Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Die Sprachgesetzgeber von Czernowitz
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 621 - 622 (sequence 2)
- Language
- German
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621 Dr. A. Coralnik: Die Sprachgesetzgeber von Czernowitz. 622 Und wie es einmal bei uns Sitte ist, wird auch diese Resolution eine imperative Form annehmen, ein neuer Programmpunkt in den so zahlreichen jüdischen Plattformen werden. Abgesehen von den zwei, drei jüdischen Schriftstellern, die dort waren, wer waren denn diejenigen, die auf sich die Verantwortung nehmen zu können glaubten, eine der Grundfragen des jüdischen Volkes im Handumdrehen zu lösen, Resolutionen zu fassen und so weiter? Einige Studenten aus der Bukowina und Galizien, einige Jargonsportsmen und einige andere, die für den Jargon eintreten, weil ... sie überhaupt keine andere Sprache beherrschen, und nun aus der Not eine Tugend machen. Alle Achtung vor den Einberufern. Sie sind wohl mit guten Absichten vollgepfropft. Sie ärgern sich vielleicht wirklich, daß ihnen die Kultursprache der Juden, die Schatzkammer ihres Geistes, das Erbe der Jahrtausende, ein versiegeltes Geheimnis ist. Es ist natürlich leichter, für einen deutschen oder österreichischen Juden Jargon zu erlernen, als hebräisch. Wie ein Jude deutsch lernt, ist ja bekannt. Man muß nur anstatt des ,,0"-Vokals in einem jüdischen Worte ein ,,AU setzen und die Transformation ins Germanische ist vollzogen. So z. B. die „Levane" usw. Diese unfehlbare Regel muß man nun mutatis mutandis bei der Jargonisierung des Deutschen anwenden. Es ist leicht in jüdischen Lettern folgenden klassischen Satz niederzuschreiben: „Ein verflammter Liebhaber von sein lebendig Leben auf der Weltu. Sie meinen, so ein Satz hat für den wirklichen Jargonjuden keinen Sinn, weil er eine schlechte jüdische Paraphrase eines deutsch-gedachten Satzes ist. Sie meinen vielleicht, daß dieser Satz, auch in reines Deutsch übersetzt, dicht an der Grenze des Unsinns wäre — vielleicht. Ich habe diese Stilblüte in einem Artikel eines jargonisierenden Schriftstellers gelesen, eines Schriftstellers, der sonst ein ziemlich schönes Deutsch schreibt. Ja — Jargon ist leicht zu schreiben, wenn man das jüdische Alphabet einmal erlernt hat. . . . Wirklich komisch! Menschen, die nie die Jargonsprache gesprochen haben, wollen sie mit fanatischem Eifer zur Nationalsprache erheben; andere, denen nicht einmal die Anfangsgründe einer wissenschaftlichen Grammatik, einer Sprachwissenschaft bekannt sind, wollen die Aristarche des Jargons sein. Es ist eine beneidenswerte Gabe — naiv zu sein! Ich habe die heitere Seite zuerst berührt, weil sie zu auffällig ist. Und auch deshalb, weil ich die eigentliche Frage, den Streit zwischen Jargon und Hebräisch, für müßig halte. Liegt denn wirklich der Schwerpunkt des Judentums in der Einheit der Sprache? Die Juden waren doch seit jeher ein zweisprachiges Volk. Und hatten die Juden in Babylon, die aramäisch und hebräisch, die von Alexandrien, die griechisch, und die spanischen Juden, die arabisch und spanisch sprachen, weniger Einheit und Einheitlichkeit, als die Völker ringsumher, die nur eine Sprache hatten? Die Sprache ist wohl ein sozialer Faktor, aber nicht der wichtigste. Der Streit zwischen der Tagessprache und der Nationalsprache war den früheren Juden fast unbekannt. Die größten Gegensätze wurden in einer einzigen großen Einheit aufgehoben, in der geistigen Einheit des jüdischen Volkes. Und deshalb konnte der Yemenite den Polacken leicht verstehen, weil die Sprache des Geistes des Judentums dieselbe war. Die hebräische Sprache blieb von den verschiedenartigen Einflüssen nicht unberührt. Jedes Land lieh ihr eine leise, fast unmerkliche, aber doch neue Schattierung. Jede Form des jüdischen Lebens, jede Bildung und Verbildung prägte ihr einen Stempel auf — sie war wirklich die Nationalsprache der Juden, die nationale Wirklichkeitssprache. Denn eine nationale Wirklichkeit ist eine andere als die Tageswirklichkeit. Diese vergeht mit dem Tag — jene wird die Stufe zu weiterem Leben. Warum ist plötzlich der Streit um den Jargon entstanden, der Streit um das Vorrecht der einen oder der anderen Sprache? Und warum gerade in einer Zeit, da beide Sprachen, Jargon und hebräisch, allmählich aus dem Gebrauch kommen! Vielleicht ist dies gerade der Grund. Wäre der Jargon wirklich stark und lebensmächtig, selbstherrlich und selbstgenügsam, hätte er wirklich Wurzeln in der Zeit — dann wäre ein derartiger Streit eine Unmöglichkeit. Denn der Sprache gehört das Feld, in der gesprochen und gedacht wird, in der die ganze Skala der Erlebnisse ihren adäquaten Ausdruck findet. Hat die hebräische Sprache wirklich schon abgewirtschaftet? Und kann der Jargon sich wirklich behaupten, kann er den ganzen inneren Reichtum, den die hebräische Kultur aufgespeichert hat, vermehren oder wenigstens bewahren? Und dieses „Wenigstens" ist nicht einmal am Platz. Eine Sprache muß in sich kulturelle Entwicklungsmöglichkeiten haben, oder sie lebt nicht. Was ist nun im Jargon bisher geschaffen worden? Nehmt alles in allem — so ist es F o 1 k 1 o r e. Jawohl — die ganze Jargonliteratur hat mehr Wert als Material zur Kulturgeschichte als eigenen Kulturwert. Nicht daß Abramowitsch oder Perez usw. keine Künstler waren. Sogar starke Talente, wie sie auch in anderen Literaturen nicht häufig sind. Aber was haben sie anderes getan — als ihre Zeit fixieren, Kulturgeschichte in Bildern schreiben? Die Kultur eines Volkes wird nicht durch Belletristik und nicht durch kleine Gedichte und bessere oder schlechtere Dramen gemacht, sondern vor allem durch große, fruchtbare Werke des Gedankens. Die Bibel hat eine Kultur geschaffen, der Koran hat eine Geistesbewegung ausgelöst, die Vedas standen an der Wiege einer großartigen, eigenartigen Kultur. Oder aber auch, wenn ein Volk eine Sprache seit unvordenklichen Zeiten besitzt, sie pflegt, gleichsam schafft, sie erringt, dann hat sie für ihn einen großen und unverlierbaren seelischen Wert, weil sie das Gedächtnis des Volkes ist. Alle diese Voraussetzungen fehlen dem Jargon. Es gibt kein einziges Werk von Bedeutung, ich sage nicht für die Welt, sondern einfach für die Juden, das im Jargon geschrieben wäre. Man denke sich einen Teil der alt- und mittelhebräischen Literatur weg — und die geschichtliche Physiognomie des jüdischen Volkes wäre eine andere geworden. Man streiche die