Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Das Jahr 1908
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 3 - 4 (sequence 2)
- Language
- German
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3 M. A. Klausner: Das Jahr 1908. 4 so lange vorenthaltenen Menschenrechte bringen würde. Aber gerade sie mussten den lieber* schwang der Hoffnung am härtesten büssen. Die Freunde der Reaktion waren ihre natürlichen Feinde, und diese Feindschaft kam in Greueltaten ohne Namen zum Ausdruck. Erst ganz allmählich wichen nach den Schrecken der Revolution die Schrecken der Kontrerevolution so weit, dass eine gewisse Beruhigung eintrat, dass die Regierung die Kraft gewann, ihre Autorität geltend zu machen auch gegenüber denen, die ihrer Mord- und Beutelust den Anschein eines überschäumenden Patriotismus gegeben hatten. Erst ganz allmählich war es den Ministern des Zaren möglich geworden, sich der unwillkommenen Bundesgenossenschaft der „echt russischen Leute" zu erwehren, konnte Ministerpräsident Stolypin die Versicherung geben, dass ein Pogrom fernerhin unmöglich sei, dass jeder Versuch mit bewaffneter Hand niedergehalten werden würde. Herr Stolypin hat sein Wort wahr gemacht —- im abgelaufenen Jahr ist es in Russland nirgend zu einer gegen unsere Glaubensgenossen gerichteten ernsthaften Störung gekommen. Dass gleichwohl auf den Juden Russlands ein schwerer Druck lastet, der keine Zuversicht aufkommen lässt, ist begreiflich genug. Kann doch niemand dafür bürgen, dass die vergleichsweise Ruhe nicht blos eine Art Waffenstillstand bildet, dass sie wirklich der Uebergang zu dauernd geordneten, Leben und Erwerbsmöglichkeit sichernden Verhältnissen ist, die Einleitung zu einer die Menschenwürde achtenden Reformtätigkeit. Dass die sprichwörtliche Spannkraft der russischen Juden jetzt versagt, ist zum guten Teil wohl der Enttäuschung zuzuschreiben, die die auf die Reichsduma gerichteten Hoffnungen erfahren haben. Von der dritten Reichsduma, d. h. von ihrer Initiative hängt es ab, ob endlich die Mauer niedergerissen werden soll, die Russland von dem zivilisierten Europa scheidet, ob dort die gesetzliche differentielle Behandlung der Einwohnerschaft aufhören soll, die den Bürger vom Bürger trennt und den Richtesr von der Gerechtigkeit. Wäre die erste Reichsduma befragt worden und hätte die russische Regierung nach dem eingeforderten Votum gehandelt, so wäre der Tag der bürgerlichen Befreiung für unsere Brüder in Russland schon gekommen. Man hat die erste Reichsduma nicht gefragt und hätte auf ihr Votum auch nicht gehört. In der zweiten Reichsduma waren die Chancen eines mutigen Entschlusses zur Gerechtigkeit schon erheblich schwächer. In der jetzigen, der dritten Reichsduma, hatte es wenigstens zunächst den Anschein, als wäre von ihr zugunsten der russischen Juden überhaupt nichts zu hoffen. In allgemeiner Niedergeschlagenheit nahm man an, dass weder die Erweiterung des Niederlassungsrechts noch die Aufschliessung des Ansiedlungsbezirks, noch sonst eine wesentliche Erleichterung für absehbare Zeit zu erwarten seien, dass man sich darein schicken müsse, das Recht auf Sicherheit des Lebens nur für eine jeden Augenblick kündbare Frist, gleichsam als Provisorium, anerkannt zu sehen. Dies wäre ein Unglück, so gross, dass es in sich seine Heilung tragen müsste. Denn ein derartiger Zustand kann keine Dauer haben; er ist unerträglich für den gesamten Staat ebenso wie für den unmittelbar bedrohten Bevölkerungsausschnitt. In Wirklichkeit haben nüchterne und unbefangene Beurteiler der Zustände in unserem grossen Nachbarreich bereits begonnen, sich einer weniger mutlosen Auffassung von der kommenden ßntwickelung zuzuwenden. Nicht als ob es der dritten russischen Reichsduma an Antisemiten fehlte! Haben wir doch nicht einmal die Befriedigung, dass das Bekenntnis zum Antisemitismus bloss in Russland den Bekenner nicht disqualifiziere. Das ist auch anderwärts, ist auch bei uns nicht der Fall. Nein, die dritte russische Reichsduma hat ihr vollgemessen Teil an waschechten Antisemiten. Aber neben ihnen ist eine weit grössere Zahl von blossen Mitläufern, die nachreden, was man ihnen zu er? zählen nicht müde wird, und ohne Prüfung als richtig unterstellen, was ihnen ohne Widerspruch als unumstössliche Wahrheit Tag für Tag vorgetragen wird. Diese Mitläufer des Antisemitismus in der dritten russischen Reichsduma sind nicht unbelehrbar. Dafür hat schon das Verhalten des terroristischen Antisemitismus gesorgt. Selbst dem Vorurteil muss nachgerade offenbar werden, dass Gewalt allein keine Unterlage für eine Regierung abgeben kann, dass Wiederholung nicht ausreicht, Unwahrheit zur Wahrheit zu stempeln, dass Rechtlosigkeit, an einer Stelle zum Prinzip gemacht, die unaufhaltsame Tendenz hat sich auszudehnen. Es gibt überdies in der dritten Reiehsduma ganze Gruppen, denen es für gewisse Fragen bei allem guten Willen an Verständnis fehlt. So kojinte beispielsweise konstatiert werden, dass die Gruppe der mohamedanischen Dumamitglieder für den Antrag auf Ausschliessung der Juden vom Militärdienst zu stimmen bereit war, weil sie darin