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Ost und West · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 731 - 732

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Jüdische Religion
Date
1908-12-01
Page
Seite 731 - 732 (sequence 7)
Language
German
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731 Jüdische Religion. 732 sie das häusliche und private Leben betreffen, herrscht in den verschiedenen Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft eine so verschiedenartige Auffassung, dass es unmöglich ist, allen gerecht zu werden. Ich bin aber auch der Meinung, dass die Besprechung der zeremoniellen Einzelgebote überhaupt nicht in den systematischen Religionsunterricht gehört. Der Lehrer, der es für seine Pflicht hält, den Kindern ihre genaue Kenntnis zu vermitteln, mag diesem Teile der religiösen Unterweisung wöchentlich eine besondere halbe Stunde widmen; der systematische Religionsunterricht, der den Schülern die religiös-sittliche Weltanschauung des Judentums darbieten soll, hat nichts damit zu tun." Aus dieser Stelle ersieht jeder, warum ich im Buche die einzelnen Zeremonialgebote nicht behandelt habe, und der Unbefangene wird zugeben müssen, dass der von mir eingeschlagene Weg für liberale Gemeinden der allein mögliche ist. Was hilft es denn, wenn wir im Religionsbuche alle möglichen Zeremonialgesetze behandeln, und die Eltern lehnen sie den Kindern gegenüber ausdrücklich ab? Hier kann nur der religiöse Standpunkt der Gemeinde in Verbindung mit der persönlichen Ueberzeugung des Lehrers entscheiden. Seinem Takte muss alles überlassen werden. Das sollte auch Jacob wissen. Mit diesen Ausführungen glaube ich schliessen zu können. Zwar steht noch vieles in der Jacobschen Kritik, das eine Entgegnung herausfordert und leicht genug zu widerlegen ist; aber mir kam es nur darauf an, seine Kritik vor der Oeffentlichkeit zu kennzeichnen, und das glaube ich durch das beigebrachte Material getan zu haben. JAKOB WASSERMANN. Von Max: S c h;i c h v v 1. Wir siud noch immer nicht so weit, dass man das Vorhandensein einer spezifisch jüdischen Kunst widerspruchslos behaupten könnte. Eine Deliuition des Wesens jüdischer Kunst führt naturgemäss zur Betrachtung ihrer Vielfältigkeit und lässt nur allmählich die Ueberzeugung einer trotz mancher Zwiespältigkeit bestehenden Einheit aufkommen. Will man von moderner jüdischer Dichtung sprechen, entsteht auch schon die Begriffsteilung zwischen Ost und West, die Klassifizierung von jargonhebräischer- und deutschjüdischer Dichtung. Es ist überflüssig, auch nur ein Wort über jene Bestrebungen zu verlieren, die auf eine Jargonisierung der modernen Literaturprodukte hinzielen. Und es ist töricht, behaupten zu wollen, dass nur die Jargonkünstler des Ostens als jüdische Dichter par excellence anzusehen sind. Die grosse Renaissance jüdischer Kunst, die uns in, den letzten Jahren erblüht ist, drang überall befruchtend durch, sie zwang in ihrem stürmischen Werben auch den „dekadenten Westen" zur Teilnahme an dem jüdischen Problem. Und so ist jedes Literaturprodukt, das im Zeichen dieser uns verjüngenden Zeit entstanden, jedes, das die innere Zerrissenheit und das Leid jüdischen Lebens widerspiegelt, ein jüdisches Werk, eine Bereicherung jüdischer Kunst, geschaffen von einem Juden. Bloss die Werke der ostjüdischen Dichter als jüdische Kunst gelten zu lassen, — diese Einschachtelung widerstrebt dem künstlerischen Empfinden. Nur in einer modernen Kultursprache können wir der Allgemeinheit die Produktion neujüdischer Kunst vermitteln; die Jargongedichte eines Morris Rosenfeld wären von lokalisierter Bedeutung geblieben, die — recht ungleichmässigen — Uebersetzungen von Professor Wiener, Feiwel und Vrchlicky aber, haben den stillen Jargonpoeten in den Mittelpunkt allgemeinen Interesses gerückt. Schalom Asch wurde erst be¬ Nachdruck verboten. kannt und erkannt, als sein — recht klägliches und ganz unjüdisches — „Gott der Rache" über die deutsche Bühne ging. Die künstlerischen Elemente einer Nation dürfen nicht versickern in dem unfruchtbaren Erdreich starrer Selbstverschossenheit, der Gewinn an künstlerischen Werten muss verbreitet, muss der Allgemeinheit mitgeteilt werden. John Ruskin, Britanniens grösster Kunstpolitiker, hat diese Anschauung als erster vertreten, er sah die Festigung des Ansehens seines Vaterlandes in der Propagierung nationaler Kunst. Es gibt ein Wort, das kaum ausgesprochen, auch schon zum Programme wurde: Heimatkunst! ... In Deutschland erscholl der Ruf zuerst; als Aufforderung zum Kampf gegen die dekadente, in Regenbogen färben schwelgende, symbolistische Richtung war der Ruf gedacht. Und die feinsten Blüten deutscher Dichtung entsprossen der Heimatkunst; das eigenartigste und markanteste schufen jene Modernen, die nicht im deutschen Himmel dichteten, sondern auf deutschem Boden lebten und sahen . . . Detlev v. Liliencron singt das Lied von deutscher Kraft, Clara Viebig erschliesst uns die „Kinder der Eifel", Thoma zeigt auf bayerische Erde und bajuvarische Menschen, und Gerhart Hauptmann lässt den „amen Heinrich" und kehrt zu den Gestalten der Heimatscholle zurück . . . Ueberau Heimatkunst, überall einheitliche Nationalisierung. Und diese modernen Tendenzen auf die jüdische Kunst angewandt: wo ist des Juden Heimatland? Wo sind die „starken Wurzeln seiner Kraft?" . . . Die Literatur ist der Spiegel eines Volkes. Die moderne jüdische Literatur des Westens widerspiegelt die innere Zerrissenheit, den Kampf zwischen Hergebrachtem und Neuem; sie zeigt, dass wir in unerfüllter Sehnsucht Suchende, Schwankende sind . . . Das Judentum hat Jakob Wassermann die künstlerische Lebensidee gegeben. Er erklärt es:

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