Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Alfred Wolmark, ein Maler des Judentums
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 605 - 606 (sequence 4)
- Language
- German
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605 A. May: Alfred Wolmark, Ein Maler des Judentums. 606 ALFRED WOLMARK. Des Malers Mutter und Schwester. schlichte, tiefempfundene „Morgengebet", und die wundervolle, in schwarz und weiß nicht gut wiederzugebende „Ghetto-Konferenz" zeigen den klarsehenden , seine Mittel zielbewußt beherrschenden Meister, der den „Versöhnungstag" geschaffen. Doch hieße es einen sehr einseitigen Begriff von Wolmarks Künstlerturn geben, wenn man ihn nur als Maler jüdischer Bilder darstellen wollte. Beim Anblick seiner stimmungsvollen, die verschiedensten Natureffekte aufs prächstigste wiedergebenden Landschaftsbilder und Meeresstudien sagte ich unwillkürlich: „Sie sind doch aber der geborene Landschafter". „Ja, wissen Sie, ich bin eben ein Maler", entgegnete mir der Künstler einfach; und als ich nun auch seine äußerst reizvollen, vom Sonnenlicht durchzitterten, mit Abendschatten erfüllten kleinen ländlichen Interieurs sah, in denen feinsinniges modernes Empfinden und Beobachten liegt, da wußte ich, was er meinte. Er ist ein Maler, der Farbe und durch die Farbe Stimmung zu geben vermag. Da er aber zugleich Gestaltungskraft und eine hervorragende Begabung für die Charakterdarstellung besitzt, ist er vorwiegend Figuren- und Bildnismaler. Seine Porträts sind eine große Überraschung für alle, die ihn nur als Ghetto- Maler kennen; sie beweisen schlagend, daß er in Seelen grundverschiedener Art zu lesen vermag. Er hat glücklicherweise vorzügliche Gelegenheit gehabt zu zeigen, was er auf diesem Gebiete zu leisten fähig ist, da ihm einige der interessantesten Leute Englands gesessen haben; leider ist hier nicht Raum, auf eine größere Anzahl dieser ebenso künstlerischen wie um des Gegenstandes willen interessanten Bildnisse einzugehen, und nur die hier reproduzierten können kurz besprochen werden. Das Porträt des durch seine Shakespeare - Forschungen ebenso wie durch seine soziale Wirksamkeit rühmlichst bekannten Dr. Furnivall läßt die Heiterkeit und geistige Regsamkeit dieses lebensvollen Greises klar zutage treten. In dem ungefähr um dieselbe Zeit gemalten Bildnis des Kunstmäcens und Kunstschriftstellers Lord Ronald Sutherland Gower ist es dem Künstler gelungen, sowohl die Haltung wie die feinen sensitiven Züge dieses aristokratischen Herrn in sprechendster Weise wiederzugeben. Das etwas später entstandene Bildnis des Schauspielers Poel, ist wunderschön gemalt und ein Meisterwerk der Charakterisierungskunst. Man glaubt diesen Mann mit dem nervös-poetischen Empfinden, mit der weltfremden Lebensu, auffassung zu kennen, wenn man Wolmarks Porträt von ihm ansieht. Am überraschendsten aber wirkt wohl das Bildnis des Oxforder Logikers und Kantianers Professor Cook Wilson. Es liegt wirkliche Größe der Auffassung und eine packende Wahrheit in diesem Bildnis des ernsten Denkers, und wenn man den Künstler vor sich sieht, regt sich der Gedanke: wie vermochte der junge ungelehrte Mann den Geist des mit abstraktesten Problemen beschäftigten Gelehrten so klar zu erfassen, so anschaulich wiederzugeben? Das eben ist sein Geheimnis, und in diesem Geheimnis liegt seine Kraft, jene Kraft der Intuition, der offenbar wird, was der menschliche Verstand nicht fassen und nicht deuten kann. Alfred Wolmark ist ein Genie; und die kunst liebende WTelt sollte ihm, dem noch im Wachsen und Werden Begriffenen und doch schon so viel Vermögenden, ihre beste Aufmerksamkeit zuwenden. Sie wird ihn dann zweifellos verstehen und würdigen lernen, denn er ist schlicht und groß. LONDON.