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Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 115 - 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Revue der Revuen
Date
1909-02-01
Page
Seite 115 - 116 (sequence 3)
Language
German
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115 Revue der Revuen. 116 \ Ernesto Nathan. Bürgermeister von Rom u. Grossmeister der italienischen Freimaurerlogen. vielfach ungeklärten politischen Situation, eine Definition von Laskers Arbeit und Bedeutung sehr gelegen. Die Mehrzahl der Gedenkartikel widmet Laskers Verhältnis zu Bismarck einen großen Raum; — es werden mitunter ganz neue Mcmente ins Treffen geführt, um die einstigen Sympathien und die spätere Gegnerschaft des Altreichskanzlers zu erklären. Es wird auch an die Worte eines Christen erinnert, des früheren Botschafters Andrew D. White, der bei der Trauerfeier im Tempel Emanuel zu New York den toten Freund also charakterisierte: „Hier liegt ein Mann, der fern von uns geboren wurde, der von vielen unter uns durch Abstammung, Sprache, Glauben getrennt war, und der dennoch unser Bruder ist. Er stammte von der Rasse ab, welche Jahrtausende hindurch allen Versuchungen, Sophistereien, Grausamkeiten zum Trotz, die Idee eines einigen Gottes aufrechterhielt. Wie Spinoza im 17. Jahrhundert, Moses Mendelssohn im 18. Jahrhundert, so gehörte Lasker im 19. Jahrhundert zu den guten, edlen, treuen Seelen, welche daran gearbeitet haben, die Welt besser und edler zu machen, und welche, ob Jude oder Christ, die wahre Elite der Menschheit, das wahre auserwählte Volk sind. ..." In Berlin fand auf dem alten Judenfriedhof eine Gedenkfeier statt, bei der das Reichstagsmitglied Karl Schräder die Trauerrede hielt. * * * Die große Katastrophe von Messina hat der gesamten Kulturmenschheit an die Seele gegriffen. Ueberall herrscht das Bestreben zu helfen, zur Hilfe beizutragen. Und wie immer, ist es auch hier die jüdische Mildtätigkeit, die mit allen Kräften mit eingreift, um den Unglücklichen von Messina den Trost des werktätigen Mitgefühls zu spenden. Angesichts dieser verheerenden Katastrophe verstummte jedes Sonderbestreben; jeder empfand, daß in Sizilien und Kalabrien gegenwärtig nur eine Nation lebe: die Nation der Unglücklichen. . . . Und jeder einzelne fühlt sich als Leidtragender bei dieser großen Leichenfeier eines ungnädigen Schicksals. Wie sehr in diesen Tagen die Gegensätze schwanden, sich in dem schwer heimgesuchten Italien ausglichen, zeigt sich in einer interessanten Episode. Ernesto Nathan, der jüdische Bürgermeister von Rom und Großmeister der italienischen Freimaurerloge, hatte beim Vatikan die Freigabe des Santa Martha-Spitals erwirkt, um die ankommenden Verwundeten dort unterzubringen. Als Nathan den ersten Besuch im Spital machte stand er plötzlich dem Kardinalstaatssekretär Merry d e 1 V a l gegenüber. Die beiden Herren waren zuerst etwas verlegen, kamen aber dann in ein lebhaftes Gespräch, und der Kardinalstaatssekretär empfahl sich schließlich mit einem herzlichen Händedruck. . . . Die Presse aller Länder ließ sich dieses Vorkommnis in langen Telegrammen übermitteln und knüpft daran die vielseitigsten Kommentare und Kombinationen. Man meint sogar, daß diese Begegnung die Grundlage für ein späteres Zusammentreffen des Königs von Italien mit dem Papst sein könne. ... Ob diese Begegnung nun mehr oder minder politische Bedeutung hat, interessant ist jedenfalls, daß der „Geschäftsführer des Papstes" mit dem jüdischen Bürgermeister, der überdies führender Freimaurer ist, in herzlichem Gespräche verweilte, ohne einen Eklat zu befürchten. . . . * * * " v Über Johann von Kronstadt, den jüngst verstorbenen russischen Geistlichen, weiß die Londoner ,,Jewish Chronicle" interessante Einzelheiten zu berichten. Das englische Blatt erklärt, mit den vielen Lobrednern nicht übereinstimmen zu können, und sagt: „Es lag in seiner Macht, die Leidenschaft des russischen Mobs zu zähmen und einen kleinen, menschlichen Zug in die brutale Methode der russischen Regierung zu bringen. Nur einmal schien er sich seiner Pflicht bewußt gewesen zu sein. Die unvergeßlichen Greueltaten von Kischenew rüttelten ihn zu einem lebhaften Protest auf. In einem „Offenen Brief" sagte er damals seinen Landsleuten: „Was beginnt ihr? Warum seid ihr zu Barbaren geworden, warum habt ihr ein Volk geplündert, das unter dem Schutze und der Macht desselben Zaren, in demselben Vaterlande, unter den gleichen Gesetzen lebt!? Welcher und wessen Geist haben meine russischen Brüder gezeigt? Es ist der Geist des Teufels. . . . Denn da ist nichts vom Geiste Christus — Milde, Sanftmut, Geduld, Gehorsam gegen die Autorität — wo blieben sie? Ein Sklave des Teufels ist dieser Geist, und des Teufels Schicksal wird er teilen." So wacker sprach der einflußreiche Johannes v. Kronstadt ., nur dieses eine Mal. Dann aber kam die Revolution und mit ihr die ebenso terroristische Gegenrevolution. „Der Geist, des Teufels" nahm wieder vom russischen Mob Besitz. Abetf** Vater Johann besaß nicht mehr die Neigung für „Milde, * Sanftmut, Geduld" . . . Und der Mann, der die Pogrom - helden anfangs angegriffen, wurde der fromme Schutzp patron der „Schwarzen Hundert". Der Priester, der bei denfJ Greueln von Kischenew aufschrie, verstummte allmählich. . Was gut in ihm war, erstickte der reaktionäre Einfluß." — Das Londoner Blatt meint schließlich: „Im 10. Jahrhundert würde er vielleicht ein Heiliger gewesen sein; in einem Lande ater, dessen Volk kämpft, um frei zu sein, im 20. Jahrhundert also, war er nur ein personifizierter, schädlicher Anachronismus.''

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