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Ost und West · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 739 - 740

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Josef Róna
Date
1908-12-01
Page
Seite 739 - 740 (sequence 1)
Language
German
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739 740 JOSEF RONA. Nachdruck verboten. Das war ein grosser, ein denkwürdiger Tag im Lebensgange Josef Ronas, als er, das ihm eben verliehene Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens an der Brust, an der Tafel des greisen Kaiser-Königs Franz Josef sass und von allen, die sich in der erlesenen, kleinen Gesellschaft befanden, Ministern und Hofwürdenträgern, mit Glückwünschen überhäuft wurde. Eine Stunde früher war sein Denkmal der Kaiserin- Königin Elisabeth, der anmutigsten und gütigsten Dulderin, die je auf einem Fürstenthron gesessen, im königlichen Schlossparke zu Gödöllö — dem Potsdam der un garischen Könige — enthüllt worden. Die ungarische Nation, die die verewigte Königin abgöttisch geliebt hatte, gestaltete die Enthüllung zu einem grossartigen Erinnerungsfeste. Als der greise Kaiser-König Franz Josef in dem am Festplatz errichteten Paradezelte erschien, flogen ihm in endlosen Zurufen die liebevoll - ehrerbietigen Grüsse einer nach Zehntausenden zählenden Menge zu. Ein Mitglied des Kabinetts hielt die Ansprache an den Herrscher. Es sprach von der Josef Röna zärtlichen und dankbaren Hingebung, mit der die ungarische Nation dem Andenken der edlen und unglücklichen Königin all die Liebe, die sie von ihr genossen, vergelten wolle für und für . . . Und in das Amen des Sprechers fiel die Menge andachtsvoll ergriffen ein. Da glitt die Leinenhülle von der Erzgestalt. Im Sonnenlichte des heiteren Maitages erstrahlte die hehre Gestalt der gekrönten Märtyrerin. In dieser Bronzefigur schien ein geheimnisvoll-neues, ein unvergängliches Leben zu weben. Anspruchslos-demütig, und dabei doch in unnahbarer Majestät steht Elisabeth auf dem Sockel, als wollte sie eben abermals die Waldeinsamkeit aufsuchen, in deren schattiger, flüsternder Milde sie sich so oft erging. Traumverloren schweift der Blick des Standbildes über die ungarische Ebene hin, an deren Fata morgana Elisabeth während ihres alljährlichen Verweilens an diesem Orte sich so oft und so gern erquickt hatte. Es ist, als wollte sie wieder Feld- und Waldblumen zu duftendem Strausse pflücken, und wieder spielt das rätselhaft-wehmütige Lächeln um ihre Lippen, das Lächeln der einer unbekannten Tragik in in schönheitgeweihter Melancholie entgegenschwebenden Dulderin. - - Da, als die Hülle vom Erzbilde gefallen war, geschah ein Unerwartetes. Die Menge der Festteilnehmer deutete es fast wie ein Wunder. Franz Josef.I. weinte. Nie zuvor —auch seither niemals — sah man diesen in seinem heroischen Pflichtgefühl fast zum Übermenschen gewordenen Monarchen Tränen vergiessen. Selbst als das furchtbarste Ungemach sich über seinem Haupte entladen hatte, selbst als dieser Schwerstgeprüfte seinen einzigen Sohn, den Erben seiner Kronen, verlor, sah keiner ihn weinen. Bleich aber aufrecht, mit bebenden Lippen, aber die Wucht seines Grams heldenhaft tragend, die Augen in unsagbarem Leid erglühend, aber tränenleer, — so geleitete Franz Josef den Kronprinzen Rudolf nach der Kapuzinergruft. Diesmal aber überwältigte der Mensch in ihm den Übermenschen. Franz Josef vergoss Tränen. Schwere, heisse, grosse Zähren, den ersten Tropfen eines Sommergewitters gleich, rannen ihm über die Wangen. Das eherne Standbild, das ihm alle Grazie, alle erhabene Schönheit, alle berückende Melancholie seiner Lebensgefährtin in lebenswahrer Darstellung vor die Augen zauberte, dieses edle Kunstwerk des Bildhauers Röna hatte den Kaiser-König Franz Josef zu Tränen gerührt. Und als die Menge die schweren, schwülen Tropfen aus

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