die Unterstützung aller europäischen Consuln, nichts konnte den Eigensinn des Würdenträgers brechen. Mehrere Monate blieben die Dinge in diesem Stande. Mit dem Beginn des neuen Regime in der Türkei trat ein glücklicher Umschwung ein. Der Gouverneur wurde entfernt, und sein Nachfolger zeigte der Allianceschule die grösste Sympathie. Der folgende Brief des Herrn Sidi, Schuldirektors in Mossul, zeigt die freundliche Gesinnung des neuen Gouvernenrs für die jüdische Bevölkerung von Mossul und für das Schulwerk der Alliance: „Mossul, 27. November" 1908. Die Valis folgen einander, aber zum Glück gleichen sie einander nicht. Auf Mustafa Bay, Bruder des bekannten Izzet Pascha, ist General Seki Pascha gefolgt, vormaliger Präsident der türkisch-persischen Abgrenzungskommission, ein Mann von hohem verstände und ein Freund des Fortschritts. Er hatte kaum sein Amt übernommen, als er überall Ordnung zu schaffen suchte. Dank seinen überlegenen Fähigkeiten und dank dem Vertrauen und der Achtung, die er der Bevölkerung schnell abzugewinnen wusste, haben wir es von nun an mit einer ausgezeichneten Verwaltung zu tun, die von dem Gedanken konstitutioneller Freiheit erfüllt ist. Unter der weisen Verwaltung Seki Paschas erfreuen wir uns einer glücklichen Initiative, die die Schulaufsicht betrifft und uns somit sehr nahe angebt. Die Gouverneure von Mossul haben sich selten um den öffentlichen Unterricht gekümmert. Doch unser neuer Vali, der in Europa studiert hat, kennt Wert und Be¬ Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. deutung des Unterrichts. Bevor er sich der Frage zuwandte, wie die Zahl der Schulen zu vermehren sei, hat er sich vergewissert, wie die vorhandenen Schulen wirken und ob sie modernen Ansprüchen genügen. Zu dem Ende besuchte er alle Schulen von Mossul. Am 22. November kam er in die Allianceschule, mit dem ganzen offiziellen Pomp, begleitet von dem Chef der Unterrichts Verwaltung Mudir Maaref und dem Regierungsmitglied Mohamed Effendi. Der feierliche Aufzug sollte einesteils Sympathie bekunden, andernteils die Erinnerung an peinliche Zwischenfälle auslöschen. Die israelitische Bevölkerung, die noch niemals einen Gouverneur in ihrem Viertel gesehen, war voller Freude und bereitete dem Vali würdigen und begeisterten Empfang. Die Schule war mit den nationalen Farben geschmückt, auf den umgebenden Terrassen standen Frauen und Kinder dicht gedrängt. Ein Vortrab kündigte die Ankunft des Vali an. Der Vali tritt ein, grüsst die Menge und die Schüler und setzt sich auf den für ihn bestimmten Platz. Ein ganz junges Kind überreicht ihm einen Blumenstrauss Danach verliest ein Zögling ein von einem Lehrer verfasstes Gebet für den Sultan. Der Vali und alle Anwesenden hören es stehend an. Etwa fünfzig israelitische Notable überreichen dem Gouverneur eine Dank- und Ergebenheitsadresse an den Sultan mit den Unterschriften der ganzen israelitischen Bevölkerung. Darauf hält der Vali, sehr gerührt von der Kundgebung, ungefähr folgende Ansprache: „Die Regierung Sr. Majestät hat immer und unter allen Umständen die Israeliten geschützt, weil sie andauernd dem Lande Beweise der Treue und Anhänglichkeit gegeben haben. Besonders in Mossul sahen wir mit Befriedigung Juden und Muselmanen in vollkommener Eintracht leben, bemerken wir Gefühle gegenseitiger Freundschaft und Harmonie. Die Israeliten wissen aus Erfahrung, dass wir sie immer als Brüder betrachtet haben. Wir werden fortfahren, sie solchergestalt zu behandeln und sie die Vorteile mitgeniessen lassen, die die neue Verfassung bietet. Es ist aber tief bedauerlich, dass nicht Einer unter Ihnen türkisch lesen oder schreiben kann. Aus diesem Grunde halten wir Sie von öffentlichen Aemtern fern und geben sie mit Vorliebe Ihren christlichen Mitbürgern. Doch Euch Israeliten von heute ist hohes Glück zuteil geworden. Ihr habt in der Fremde Brüder, die an Euch denken, an Eure Kinder und an deren Zukunft. Die Alliance - Israelite, der Eure Glaubensgenossen von Aleppo, Bagdad und vielen anderen Städten Unterricht und Fortschritt verdanken, hat Euch nicht länger von den Wohltaten der Schule ausgeschlossen wissen wollen. Sie hat Euch mit grossen Kosten