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Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 49 - 50

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Die Israeliten in Persien
Date
1909-01-01
Page
Seite 49 - 50 (sequence 1)
Language
German
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49 50 DIE ISRAELITEN IN PERSIEN. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Das Central-Comite hat von dem Direktor der Alliance-Schulen in Hamadan die nachstehenden Mitteilungen erhalten über Chikanen und Misshandlungen, denen die Israeliten von Hamadan in Folge der Aufhetzungen des Priesters Hadschi Scheik Bagir ausgesetzt gewesen sind: Hamadan, den 13. Oktober. Seit einigen Jahren ist die israelitische Bevölkerung von Hamadan den Verfolgungen des Priesters Hadschi Scheik Bagir ausgesetzt. Unter den nichtigsten Vorwänden überschüttet dieser Priester die angesehensten Mitglieder der Gemeinde mit Demütigungen, aller Art. Er droht ganz offen, daß er die muselmanische Bevölkerung zur Plünderung in das jüdische Viertel schicken werde. Bis zur Stunde ist es den jüdischen Notablen mit Hilfe einiger toleranten Priester gelungen, die schlimmen Pläne Hadschi Bagirs aufzuhalten. Bei einem neuerlichen Anlaß jedoch nahm Hadschi Bagir seinen judenfeindlichen Feldzug wieder auf. Vor zwei Monaten etwa konstatierten die Israeliten, daß ein Moslem an der Grenze des jüdischen Friedhofs ein Gebäude errichtet, dabei Leichenteile ausgegraben und auf die Straße geworfen hatte. . Sie protestierten bei dem Gouverneur gegen diese Profanierung. Der Gouverneur ordnete eine Untersuchung an, die den Moslem überführte, und schickte Leute ab, die den Bau abtragen sollten. Die eingeborene Bevölkerung ließ ihre Wut über diese vermeintliche Niederlage an den Juden aus. Während das Gebäude eingerissen wurde, kam es zu einem Streit, bei dessen Verlauf Moslim und Juden einige Hiebe austauschten. Hadsclü Scheik Bagir sah hierin eine willkommene Gelegenheit, sich aufs neue an den Juden zu reiben. Er versprach der Bevölkerung, aus der Gemeinde eine exemplarische Sühne herauszupressen. Er stellte den jüdischen Notablen den Befehl zu, sich bei ihm zur Bastonnade einzufinden. Die Israeliten riefen abermals die Intervention der Priester an, deren Schutz sie schon bei früheren Anlässen genossen hatten. Die Angelegenheit schien erledigt, als in dieser Woche der Scheik, die Überreizung* der Gemüter während des Monats Ram dan benutzend, von den Notablen die Unterzeichnung folgender Erklärung forderte: „Im Monat Radscheb (August 1908) beschwerten sich einige Israeliten bei dem Gouverneur von Hadiman, daßein Moslem auf den israelitischen Friedhof übergegriffen habe, um sein Haus zu vergrößern. Ein Beamter des Gouverneurs, mit der Untersuchung beauftragt, begab sich mit dem Baumeister Hadschi Mohammed Hussein auf den Platz, von einer großen Zahl Israeliten begleitet. Nach dem Gutachten dieses gewissenlosen Baumeisters zerstörten sie das Haus des Spinners Rahmi, das vom jüdischen Friedhof durch einen öffentlichen Weg getrennt ist und am Rand einer Gosse liegt. Karbai ii Sebs Ali, seines Handwerks Kistenmacher, der gegenwärtig war, erklärte, daß das Haus des Rahmi außerhalb des Friedhofs stände. Er wurde deshalb von den Israeliten geschlagen, und der Großrabbiner Menahem forderte die Juden auf, ihn zu prügeln und durch Drohungen einzuschüchtern. Ein Moslem fragte die Israeliten, warum sie den Unglücklichen schlugen. Er wurde gleichfalls mißhandelt. Als die Israeliten heimkehrten, verprügelten sie den Eseltreiber Seid Ibrahim, der nach der Ursache des . Zusammenlaufes gefragt hatte. Die Moslim erfuhren von diesen Zwischenfällen und gerieten in Erregung. Sie empfanden lebhafte Entrüstung gegen die Juden, die durch ihre unüberlegten Handlungen und durch ihren Mangel an Loyalität große Unruhen in der Stadt veranlassen konnten. Ich, der demütige Diener Gottes, habe das Mögliche getan, um die Moslim von