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Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 51 - 52

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Die Israeliten in Persien
Date
1909-01-01
Page
Seite 51 - 52 (sequence 2)
Language
German
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öl Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Persien. 521 Die israelitische Gemeinde schickte an den Minister ein zweites Telegramm, dringlicher als das vorige, und ich depeschierte an Herrn Lecomte: ,,Die Angelegenheit Hadschi Bagir verschlimmert sich von Tag zü Tag. Die israelitische Bevölkerung ist voller Schrecken. Ich bitte Sie inständigst, zur Beschwörung der schweren Gefahr zu intervenieren." Die Wirkung dieser wiederholten Bemühungen zeigte sich glücklicherweise sehr schnell. Zwei Tage später, am Vorabend des von unseren. Glaubensgenossen so gefürchteten Tages, erhielt der Gouverneur von dem Minister Alai-Es- Saltaneli folgenden telegraphischen Befehl, dessen Wortlaut ich mir habe beschaffen können: „Nach Berichten, die in den letzten Tagen nach Teheran gerichtet worden sind, planen gewisse Unruhestifter Intriguen gegen die Israeliten. Schneiden Sie diese Intriguen kurz ab. Geben Sie hierher Nachricht über diese Angelegenheit und berichten Sie über die Mittel, die Sie angewandt haben, um die Intriguen der Unruhestifter zunichte zu machen." Musaffer-El-Mulk begriff endlich die schwere Bedeutung der Angelegenheit und das Maß seiner Verantwortlichkeit, wenn er Hadschi Scheik Bagir freie Hand ließ. Er erwiderte dem Minister: „Die jüdische Angelegenheit ist so, wie in den nach Teheran geschickten Berichten geschildert. Seit Beginn des Monats Ramadan habe ich keine Stunde Ruhe. Dabei habe ich keine Möglichkeit zu strengem Einschreiten. Bis zum heutigen 20. Ramadan habe ich durch diplomatisches Verhalten Unruhen verhüten können. Ich kann nicht gewährleisten, daß die letzten zehn Ramadantage ohne Zwischenfälle vorübergehen werden. Ich kann telegraphisch nicht mehr sagen. Die Lage muß in radikaler Weise gebessert werden. Moayed Husur hat in den letzten Tagen seinen ganzen Einfluß aufgewendet und sehr viel Schwierigkeiten gehabt. Einzelheiten melde ich brieflich/' Der französische Geschäftsträger in Teheran hat sicher viel dazu beigetragen, daß Minister Alai-El-Saltaneh dem Gouverneur gegenüber eine für unsere Glaubensgenossen so günstige Haltung angenommen hat. Ich erhielt von Herrn Lecomte folgende Depesche: ,,Habe zugunsten der Israeliten von Hamadan mich zweimal bei der Regierung bemüht. Erhoffe günstiges Eegebnis." Die Kunde von den neuen Befehlen aus Teheran verbreitete sich schnell in der Stadt und hatte auf die musel^ manische Bevölkerung heilsamsten Einfluß. Der Gouverneur beruhigte die Israeliten, verbot die religiösen Prozessionen für den 21. Ramadan, die herkömmlich Anlaß zu Wirren geben. Dank diesen Maßregeln ging der 21 Ramadan (17. Oktober) in vollkommener Ruhe vorüber. Der Priester Hadschi Scheik Bagir hat für den Augenblick auf seine Forderungen verzichtet. Aber eine Delegation jüdischer Händler aus Bagdad, die ihn aufgesucht hatte, um ihn zu begütigen, hat er versichert, daß er nach Ablauf des Ramadan die Israeliten schon zwingen werde, die früher mitgeteilte Erklärung zu unterschreiben. SALOMON NEUMANN *) Nachdruck mit Quellenangabe gestattet Rede bei der Gedächtnisfeier der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Gehalten von Prof. Dr. Hermann Cohen, Kgl. Geh. Reg.