Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 113 - 114

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Revue der Revuen
Date
1909-02-01
Page
Seite 113 - 114 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
address
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583983--09081-2599253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

113 Revue der Revuen. 114 erhob der Kellerrevisor eine Klage auf Entschädigung, weil „seine Autorität unter der Eingabe gelitten habe." Mit ebenso komischer wie ungeheuerlicher Motivierung verlangte die „Autorität" 150 000 Frs., welche Summe die höchste Instanz auf das Doppelte erhöhte. So geschehen knapp vor Eintritt des Jahres 1909 im Lande der Dichterin Carmen Sylva. . . . * * * Die Diskussion über die Unterbreitung des § 44 des Berliner Vertrages auf der noch immer erhofften Balkankonferenz hält in der gesamten jüdischen Presse an. Wiewohl die „Alliance Isrielite Universelle" die Chancen schon im ersten Stadium der beabsichtigten Konferenz abgeschätzt hatte, wird unentwegt weiter versucht, mit vielem Lärm ein endgültiges Mißlingen der Idee herbeizuführen. Demgegenüber nimmt sich ein Leitartikel von Dr. Blochs „österreichischer Wochenschrift" recht überholt aus.. Es heißt da u. a.r „Es wäre Sache der großen jüdischen Organisationen, über energische Maßnahmen in dieser Richtung zu beraten, Massenkundgebungen zu veranstalten, ernste und würdige Schritte zu unternehmen. Schlechter als es ist, kann es ja nicht mehr werden, und den einen Erfolg werden wir diesmal wenigstens haben, daß wir männlich und stolz von unserem Rechte als Fordernde gesprochen, nicht als Bittsteller geraunzt haben. Vielleicht erreichen wir aul diese Aufsehen erregende Weise das Ohr der Kulturvölker. Das Mitleid zu erwecken haben wir nicht verstanden, vielleicht erwacht irgendwo das Gewissen." Es ist sehr naiv gedacht, das „Gewissen der Mächte" mit Protestlärm zu wecken. Es wäre gut, das „Wiederaufrollen der Frage in einem geeigneteren Zeitpunkt nicht durch Lärm zu vereiteln." * * * Unter der Wirkung der schweren wirtschaf tlichen Krise, die Amerika bis Mi te vorigen Jahres durchzumachen hatte, war das alte Thema des Ein Wandererelends wieder akut geworden. Die New Yorker jüdische Presse füllte jüngst wieder ihre Spalten mit Berichten über die schweren Existenzkämpfe der jetzt nach Amerika K ommenden. Die „ Jewish Daily News4* weiß von herzzerreißenden Schicksalen der jüdischen Einwanderer zu erzählen. Allerdings darf man den Mitteilungen nicht immer aufs Wort glauben. Jedenfalls aber verdient die Tendenz dieser Veröffentlichungen registriert zu werden: sie gipfelt in einei Mahnung, bei Unterstützung von Emigranten recht sorgsam vorzugehen. — Gegen die Überflutung der New Yorker Eastside, des Ghettos von New- York, wendet sich auch der amerikanische Staatssekretär des Handels Oskar Strauß, der im letzten Berichte über das ihm unterstehende Ein- und Auswanderungsressort die ernste Mahnung erläßt: „Die richtige, gleichmäßige Verteilung der Einwanderer über das ganze Land ist die erste und wichtigste Voraussetzung für die Möglichkeit, das Prinzip der freien Einwanderung einzuhalten!" . . . Es wäre traurig, wenn auch die dem „Removal Office" zur Verfügung stehenden ungeheueren Summen nicht ausreichen sollten, um den Emigrantenstrom von New York abzulenken. * * * Der „New York Herald" verfiel auf die absonderliche Idee, eine Disputation zwischen Israel Z a n g w i 11 und dem Milliardär Daniel Guggenheim zu veranstalten. Das Gespräch sollte sich um die Zukunft der Juden drehen. Zangwill versuchte Daniel Guggenheim die Notwendigkeit der Erreichung eines Territoriums für die Juden plausibel zu machen. Es ist interessant, wie Guggenheim, der seit vielen Jahren im jüdischen Leben Amerikas eine führende Rolle innehat, über diesen Punkt denkt: „Die Nation findet aber unter den Juden selbst die größten Gegner. Ich bin Jude und bin stolz darauf. Bin