Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Die jüdische Bevölkerung und die Alliance-Schulen in Kairo
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 639 - 640 (sequence 5)
- Language
- German
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639 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die jüdische Bevölkerung und die Alliance-Schulen in Kairo. 640 Die Alliance-Schulen in Kairo. Knabenschule in Abbassieh-Kairo. (Juli 1908.) Das aufgeklärteste' Element ist natürlich das der Europäer, meist Italiener, und aller derer, die eine europäische Erziehung erhalten haben. Dazu gehören in gleicher Zahl Spaniolen, Syrer und Ägypter. Italienische und französische Sprache sind unter ihnen sehr verbreitet. Die große Menge freilich, die arme Bevölkerung, die nicht die Mittel hat, einen gehobenen Unterricht zu gemessen, spricht nur arabisch. Die Gemeinde der Eingeborenen hat auch ihr Ghetto mit krummen und unsauberen Straßen. Erst unter der aufgeklärten Regierang des Khedive Ismail Pascha, vor kaum einem halben Jahrhundert, wurde das Ghetto geöffnet, und die Bewohner konnten in den arideren Teilen der Hauptstadt Wohnung nehmen. Die hohe Aristokratie bewohnt jetzt die Vorstadt Ismailieh, den vornehmsten Teil von Kairo, wo vor vier Jahren eine prächtige Synagoge in abendländischem Geschmack eröffnet worden ist. In Tewfikieh wohnt die wohlhabende Bourgeoisie. Die Klasse der Beamten, der kleinen Kaufleute, die keine großen Mieten bezahlen können, wohnen in Abbassieh, heutzutage dem bevölkertsten und gesündesten Stadtteil von Kairo. Nur die sehr beträchtliche Zahl der ganz Armen, die durch ihre Arbeit von der Hand in den Mund leben, und die strengsten Anhänger des Alten und Herkömmlichen sind im Ghetto geblieben, das trotz der beträchtlichen Abwanderung zu eng für sieist, weil immer neue Zuzüglinge die entstandene Lücke ausfüllen.. Unter den neuen Ankömmlingen muß man besonders die Yemeniten von Sanaa erwähnen, die man an ihrer erstaunlichen Magerkeit, an ihrem Bronzeteint, an den Ecklocken, die ihr imbärtiges Gesicht unharmonisch umrahmen, und an ihrer zerfetzten Kleidung erkennt. Der yemenitische Jude ist das lebende Bild des tiefsten Elends. Er flieht aus seiner Heimat, deren Bevölkerung von Krieg und Hungersnot dezimiert wird. Die Alliance Israelite Universelle hat gegenüber der Menge der yemenitischen Flüchtlinge schon vor einigen Jahren ein Hilfskomitee damit beauftragt, die Yemeniten in Suez zu empfangen und sie je nach ihrem Wunsch und ihren Mitteln nach Palästina oder nach Ägypten zu geleiten. Die hierher kommen, sind sämtlich arm und liegen der Gemeinde zur Last, die das Mögliche für sie tut. Einige von ihnen sind Zigarettenarbeiter und begnügen sich mit einem minimalen Lohn. Die Mehrzahl aber ist noch nicht zu einem festen Beruf gekomnrn. (Ein zweiter Artikel folgt.) NEUE ALLIANCE-SC Die Alliance war angegangen worden, in Udschda in Marokko eine Schule einzurichten. Verschiedene Umstände hatten bisher der Erfüllung dieses Wunsches im Wege gestanden. Die Ausnahme- Ereignisse, deren Schauplatz seit einem Jahr die algerisch-marokkanische Grenze ist, haben die Aufmerksamkeit des Central-ComiteV aufs neue auf jene Gemeinde gerichtet und eine abermalige Prüfung der Frage veranlaßt, ob es nicht an der Zeit sei, die Israeliten von Udschda mit einer Schulanstalt zu IULE IN UDSCHDA. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. bedenken. Der vortreffliche Direktor der Allianceschulen in Algier, Herr N e c h o n, wurde zur Anstellung der erforderlichen Erhebungen entsandt. Nachstehend ein Auszug aus seinem an das Central-Comit£ erstatteten Bericht: „Im 19. Jahrhundert verließen die Juden von Ahgad und Beni-Saassen, den nämlichen Notwendigkeiten gehorchend, wie die der anderen Provinzen Marokkos, das flache Land und vereinigten sich in Udschda. Das Erscheinen der Franzosen in Oran, die daraus entspringende Überreizung des muselmanischen Fanatismus, die Abschwächung