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Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 59 - 60

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Die Israeliten in Russland
Date
1909-01-01
Page
Seite 59 - 60 (sequence 1)
Language
German
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59 CO DIE ISRAELITEN Die Wiedereröffnung der Dumasession bat die verschiedensten und widersprechendsten Gerüchte über die Judenfrage in Russland neu erstehen lassen. An einem Tage wird verkündet, dass die, Frage vor das russische Parlament gebracht und ein Gesetzentwurf zur Beseitigung der Aufenthalts- und Niederlassungs-Bestimmungen lür die Israeliten im russischen Reich noch in der jetzigen Session vorgelegt werden solle, und dass das auf Betreiben der numerisch stärksten Partei in der Duma, der Oktobristen, geschehen werde. Schon am anderen Tage erfährt man, dass der Führer eben dieser Partei, Herr Gutschkow, erklärt habe, dass der rechte Zeitpunkt für die Inangriffnahme eines so grossen Werkes, das die Entrüstung der den Israeliten feindlich gesinnten Bevölkerung erregen könne, noch nicht gekommen sei. Diese Behauptung beruht einzig auf den Vorurteilen der Aristokratie und der Bureaukratie; sie gehört zu den gelegentlichen Mitteln, die jeder Reaktion dienen und mit denen man die ganze Willkürgesetzgebung zu rechtfertigen gesucht hat, die seit Jahrzehnten die jüdische Bevölkerung Russlands diückt. Kein ernsthaftes Anzeichen, keine autorisierte Mitteilung gestattet die Annahme, dass man in den Regierungskreisen geneigt ist, den Israeliten gegenüber einigen Gerechtigkeitssinn walten zu lassen. Der Premierminister, Herr Stolypin, von dem man vielleicht eine gewisse Gesichtsweite erwarten könnte, wird von der Mehrheit seiner Kollegen im Stiche gelassen und wird sogar, auf Anstiften des Verbandes der „echt russischen Leute", vom dirigierenden Senat desavouiert, wenn er einmal den Versuch macht, die Härten des Gesetzes durch Verwaltungsverfügungen zu mildern. So hatte er im Mai 1907 die Provinzgouverneure aufgefordert, die Gesetze über das Niederlassungs¬ und Aufenthaltsrecht der Juden weniger streng anzuwenden. Auf eine ven den „echt russischen Leuten" erhobene Klage wurde die ministerielle Anordnung als gesetzwidrig bezeichnet. Im Lauf der letzten Monate haben organisierte Banden, deren verbrecherische Unternehmungen keinerlei Störung erfahren, in verschiedenen Städten, namentlich in Kiew, judenfeindliche Unruhen hervorgerufen. Werden sie doch in ihrem Beginnen dadurch ermutigt, dass den Urhebern und Anstiftern der Pogrome regelmässig Begnadigung zuteil wird. Was können übrigens die Juden von einer Justiz erhoffen, die Angriffe auf das Leben IN RUSSLAND. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. der Juden nur mit äusserster Schüchternheit bestraft! Die Zeitungsberichte über die Prozesse wider die in den Pogrom von Byalistok verwickelten Personen sprechen von einer fortgesetzten Komödie. Die Schuldigen wurden zu lächerlich geringen Strafen verurteilt, aber die Anwälte der jüdischen. Opfer sind wegen ihres Versuches, Licht in das Dunkel zu bringen und die wahren Schuldigen nachzuweisen, auf Verfügung des General- Staatsanwalts unter Verfolgung gestellt worden. Man weiss ferner, mit wie grosser Strenge Verfügungen erlassen werden, um nach der Wiedereröffnung der Schulen die Zulassung jüdischer Zöglinge zu beschränken. Sogar die Elementarschulen sind für die Juden nicht frei zugängig. Von 200 000 jüdischen Kindern in Südrussland, die im schulpflichtigen Alter stehen, sind 130000 von den öffentlichen Schulen ausgeschlossen. In den Handelsschulen trifft die nämliche Ausschliessung die jüdischen jungen Leute. In der Handelsschule in Odessa waren bei Wiedereröffnung 30 Plätze unbesetzt — und doch durfte kein Jude zugelassen werden. Dabei wird das Budget der Handelskammer von Odessa, das jene Schule subventioniert, zu drei Vierteln von Israeliten aufgebracht! In den Universitäten ist trotz aller vom Lehrpersonal selbst ausgehenden Proteste die Prozentualisierung aufs neue streng eingeschärft worden. Auf Vorschlag des Ministerrats ist bestimmt worden, dass in Petersburg' und Moskau 3 %, im Niederlassungsgebiet 10 %, im übrigen Reich 5 % der Zöglinge und Hörer Juden sein dürfen. Als Grund lür diese prozentuale Begrenzung wird angegeben, dass die jüdischen jungen Leute ein revolutionäres Element darstellen. — Tatsächlich zählen die beiden letzten Jahre, während deren die Juden in stärkerer Zahl zum Genuss des höheren Unterrichts zugelassen wurden, zu den friedlichsten, die die, russischen Universitäten je gesehen haben. Gegenüber den Schwierigkeiten, denen die jungen jüdischen Leute, die Mittelschulen absolviert haben, bei der Fortsetzung ihrer Studien in der Heimat finden, suchen sie die Möglichkeit, ihrem Beruf zu folgen, auf den Universitäten der verschiedenen europäischen Länder, leben dort in den dürftigsten Verhältnissen — aber sie haben wenigstens das Recht, zu leben und zu lernen.

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