Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Die Sprachgesetzgeber von Czernowitz
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 623 - 624 (sequence 3)
- Language
- German
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623 Dr. A. Coralnik: Die Sprachgesetzgeber von Czernowitz. 624 gesamte Jargon literatur — kein Mensch wird den Verlust empfinden. Nun kommt einer der Jargonenthusiasten und schlägt vor, alle hebräischen Kulturwerke, die Bibel usw. in die Volkssprache zu übersetzen. Als ob dies nicht geschehen wäre! Er vergißt ganz, daß die Bibel, ihrer Sprache entkleidet, in eine regel- und stillose Sprache übersetzt, so unendlich viel verliert. Er vergißt, daß der große Zauber der Bibel für die Juden in den Imponderabilien der hebräischen Sprache liegt, in der unmerkbaren, undefinierbaren Empfindung, die beim Klange eines hebräischen Wortes in uns entstehen, Gefühle, die sicherlich Spuren tiefer Erlebnisse, geschichtliches Gedächtnis, rassenpsychische Emotionen sind. Der Jargon ist die Volkssprache der Juden — jawohl, aber nur eines gewissen Teiles. Dieser Teil ist zwar die Majorität — aber solange ein Teil der Juden als Volkssprache eine andere anerkennt, kann der Jargon keine Geltung als Nationalsprache erlangen, nicht einmal beanspruchen. Er ist eine Übergangssprache, die dem Untergang geweiht ist. Eine, zwei Generationen — und die Juden im Osten Europas und in Amerika werden den Jargon gesprochen haben. ... Es ist eine Bahnhofsprache, keine Sprache des Heimes. Man kann ein sehr guter, wahrer, produktiver Jude sein, ohne Jargon zu sprechen. Wozu nun auf die Masse der Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, zu all dem Mühsal, das uns niederdrückt, noch eine harte Arbeit auftürmen? Die Jargonsprache ist nicht lebensfähig, das will nicht sagen, daß sie nicht lebensberechtigt sei. Aber was lebt, unterliegt keinem Zweifel. Und deshalb ist die Jargonliteratur eine verständliche, notwendige und willkommene Erscheinung. Aber diese Sprache hat keine Zukunft. Das ist auch klar. Wozu nun auf den Sand bauen? Wozu Unmöglichkeiten konstruieren? Gebt der Gegenwart, was der Gegenwart ist, und der Zukunft, was ihr gebührt. Daß die Gegenwart dem Jargon zu einem Teile gehört, will ich nicht bestreiten. Aber die Zukunft — fara da se. — Den Prozeß der Auflösung und Ablösung der Sprachen und Kulturen kann kein Wille von Einzelnen — können auch nicht Resolutionen, wie die der Konferenz der Sprachgesetzgeber von Czernowitz — aufhalten. SAMUEL HIRSZENBERG. Nachdruck verboten „ Im Eilulmonat dieses Jahres, da die Herzen sich in Angst und Bangen zu ihrem Schöpfer erheben, wurde Hirszenberg abberufen. Da er anfangen konnte, frei von den groben Sorgen des Alltags zu schaffen und zu leben, riss ihn der Tod hinweg. Nur 43 Jahre wurde der Künstler alt, dessen Hand so köstlichen Beichtum gegeben. So jung sank er dahin; und er musste hinsinken an den Qualen seiner Jugend. Er starb an einem Magenleiden, das ihm die vielen Entbehrungen, Hunger und Elend seiner Werdejahre gebracht hatten und das ihm selbst in der Zeit, da er bereits das Darben hatte verlernen können, immer wieder an die alten Schmerzen gemahnte. Im heiligen Lande hat er die letzte Ruhe gefunden. Vor einem Jahre war er nach Jerusalem gegangen, ein Lehrender und Lernender zugleich. An der Stätte, aus der jüdisches Kunsthandwerk erblühen soll, an der Schule Bezalel, die die Kinder des Orients zu künstlerischer Heimarbeit erziehen will und zu weiterschaffenden Menschen, gab er seine letzte Kraft dem edlen und schönen Ziele. Und er selbst hoffte in der neuen und doch so vertrauten Umgebung sein Talent zu immer grösseren Leistungen entfalten zu können. Sein ganzes Leben war ein heiliger Kampf, die hinsterbende Schönheit des armseligen Ghetto Winkels, die Weite der gottergebenen Seelen in der Enge des Bethhamidrasch im Bilde zu bannen. Und der Welt sichtbares Zeugnis zu geben von der tiefen Weihe des Ghettos, von dem Ringen seiner Bewohner nach Adel und Vollendung. Sohn eines armseligen Webermeisters in Lodz musste er schon früh in der Werkstatt des Vaters helfen, die Not der Familie in mühseliger Arbeit zu lindern. Und er wäre verkommen, wenn nicht ein Arzt in dem armseligen, verkümmerten Knaben die Seele des Künstlers erkannt hätte und ihm die Mittel gegeben, an der Akademie in Krakau zu studieren. 15 Rubel war alles, was er für den Monat besass. Zum äussern Leben! Aber für sein inneres Leben besass er die starke Hoffnung auf seine Zukuntt, den Fleiss, den keine Mühe und nicht der Spott und Hohn seiner Kameraden bleichen konnten. Und er siegte. Sein erstes Werk, die Jeschiwah, fand in ihrer weichen Wehmut, in ihrer Versonnenheit und Andacht die Anerkennung der Oeffentlichkeit. Sie war ihm Sporn zu neuem Schaffen und die kämpfte die in Not und Hunger immer wieder aufsteigende Verzweiflung nieder. In München und Paris suchte er sein technisches Können zu bereichern. Aber immer wieder zog es ihn mit der Gewalt der Sehnsucht in die lauschigen Winkel des polnischen Ghettos, die ihm immer neue Schönheit sagten und für die Gestaltung der Träume seiner Phantasie die Menschen und Orte gaben. Hier sind — immer unter Entbehrungen — seine tiefsten und reinsten Werke entstanden und hier wuchs auch jener grandiose Zug der Elend Wanderer, die der Märtyrerstolz durch den knirschenden Schnee in die ungewisse Ferne führt. Er kannte die Seele der Juden wie kaum ein zweiter. Nur die verwitterten Gesichter seiner Gestalten trugen in ihren tiefen Furchen das Leid von Jahrhunderten, die Tragik der Gegenwart, gottergebene Hoffnung in die Zukunft. So hart er nun um die Form rang, bäumte sich sein ganzes Sinnen dagegen auf, den Reichtum seiner Seele in rein formaler Artistik zu veräussern. Er wollte wie ein versonnener Schöpfer nicht nur die Schönheit geben, sondern die Weihe, die Wonne, die Tragik, die Erlösung des Lebens. Unseres Lebens. Nur hat er von dem Leben, dessen Wucht er gebannt hat und mit neuen Kräften zu bannen suchte, scheiden müssen. In der Blüte der Jahre. Nach all der Unrast ruhe er in Frieden! Und sein Andenken werde ein Segen für alle, denen das Judentum ein heiliges Vermächtnis, die jüdische Kunst ein heiliges Ziel ist.