Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Die Josefsgeschichte in der bildenden Kunst
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 19 - 20 (sequence 2)
- Language
- German
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19 G. Kutna: Die Josefsgeschichte in der bildenden Kunst. 20 A. ELSHEIMER. Joseph am Brunnen» DRESDEN. artig im Brustbild, Selene und- Sterne. Er erzählt dem Vater und der gerührt zuhörenden Mutter*) seinen Traum, die Brüder sind von Neid und Aerger erregt« Josef küsst dann Benjamin zum Abschied, der Vater streichelt Josefs Wange, Rahel sitzt daneben. An der durch eine Säule symbolisierte Weggrenze bleibt der begleitende Benjamin zurück, und Josef tritt unter Führung eines Engels die Wanderung zu den Brüdern an; auf dem nächsten Bildchen blicken sie ihm in lebhafter Erregung entgegen und machen sich hastige Mitteilungen. Unverständliche Beigaben hat die Verführungsszene: neben der Frau Potiphars, die auf vergoldetem Bette vor einer Säulenhalle sitzt und den Mantel des davoneilenden Josef fasst, neigt sich eine Frau mit einem Fähnchen (oder einer Rassel?) zu der Wiege eines Kindes, das eine tiaraförmige Kopfbedeckung hat; eine andere, reichgeschmückte Frau steht daneben, eine Spindel hoch in der Hand haltend. Darunter sind weitere häusliche Szenen mit Frauen und Kindern dargestellt. Ferner sieht man Josef über eine Galerie nach einer Tür eilen, durch die ihm ein Diener nach dem Gemache deutet, in dem die Frau die Beschuldigung gegen ihn vorbringt. Ihre Schlauheit wie der herrische Missmut des Mannes sind dabei gut ausgedrückt. Aelfrics angelsächsische Pentateuch-Paraphrase schildert ausführlich das Leben *) Die bereits verstorbene Rahel ist nicht nur hier und in anderen Miniaturmalereien des Mittelalters (Aelfrics Pentateuch-Paraphrase, Hystoires de la uie ioseph, 19992 Brit. Mus.), sondern auch in Werken der Neuzeit (G. Pencz, A. del Sarto, Rembrandt) bei den Ereignissen der Josefsgeschichte zugegen. Ihre Gegenwart diente zur Steigerung des Motivs und wurde bei ungenauer Kenntnis des Textes, aus den Worten Jakobs: „Sollten wir denn kommen, ich und deine Mutter . . .?M gefolgert. Josefs und betont in eindringlicher, trotz der rohen Form charakteristischer Weise die Gemütsbewegungen des Vaters, Josefs, der Brüder, der Aegypter. In den christologischen Analogien einer Expositio librorum Veteris et Novi Testamenti ans dem 13. Jahrhundert (Brit. Mus. Add. 18719) neigen sich die Brüder mit Garben in der Hand vor dem träumenden Josef als Vorbild für die den Heiland anbetenden Kleriker, Jakob schickt Josef in der „bunten Tunika" zu den Brüdern als Gegenstück zu Gott, der das Christkind mit der Fleischlichkeit im jungfräulichen Mutterschoss bekleidet, und Joset bringt den Brüdern Brot und ein Fässchen Getränk, wie Christus seinen Brüdern, den (mit Trichterhüten bekleideten) Juden „flores evangelii" anbietet, die sie verschmähen. Auch auf den Mosaiken von San Marco in Venedig aus derselben Zeit trägt er ein Gefäss auf dem Wege zu den Brüdern. Als glücklich charakterisierender Zug fällt an dieser Stelle beim Kauf des jungen Sklaven die Frau Potiphars auf, die in der Haustüre steht und den Vorgang mit gespanntem Interesse folgt. Auch der Niederländische Meister des Berliner Museums lässt die Frau mit einer Begleiterin zugegen sein und ihn mit begehrlichem Blick ansehen, da er von ihrem Manne zum Hausverwalter eingesetzt wird. Viel Naives aber auch mancherlei gute Charakteristik enthält ein französisches Manuskript: Hystoires dela uie ioseph etc. aus dem Anfang des 14. Jahrh. im Brit. Mus. (19992). Josef hat da in den verschiedenen Szenen einen Rock an, der immer eine andere Farbe hat, die in einzelnen Fällen dieselbe ist wie die Gewandfarbe anderer Brüder; was übrigens in anderen Manuskripten (Calendarium, Brit. Mus. 24 678) und Werken der primitiven Kunst (Schule Cimabues, San Francesco in Assisi) nicht selten vorkommt. Recht naiv mutet es auch an, wie der mit einem Judenhut bekleidete Josef vor der Verführerin flieht, oder wenn zwischen den mageren und fetten Kühen das Bett des träumenden Pharao steht, wodurch das Verschlingen der fetten durch die mageren noch erstaunlicher wird. Treffend dagegen ist es, wenn der freigelassene Simon erschreckt Benjamin vor sich sieht, den die Brüder mitgebracht haben. Dass Benjamin noch immer in demselben Alter wie beim Weggang Josefs erscheint, entspricht wieder dem naiven Geiste dieser Kunst.*) Bei der Hochzeit Josefs mit Osnath, der Tochter des Priesters Potiphera ist die Braut entsprechend der *) Auch Josef ist in manchen Darstellungen (2. Ha-, gadah des Germ. National-Museums in Nürnberg, Bild im Fürstenzimmer des Augsburger Rathauses u. a.) bei der Traumdeutung vor dem Pharao noch als Knabe dargestellt, trotz der ausdrücklichen Angabe der Bibel, er sei 30 Jahre alt gewesen.