Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-11-01 · Heft 11 (November 1908) · p. Seite 709 - 710

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 11 (November 1908)
Article
Die Beisetzung des Dr. Salomon Neumann
Date
1908-11-01
Page
Seite 709 - 710 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583978-2598836--08816-2598892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

709 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Beisetzung des Dr. Salomon Neumann. 710 Nach dem Vorbild seines väterlichen Hauses gestaltete er auch sein eigenes Familienleben. Den Frieden und die Eintracht, die Liebe und die gegenseitige Hingebung und Selbstverleugnung, die er bei Vater und Mutter geschaut, die wollte er auch in seinem eigenen Hause, die wollte er für sein eigenes Leben sich erhalten. Danach wählte er sein Weib. Und auch bei ihr blickte er mit Stolz auf ihren grossen Ahnen Rabbi Jesaia Hurwitz, hebräisch tmpn n*W Sjn genannt, den Verfasser eines Buches voll religiöser Innigkeit und Tiefe, voll Lehren lauterer Sitten und edlen Tuns. Er hat diese Eigenschaften in seinem Weibe vollendet gefunden. Ein Bund der Seelen hat die Beiden immerdar miteinander vereinigt. Mit Freuden erzählte noch die alt gewordene Frau, wie ihr Mann einst um sie geworben, und wie stolz und erhoben sie sich durch ihn gefühlt. Und was sie ihm in einer mehr als 40jährigen Ehe gewesen, das hat er mit rührenden Worten ausgesprochen, als er an ihrem Sarge stand, mit Worten, die keiner derer, die sie gehört haben, je vergessen konnte. Und auch beglückende Kindesliebe hat sein Haus erfüllt. Er hatte zwei Töchter, die eine, dieMchte seiner Gattin, die er sich zur Tochter erwählt hatte und als Tochter erzog; und eine zweite, die ibm Gott gegeben hat, durch die die alternden Leute selbst wieder jung wurden. Mit Liebe haben beide ihre Eltern umgeben, sie und die Gatten, die sie ihnen zuführten, und die Enkel, die ihnen aufwuchsen. Es hat die erste, hier lebende, mit ihnen gewohnt, mit ihrer steten Sorge und Pflege den verwitweten und vereinsamten Mann umgeben. Und seine in der Ferne wohnende Tochter hat mit ihren Gedanken stets in seinem Hause geweilt, mit ihren Grüssen es erfüllt und es mit den Ihrigen aufgesucht, so oft sie konnte, um den Vater zu erfreuen und sich an seiner Liebe und seiner väterlichen Fürsorge, an seiner Teilnahme für Freud und Leid und alle Angelegenheiten ihres Lebens zu stärken und zu erheben. Treue Liebe hat ihn umgeben in seinem Leben und auch seine letzten Tage ihm leicht gemacht, die Liebe der Kinder, wie -die der Aerzte und der pflegenden Schwester, die die Leiden ihm linderten und das Sterben ihm sanft machten. Mit den Eindrücken seines Elternhauses hingen auch seine politische Stellung und sein soziales Wirken zusammen. Sein Vater hatte noch vor seiner Verheiratung sich mühsam die sehr beschränkten Rechte eines Schutzjuden erwerben müssen, und wenige Monate nach dessen Heirat, im Jahre 1812, erging die Königliche Verordnung, welche auch den Juden die Rechte von eingeborenen Bürgern einräumte. Er wusste diese Veränderung der Zeit und der Anschauungen der Menschen den Juden gegenüber wohl zu würdigen. Mit Freuden widmete er seine Liebe dem Vaterlande. Die Pflichten gegen den Staat waren Dr. Salomon Neumann. (Nach einem Gemälde von Julie Wolf-Thorn.) ihm Pflichten des Gewissens wie des Herzens, und gern widmete er seine Kräfte, weit über das Mass seiner Pflicht hinaus, der Gemeinde Berlin, in der er über 4 Jahrzehnte das Amt eines Stadtverordneten bekleidete. Auf den verschiedensten Wirkungskreisen betätigte er sich eifrig und auf einzelnen schöpferisch. Keine Arbeit war ihm zu schwer, er suchte sie auf und wirkte bescheiden und selbstlos, wo immer er wirken konnte. Weil er als Jude fühlte, wie bitter und kränkend es ist, um seines Glaubens willen hinter andere zurücktreten zu müssen, sich versagt zu sehen, was anderen ohne weiteres eingeräumt wird: darum ward er ein eifriger Vertreter des Rechts und ein Kämpfer für die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Mit besonderer Liebe wandte er seine Tätigkeit den Armen zu. Er hatte in seinem Berufe als Arzt vielfach Gelegenheit, das Elend und die Not der grossen Massen kennen zu lernen, und aus den gewonnenen Erfahrungen heraus widmete er sich der Fürsorge und Arbeit für sie, machte er auf schwere Schäden in der Gestaltung ihrer Verhältnisse aufmerksam und suchte durch Rat und Tat ihnen abzuhelfen. Den Arbeiten der sozialen Fürsorge galt überhaupt im weitesten Umfange seine Aufmerksamkeit und seine Tätigkeit. Schöpferisch tätig ist er auf dem Gehiete der sozialen Medizin und der Statistik gewesen. Die Zahlen waren ihm keine leeren Ziffern, sondern die Zeugnisse wichtiger Tatsachen. Sie zeigten ihm, was die Menschen sollten und was sie können; sie waren ihm ein Werkzeug für seine Vorschläge für die Armen und Unglücklichen. Mit ihrer beredten Sprache wollte er auch anderen die Fülle der Not zeigen, wie die Mittel und Kräfte, die uns ihr gegenüber zur Verfügung stehen. Die Eindrücke seines väterlichen Hauses waren ebenso bestimmend für seine religiöse Entwicklung und seine Tätigkeit als Jude. Sein Geist nahm allerdings viefach andere Bahnen, als diejenigen waren, die seine Väter gegangen waren, mit seinem Herzen aber wurzelte er immerdar im Glauben der Väter und in ihren Hoffnungen. Mit voller Pietät hing er an den Lehren und Einrichtungen des Judentums, seine Sitten und Gebräuche fanden in ihm volles Verständnis und Hochschätzung, sie durchzogen sein Leben wie eine heilige Melodie. Sein religiöses Denken war von dem steten Streben nach Erkenntnis und Wahrheit geleitet. Er besass eine, zumal in der heutigen Zeit, seltene Kenntnis der jüdischen Literatur. Er wusste ihre Weisheit, ihr reges geistiges Streben, ihre tiefsinnigen Lehren, ihre ernsten Gebote und Mahnungen zu allem Guten vollauf zu würdigen, und mit Eifer verfocht er stets ihre bleibende Geltung und Bedeutung. Mit Liehe hat er ihr gedient und auch das Verständnis und die opferwillige Teilnahme anderer für sie gewonnen. Er stand in regem Verkehr mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.