Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 95 - 96

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Die Josefsgeschichte in der bildenden Kunst
Date
1909-02-01
Page
Seite 95 - 96 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583983-2599162--09042-2599244
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

95 G. Rutna: Die Josefsgeschichte in der bildenden Kunst. 96 feld ist dabei noch mehr, formalistisch als Cornelius in dem oben erwähnten Fresko; bei diesem hat der Vorgang, wenn auch klassizistisch forziert, ein gewisses inneres Schwergewicht in der zaudernden Bangigkeit der Brüder, bei Schnorr ist er rein kuiissenhaft, man hört den Souffleur, wie er die Alexandriner flüstert. Ungefähr im selben Schema, doch weicher geglättet, halten sich G. Dore in seiner Bibelillustration und Preisarbeiten (1789) von Girodet und Meynier in Academie des Beaux Arts in Paris. Wie Josef seinen Brüdern Land anweist, von ihnen nach dem Tode des Vaters um Gnade gebeten. wird und schliesslich von ihnen begraben wird, ist in den Schlussbildern der Handschriften (Ashburnham Pentateuch, Aelfric), sonst aber fast garnicht von der bildenden Kunst behandelt worden. EIN RAT. (Eine wahre Geschichte — man sollte es nicht für möglich halten — aber sie ist. doch wahr.) Von Scholem Aleichem. Dem Jüdischen nachgebildet von Theodor Zlocisti. Nachdruck verboten. Schon seit drei Tagen ist ein junsrer Mann hinter mir her. Morgens, mittags und abends. Er muss mich dringend sprechen. Aber er trifft mich niemals. Was masr das für ein Mann sein? denke ich. Wahrscheinlich ein Dichter, der mir seine gesammelten Werke vorlesen will. Ich sitze also gemütlich an meinem Schreibtisch und will gerade eine Arbeit beginnen '— bums, klingelts schon. Die Tür geht auf und irgend einer kratzfusst da an der Schwelle, zieht sich seine Galoschen aus, hustet und schneuzt sich. — Aha! (denke ich) meine Diagnose ist richtig: der muss ein Dichter sein. Er hüstelt und scharrt . . Wie erlebt man nur schon den Menschen von Angesicht zu Angesicht zu s^hen? . . Und Gott hat geholfen! . . Er — der Dichter — ist schon im Zimmer und begrüsst mich sebr artisr: er tritt ein paar Schritt zurück, macht so eine Verrenkung, die anscheinend als Verbeugung betrachtet werden will, reibt sich die Hände und stellt sich mir dann vor, nennt einen Namen, so einen von jenen Namen, wie aus der Haggadah — eben hast du ihn gehört, schon ist er venresuen und verflogen. — — Setzt Euch! Womit kann ich Ihnen dienen? — Ich bin zu Euch gekommen in einer dringlichen Sache, das heisst. für mich ist die Sache dringlich . . . sogar sehr dringlich! . . . Man köunte fast sagen, mein ganzes Leben hängt davon ab. Und nur Ihr, mein ich, werdet sie verstehn. Ihr schreibt so viel, müsst Ihr doch alles verstehn, mein ich. Ihr müsst ein Sachverständiger sein für alles. So mein ich. Das heisst, ich mein nicht so: ich bin sogar davon überzeugt. Ich sehe mir das Mensehlein an: Typ von einem kleinstädtischen Gebildeten: Also ein Dichter! Ein junger Mann mit einem blassen Gesicht und jenen grossen, schwarzen, verjammerten Augen, die immer zu flehen scheinen: „Habt Ei binnen mit einer armen, umherirrenden Seele." Also ein Dichter! „Nun, zeigt mal her, was Ihr da habt!" Ich lege meine Feder zur Seite und setze mich in Positur. Weiss ich doch ganz genau, was jetzt kommen muss: Gleich wird er in die Rocktasche fassen und ein Päckchen Manuskripte hervorholen . . . Sicher kein kleines! Mindestens einen Roman in drei Büchern — lang wie das jüdische Golus. Oder ein Drama in vier Akten, dessen Personen Namen haben wie: Mördersohn, Ehrlichmann, Frummherz, Bitterzweig. Nur die Namen — und man kennt die ganze Geschichte. Vielleicht sind's auch ganz neue Lieder von Zion. Hin auf die Berge müsst ihr ziehen, Dorthin, wo die Adler fliehen, Dort, wo der Ö.birg und noch andre Berge blühn, Wo die Propheten ruhten nach den Mühn Und vor Gott gepflegt haben zu knien. Man kennt diese Sorte Lieder und Reime, die einem kilometerlang zum Halse herauswachsen, vor den Ausren funkein, das Trommelfell zerstechen und das Herz wüst machen, wüster als die ^giösste Wüste. Nun denken Sie sich meine Überraschung! Der junge Mann hat nicht in die Brusttasche gegriffen, nicht ein Paket Manuskripte herausgeholt, nicht daran gedacht, mir meuchlings einen neuen Roman, ein neues Drama oder neue Lieder von Zion vorzulesen. Nein! Er hat sich seinen Kraaren zurecht gerückt, selbstverständlich noch geräuspert und dann angehoben zu erzählen. — Ich bin zu Euch gekommen, um Euch mein schweres Herz auszuschütten. Nicht mehr und nicht weniger. Ich muss mit Eu<;h Rat halten. Ein Mensch wie Ihr muss mich verstehn. Ihr schreibt so viel, müsst Ihr doch alles wissen. Nur Ihr könnt mir einen guten Bit geben. Ich geb1 Euch mein Ehrenwort. Was Ihr sagt, werde ich tun . . Verzeiht, ich halte Euch doch nicht auf? — „Macht nichts aus! Erzählt nur, erzähltl" wende ich mich an ihn. Und ich fühle, wie mir ein Stein vom Herzen fällt. Und «erar kein kleiner! Der j' nge Mann rückt näher an den Tisch heran und fängt an, sich sein schweres Herz zu erleichtern. Zunächst besorgt er dieses Geschäft ruhig und gelassen. Aber je länger er redet, um so mehr kommt er in Rage . . . — So wie ich hier vor Euch stehe, bin ich ein junger Mann: — Ihr seht selbst, ein junger Mann aus einem kleinen Städtchen. Das heisst, das Städtchen ist gar nicht so ein kleines Städtchen. Es ist sogar ein hübsches Städtchen, ein hübsch-grosses Städtchen. Man kann sogar direkt sagen eine Stadt. Nur im Vergleich zu Eurer Stadt ist es ein Städtchen. Das Städtchen kennt Ihr — mein ich — sicher ganz genau. Aber ich möchte es Euch nicht mit Namen nennen. Euch trau ich zu, Ihr beschreibt nachher die ganze Geschichte. Und das passt mir aus vielen Gründen nicht. Ihr wollt wissen, was ich treibe. Hm ... ich treibe ... das heisst treiben tu ich bis jetzt gar nichts. Ich wohne bei meinen Schwiegereltern. Das heisst, ich wohne dort nicht ganz auf ihre Kosten, sondern wir wohnen und wirtschaften zusammen. Denn sie — müsst Ihr wissen — ist ihre einzige Tochter, ihre eine und einzige. Mehr Kinder sind nicht da, als eben die Tochter. Und meint Ihr vielleicht, sie könnten nicht dabei bestehen? Sie sind — müsst Ihr wissen — vermögende Leute. Man kann sotrar sagen reiche. Und bei uns gelten sie sogar als sehr reiche, als unendlich reiche . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.