Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Die jüdische Bevölkerung und die Alliance-Schulen in Kairo
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 695 - 696 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583978-2598834--08805-2598885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
695 Mitteilungen der Alliaiu-e Israeli tu Universelle: Die jüdische Bevölkerung und die Alliance-Schulen in Kairo. 69(3 Gemach, zu dem man durch eine unterirdische 15 stiegige Treppe gelangt. Der Volksglaube spricht von wunderbarer Heilkraft. Der Raum wird nicht leer von Kranken, die Heilung ihrer Leiden erbeten. Die Bresthaften verweilen eine Nacht in dem feuchten, luft- und liehtlosen Ort, der hygienisch ganz gewiss nicht empfehlenswert ist. Sie kehren immer wieder zurück mit stets erneutem Vertrauen. Eine andere Synagoge ist Rabbi David Ben Simra gewidmet, bekannter durch sein Monogramm Hardbas. Gleich vielen anderen war er im Jahre 1492 infolge der Vertreibung der spanischen Juden nach Ägypten geflohen. Dank seiner talmudischen Gelehrsamkeit, dank seinem Vermögen und seinen vortrefflichen Eigenschaften, wusste er sich in kurzer Zeit in Kairo eine leitende Stellung zu erwerben und wurde als höchste Autorität des Landes angesehen. Sein Einfluss war so gross, dass es ihm gelang, gegenüber der Zeitrechnung der Seleuciden die Zeitrechnung von der Erschaffung der Welt an einzuführen, die heute noch in Gebrauch ist. Eine dritte Synagoge trägt den Namen von Rabbi Haim Capussi, eines ruhmlosen Rabbiners aus dem 16. Jahrhundert, Zeitgenossen des Vorgenannten, neben dem er die Funktionen eines Dajan ausübte. Sein Andenken ist der Gegenstand übertreibender Verehrung von Seiten der ägyptischen Juden. Sie schwören bei seinem Namen und umgeben sein Grab mit einer Huldigung, die an Abgötterei grenzt. Dass sein Name der Vergessenheit entrissen worden, dankt Rabbi Haim einem angeblichen Wunder-Erlebnis. Mitten in der Ausführung einer Amtshandlung wurde er von vollständiger Blindheit betroffen, und der Aberglaube des Volkes sah hierin ein Zeichen Gottes. Man flüsterte, dass das die verdiente Züchtigung war für seine Bestechlichkeit und seine Liebe zur Weinkanne. Diese Gerüchte drangen zu dem Blinden und kränkten ihn tief. Er wollte sich vor Gericht stellen und sich öffentlich rechtfertigen. Aus der Reinheit seines Gewissens und aus dem Vertrauen auf seine gerechte Sache Mut schöpfend, liess er für einen Samstag eine feierliche Predigt ankündigen. An diesem Samstag war die Synagoge überfüllt von Neugierigen, die gekommen waren, um den blinden Rabbi zu hören. Er aber übertraf sich selbst, und seine heilige Beredtsamkeit rief glühende Begeisterung hervor. Er fühlte, dass die Gunst des Volkes sich ihm wieder zuwendete, und mit einem wirkungsvollen Anlauf inmitten der allgemeinen Bewegung schloss er nach der Überlieferung mit zitternder Stimme wie folgt: ,,0 meine Brüder, man hat meine Rechtschaffenheit in Zweifel gezogen, man hat mein unparteiisches Urteil verdächtigt, man hat mich in meinem grossen Unglück beleidigt. Ich nehme Gott zum Zeugen, dass ich niemals diese verderbliche Neigung gekannt noch ein ungerechtes* Urteil gefällt habe. Ein plötzlicher Tod zerschneide meinen Lebensfaden und bedecke mich mit Schande, wenn ich des Meineids schuldig bin. Aber wenn die gegen mich gerichteten Angriffe unberechtigt waren, dann gebe Gott mir mein Augenlicht wieder, wie er es mir genommen hat, damit alle Welt wisse, dass es eine göttliche Gerechtigkeit gibt!" — Er hatte kaum geendet, als der bisher Blinde scharf um sich sah, seine Freunde erkannte und sie bei Namen rief. — Die Menge jubelte Die Alliance-Schulen in Kairo. Vorschule für Mädchen in Abbai,sich-Kairo. (Juli 1908.)