Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Die jüdische Bevölkerung und die Alliance-Schulen in Kairo
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 637 - 638 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Safed 1× ep/1046078
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637 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die jüdische Bevölkerung und die Alliance-Schulen in Kairo. 638 Bedarfsländer. Infolge davon ist der Arbeitslohn in dieser Industrie von 8 bis 10 Franks täglich auf die Hälfte zurückgegangen. Die rumänischen Gemeindemitglieder sind ruhiger und umgänglicher. Sie sind am längsten im Lande, und manche von ihnen sind schon zu erfreulichem Wohlstand gelangt. Sie haben namentlich den Kleinhandel in Modewaren und Bijouterien in Händen, sind Uhrmacher, Graveure, Papierhändler. Die großen Konfektions- und Kommissionshäuser sind zumeist in Besitz von österreichischen und deutschen Israeliten, die zu der Gemeinde nur in recht lockeren Beziehungen stehen und ihr Judentum nicht gerade betonen. Einige Russen haben sich der Arzneikunde gewidmet. Sie erfreuen sich hier nicht gerade großen Erfolges. Die Ursache liegt in ihrer mangelhaften Vorbildung. Sie haben in der Regel an deutschen Universitäten studiert, wo man den Ausländern Diplome mit einer gewissen Leichtigkeit verleiht, gerade weil sie für Deutschland selbst keine Geltung haben. Die Lage der asehkenasischen Gemeinde ist im großen und ganzen recht unsicher. Die Mehrheit der Mitglieder lebt von der Hand in den Mund und kann zu den öffentlichen Lasten nur sehr wenig beisteuern. Die Armen, die Kranken, die Durchreisenden müssen sich direkt an die private Wohltätigkeit wenden. Die aschkenasische Gemeinde hat nicht einmal eine bescheidene Talmud Tora-Schule für sich. Ein Rabbiner erteilt gegen mäßige Bezahlung in seinem Hause Unterricht an etwa 50 Schüler, denen er ein wenig Hebräisch beibringt. Die einzige Synagoge der Gemeinde schien mir in recht gutem Zustande zu sein, aber zu klein für die Bedürfnisse einer großen und unaufhörlich wachsenden Bevölkerung. Die Gemeinde hat auch eine kleine Herberge für die armen Durchreisenden und einen schicklich gehaltenen Friedhof. Das ist aber alles, was die Gemeinde an öffentlichen Diensten leistet. Was ihr namentlich fehlt, das ist die Eintracht, ohne die nichts Dauerndes geschaffen werden kann» Ein aufgeklärter geistlicher Führer, ein europäisch gebildeter Rabbiner beispielsweise, könnte durch die Tiefe seines Wesens und durch die bloße Würde seiner Lebensführung diese interessante Gemeinde aus ihrem Verfall emporheben. Der gegenwärtige Rabbiner, aus Safed stammend, jeder modernen Kultur fremd, übrigens schlecht bezahlt, hat nicht das notwendige Ansehen. Man hat wiederholt versucht, die Aschkenasim mit den Sephardim zu vereinigen und aus ihnen eine Gemeinde mit gemeinsamer Verwaltung zu machen. Theoretisch scheint das leicht, in der Praxis aber zeigen sich unübersteigliche Schwierigkeiten. Die von dem gemeinschaftlichen Bekenntnis geschaffene Solidarität der Bekenner ist außerstande, die Antipathie zu überwinden, die aus der Verschiedenartigkeit der Sitten, der Sprache und der ganzen Anschauung entspringt. Zwischen den polnischen und den spanischen Juden gähnt eine Kluft, wenn nicht beide eine moderne Schule besucht haben. Einzig der Unterricht, der die Individuen einander näherbringt und die traditionellen Schranken beseitigt, kann die wünschenswerte Einigung herstellen. Von diesem Gesichtspunkte aus haben die Schulen der Alliance Israelite Universelle dem Judentum unschätzbare Dienste geleistet. In ihren Schulen sitzen auf den nämlichen Bänken die Kinder der Karäer, der Aschkenasim und der Sephardim. Gleiche Sorgfalt wird ihnen allen zuteil und gleiche Achtung. Die Schule gibt ihnen die nämliche Erziehung, den nämlichen Unterricht, macht sie zu Menschen und zu Juden ohne Etikette. Leider muß zugestanden werden, daß die Wirksamkeit der Allianceschulen nur langsam ist und in gewissen Umgebungen einer Beschränkung unterliegt. Das trifft ganz besonders für Kairo zu. Die verschiedenen Gründe werde ich weiter unten entwickeln. Was die Gemeinde der Eingeborenen betrifft, deren Ursprung in Ägypten in die Nacht der Zeiten zurückreicht, so bildet sie eine große Gemeinschaft von Juden des portugiesischen oder sephardischen Ritus, von Arabern aus Syrien und Mesopotamien, von türkischen Spaniolen, Italienern, Griechen, Persern und Yemeniten. Sie assimilieren sich leicht in dem Land, das ihnen Gastfreundschaft gewährt, und nehmen gern eine Ideengemeinschaft an mit der Masse der Einwohner, deren Sprache — arabisch — sie sprechen. t Die Alliance*Schulen in Kairo. Knabenschulklasse. (Juli 1908.)