-Rat in Marburg. Wenn eine Gedenkfeier von einer Körperschaft nicht einem geschichtlichen Ereignis, sondern einer Person geweiht wird, so waltet dabei die Voraussetzung ob, daß diese Person einer Idee gedient hat und also eine geschichtliche Sache vertritt. Dem Anlaß dieser Stunde könnte es demnach wenig zu entsprechen scheinen, daß aus dem Scfroße unseres Kuratoriums mir der Auftrag zuerteilt worden ist, dem Andenken Salomon Neumanns den unvergänglichen Dank unserer Lehranstalt darzubringen. Denn 40 Jahre hindurch bin ich in wachsender Freundschaft mit diesem Manne verbunden gewesen, und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ist mit der Verehrung für seine Denkart und für seine Gesinnung die anhängliche Liebe zu seiner Person in mir lebendiger und inniger geworden, je mehr das intimere Verständnis mir aufging für die geheimgehaltenen Regungen seines weichen Gemütes, seines zarten Gefühls nicht nur für die Ideen, sondern ebenso für die Menschen in den verschiedenen Lagen und Stufen ihrer Lebenstätigkeit, und vollends für seine nähere Umgebung, für seine Freunde und Mitarbeiter. Darf ich es mir zutrauen, zumal jetzt, da der unersetzliche Verlust noch so unmittelbar empfunden wird, mit der Sachlichkeit, welche unsere Hochschule fordert, über den Mann zu sprechen, der unter den Ersten sie ins Leben gerufen, und der bis zu seinem letzten Atemzuge wie als sein größtes Vermächtnis für ihre Zukunft die Sorge im Herzen getragen hat? Der Widerspruch ist indessen nur scheinbar, wie jeder vermeintliche Widerspruch zwischen einer menschlichen Sache und der sie vertretenden Person. Nur durch den Menschen empfängt jede Sache, jede Aufgabe der menschlichen, der sittlichen Kultur Gestalt und Gesetz, Leben und Entwicklung. Und auch die Person selbst ist nimmermehr von der Sache abzulösen, für die sie wirkt und ihr Leben läßt. *) Von zahlreichen Freunden der Alliance und des verewigten Neumann ist uns der Wunsch ausgesprochen worden, wir möchten in „Ost und West" die überaus eindrucksvolle Gedächtnisrede des Herrn Geh.-Rats Prof. Cohen veröffentlichen. Wir kommen diesem Wunsch mit besonderer Freude nach und mit aufrichtigemDank ah alle die, die uns zum Abdruck die Zustimmung zu geben die Freundlichkeit hatten. Die Redaktion. Demgemäß hebt sich auch eine andere Schwierigkeit auf, die hier vorzuliegen scheint. Jeder Mensch, zumal der moderne, ist der Mittelpunkt vielseitiger, oft widerstreitender Kräfte und Richtungen: Bildet er eine wahrhafte Einheit des menschlichen Wesens? Das ist die große Frage von der Einheit des modernen Bewußtseins. Sie läßt sich nicht anders beantworten, als daß man Person und Sache in innerem Zusammenhang erkennt, und daher in Einheit zu fassen sucht. Freilich ist es das persönliche Gefühl, der anscheinend unkontrollierbare Affekt, also das schlechthin Natürliche und Individuelle, was die ^Triebkraft des Menschen im letzten Grunde bewegt; nichtsdestoweniger aber sind und bleiben dennoch die Ideen, die den Geist erfüllen, auch die schöpferiscehn Mächte seines Willens* seiner geistigen, seiner sittlichen Arbeitskraft. Das Verständnis eines Menschen, der in irgendeiner Richtung der Kultur gewirkt hat, erfordert ebenso sehr das sympathische Verständnis für die Ideen, denen er sein Leben gewidmet hat, wie für den verborgenen Quell, der sein Herz belebt hat. Die Schwierigkeiten scheinen jedoch in unserem Falle noch nicht erschöpft zu sein. Wenn ein moderner Mensch unverkennbar seine ganze Herzkraft der Religion zugewandt hat, so dünkt es heutzutage manchem, als ob er von vornherein zu einer Zwiespältigkeit, ja zu einer Zweideutigkeit sich verurteilt hätte. Denn es soll doch nicht mehr Mittelalter sein, folglich darf die Religion nicht den wahrhaften Mittelpunkt des modernen Wesens bilden. Und wenn nun gar diese Konzentration in den Seitenweg des Judentums verlockt, so steigert sich der Verdacht der. romantischen Unklarheit. Denn welche zentrale Bedeutung käme noch immer dem Judentum zu, wie man sie freilich dem Christentum oder wenigstens dem Protestantismus in geschichtlichem Sinne bereitwillig zuerkennt. Das Judentum aber sei von diesem allgemeinen Priesterreich vollkommen aufgesogen. So denkt leider auch mancher unter uns. So aber dachte Salomon Neumann nicht. Es ist bekannt, mit welcher Energie des innigsten Gefühls, der heißesten Leidenschaft und des schmerzlichen Spottes gegen die Wankenden er für die geschichtliche Bedeutung der jüdischen Religion, wie in der Vergangenheit, so in der Gegenwart und für alle Zukunft innerlichst überzeugt und begeistert war. Nutzen wir den Ernst dieser Stunde, um

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