aber auch Amerikaner und will es bleiben. Und so geht es auch anderen in andern Ländern. Die Prozedur des Aufsaugens vollzieht sich in der Regel durch die Mischehe. Das führt zu enormen Verlusten unserer Rasse. Die Juden gehören zu den fruchtbarsten Völkern. Trotzdem zählen sie jetzt nur etwa zwölf Millionen. Es müßten hundert Millionen sein, hätten nicht so viele Juden und Jüdinnen Christen geheiratet. Wie James Rüssel Lowell sagt: „Beinahe jedermann von Distinktion hat jüdisches Blut in seinen Adern." Selbst die fanatischesten Antisemiten haken jüdische Äste an ihrem Stammbaum. Henri Bernstein hat sein „Israel" auf dieser Wahrheit aufgebaut. Im Mittelpunkt steht ein wütender Anti-Dreyfusianer, der in seiner blinden antisemitischen Wut das einzige jüdische Mitglied aus seinem Klub weist und obenein zum Duell fordert. Der junge herzogliche Antisemit erfährt nun, daß der Jude Geliebter seiner Mutter gewesen und sein leiblicher Vater ist. Nach dieser Erkenntnis begeht der junge Mann Selbstmord. Gerade der Jude sollte nicht zum Christentum konvertieren. Unsere Rasse hat durch die Jahrhunderteso viel von den Andersgläubigen zu leiden, daß ein Jude unbedingt ablehnen sollte, Mitglied einer anderen Kirche zu werden. Es gibt Juden, die vor ihren Anklägern gleich den Hunden kriechen und die Hand lecken, die sie züchtigt. Dabei vergessen die Convertiten, daß sie von den Christen noch mehr verachtet werden als jene, die stolz auf ihre Rasse sind." * * * Viel Beachtung verdient eine Aktion5 der Juden in Tunis, über die das dortige Wochenblatt „Le D.fenseur" berichtet. Die tunesischen Juden haben ihr Programm formuliert, dessen Hauptpunkt die Forderung enthält, es möge ihnen die Möglichkeit gegeben werden, französische Bürger zu werden, wenn der Nachweis einer bestimmten Aufenthaltsfrist erbracht ist; ferner verlangen sie in Streitfällen die Kompetenz der französischen Gerichte, schließlich auch völlige Gleichstellung mit den Mohammedanern. Diese nachdrückliche Forderung der französischen Staatsbürgerberechtigung ist um so interessanter, weil es noch immer Besserwissende gibt, denen die Erziehung von jüdischen Kindern im Orient in der französischen Sprache als entnationalisierend und gefährlich erscheint; die tunesische Judenschaft setzt sich aus den verschiedensten Nationen zusammen und enthält auch viel östliche Elemente. * * * Bei den letzten Wahlen in Amerika sind wieder zahlreiche Juden in die verschiedenen gesetzgebenden Körperschaften gewählt worden. So wurden im Staate New York selbst Samuel S. König zum Staatssekretär, Irwing Lehmann zum Richter gewählt; außerdem wurden in einigen Unionstaaten jüdische Senatoren als Kongreßmitglieder gewählt. Die amerikanischen Zeitungen meinen, daß die Wahl so vieler Juden deutlich bezeuge, daß der Antisemitismus in den Vereinigten Staaten keinen Boden finde. . . . * * * Das „Nationalmuseum** in New York besitzt eine große Sammlung jüdischer Kultusobjekte, die wie der „Jewish Exponent" mitteilt, jetzt gesichtet und in einer eigenen Abteilung des Museums untergebracht wurden. Das Museum ließ über diese Gegenstände von den jüdischen Gelehrten Dr. Cyrus Adler und J. N. Chasanowicz einen separaten Katalog anfertigen, in dem nebst den Abbildungen der interessanten Objekte, auch das Historicum derselben angegeben wird. Die Herausgeber des Katalogs sagen in ihrem Vorwort, daß diese Sammlung des amerikanischen Nationalmuseums eine der wertvollsten und bedeutendsten in der ganzen Welt ist, und ihre Katalogisierung und Beschreibung den Forschern dieses Faches hervorragende Dienste leisten können. * * * Die 25. Wiederkehr des Todestages von E m a n u e 1 L a s k e r brachte eine Fülle von mehr oder minder zutreffenden Gedenkartikeln in der deutschen und teilweise auch in der auswärtigen Presse. Dem liberalen Journalismus kommt gerade jetzt, in den Zeiten der Blockpolitik und einer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.