Handlungen der Vergeltung abzuhalten. Überdies veranstaltete ich eine Untersuchung. Mehrere Israeliten wurden zu dem Ende vor den Priester Aga Mohammed Hadi geladen. Ich schickte meinen Bruder Aga Scheik Risa mit einem Vertreter des Gouverneurs, um ein Verhör anzustellen. Diese Untersuchung ergab den bösen Willen und die Illoyalität der Israeliten, sowie die Unrichtigkeit der Behauptungen des Baumeisters. Die Israeliten baten danach die Personen um Verzeihung, die von ihnen irregeführt waren,-und zeigten den Wunsch, volle Genugtuung zu geben. Ich, der demütige Diener Gottes, zahlte persönlich eine gewisse Summe zur Entschädigung der benachteiligten Personen, um Unruhen zu vermeiden, allen Intriguen ein Ende zu machen und die Stadt vor großem Unheil zu bewahren. Ich bat die Geschädigten außerdem, den Israeliten zu verzeihen unter der Bedingung, daß sie Rahim Ersatz leisten für allen Schaden, die seinem Hause zugefügt worden, und daß sie in öffentlicher Gemeindesitzung ihr Unrecht und ihre Missetaten bekennen und für das von den Moslim ihnen bewiesene großherzige Wohlwollen Dank wissen; daß sie ferner von der Absicht der Moslim, volle Sicherheit in der Stadt walten zu lassen, Kenntnis nehmen; daß endlich die israelitische Gemeinde eine in diesem Sinne abgefaßte schriftliche Erklärung abgibt. Die Israeliten, wenig mutig, zögerten, diese Erklärung zu unterschreiben bis zum 12. des Monats Ramadan, wo sie glaubten, daß sie die Unterschrift ohne Gefahr für sie geben könnten. Um unser Wohlwollen gegenüber den Israeliten zu beweisen, bat ich die Einwohner der Stadt, ihnen zu verzeihen, und entschied dahin, daß niemand mehr wegen dieses Zwischenfalls die Israeliten behelligen dürfe. Doch soll in Zukunft jeder Israelit, der sich ein Vergehen zuschulden kommen läßt, nach stattgehabter Untersuchung streng bestraft werden. Die Juden müssen überdies ihren Friedhof umgre zen, damit kein Zwischenfall ähnlicher Art neu vorkomme." Die Israeliten lehnten die Unterzeichnung des kompromittierenden Papiers ab, das in den Händen ihres Widersachers eine furchtbare Waffe werden konnte. Wütend über den Widerstand, versammelte der Scheik täglich die muselmanische Bevölkerung und predigte Krieg gegen die Juden. Der Gouverneur von Hamadan, Musaffer-Ei-Mulk, dem ich über die Vorkommnisse Bericht erstattete, erklärte sich außerstande, den Priester zur Vernunft zu bringen, und riet der Gemeinde, sich den Forderungen zu fügen, um größeres Unglück zu vermeiden. In so kritischer Lage telegraphierte die israelitische Gemeinde an den Minister des Auswärtigen, zu dessen Ressort die jüdischen Angelegenheiten gehören, und erbat von ihm, er möchte energische Befehle nach Hamadan schicken. Die Notablen baten mich überdies, ich möchte von mir aus dem französischen Geschäftsträger in Teheran Herrn Raymond Lecomte telegraphieren, daß er ihre Bemühungen unterstütze. Ich habe ein Telegramm und einen erläuternden Brief an den Vertreter der französischen Republik geschickt. Die Israeliten von Hamadan erwarten in Sorge das Ergebnis meiner Intervention. Ich werde nicht ermangein, Sie von dem Ausgang der Schwierigkeiten in Kenntnis zu setzen. Hamadan, den 18. Oktober 1908. In Fortsetzung meines Schreibens vom 13. d. M. beehre ich mich, Ihnen folgendes mitzuteilen: Als der Gouverneur von Hamadan, Musaffer-El- Mulk, erfahren hatte, daß die Israeliten sich nach Teheran um Hilfe und Schutz gewandt hätten, telegraphierte er dem Minister des Auswärtigen, daß die Friedhofsangelegenheit erledigt sei. Diese Depesche neutralisierte die Wirkung, die das Telegramm der Gemeinde hätte haben können. Die Befehle aus Teheran verzögerten sich deshalb, und unsere Glaubensgenossen waren mehr als je in Schrecken gehalten, besonders bei Annäherung des 21. Ramadan, eines muselmanischen Trauertages, den der Priester Hadschi Scheik Bagir zur Ausführung seiner Drohungen gewählt zu haben schien.

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