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Ost und West · 1908-10-01 · Heft 10 (Oktober 1908) · p. Seite 601 - 602

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 10 (Oktober 1908)
Article
Alfred Wolmark, ein Maler des Judentums
Date
1908-10-01
Page
Seite 601 - 602 (sequence 2)
Language
German
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601 A. May: Alfred Wolmark, Ein Maler des Judentums. 602 die Urwüehsigkeit, die Kraft und Poesie angeschauter und in des Wesens Tiefe empfundener Realität. Da Wolmark aber ein ganzer Künstler ist und, welchen Gegenstand er auch behandeln möge, die k ü n s t - 1 e r i s c h e Wirkung anstrebt, macht er sich denen, die im Kunstwerk nach äußeren Anhaltspunkten suchen, nicht ebenso bemerkbar wie Maler, die eine mehr sentimentale und anekdotenhafte Auffassung zeigen. Auch ist er von der kontinentalen Kritik noch so gut wio unentdeckt; es fehlten also bisher die Wegweiser, die zu ihm hingeleitet hätten; und solcher Wegweiser bedarf es stets, wo es sich um eine große künstlerische Kraft handelt. So mag es wohl gekommen sein, daß die beiden Bilder von ihm, die sich auf der Ausstellung jüdischer Künstler in Berlin befanden, zwar in einzelnen Fallen sehr günstig beurteilt, im ganzen aber lange nicht genug beachtet wurden. „Am Versöhnungstag" hieß das eine, „Der Einsame" das andere; und sie gehörten zu dem Bemerkenswertesten, was die Ausstellung enthielt. „Der Einsame", ist ein kleines Meisterwerk. Auf die diskreteste und einfachste Weise ist hier alles, was angestrebt, erreicht worden. Keine Linie könnte fortfallen, denn eine jede ist zum Ganzen notwendig; das Raumempfinden ist das des echten Künstlers und die Lichtverteilung so, wie sie in dem gegebenen Falle eben sein muß. Die Farbe aber ist so schön, so echt und recht im Ton, daß der unansehnliche Gegenstand durch sie verklärt und hoch über die Alltäglichkeit hinausgehoben wird. Ist der Gegenstand hier Nebensache, so fällt er hei dem andern Bilde zuerst ins Gewicht, denn die Aufmerksamkeit gehört hier dem, was dargestellt ist. Es ist am Ende des Versöhnungstages; der einbrechende Abend fällt durch das Fenster im Hintergrund und füllt den Synagogenraum mit bläulichen Schatten, die mystisch und verklärend die Menge der versammeltenBeter umhüllen- Golden brennen die Lichter und golden glänzt die heilige Gesetzesrolle in den Armen eines alten Mannes im Vordergrunde,dessen typische Bedeutung aus den edlen Zügen, aus dem nach innen gewandtenBlick der tiefen Augen spricht •fi^c ALFRED WOLMARK. GhettoKonferenz. und durch den weißen Gebetmantel und einen langen, grauen Bart hervorgehoben wird. In rätselhaft wirkender Weise, durch glücklich andeutende, dem Leben abgelauschte Charakterisierung, wie nur ein Meister sie geben kann, durch Gruppierung und Färbung und durch die vollendete Einheitlichkeit der Komposition ist hier eine Stimmung höchster Feier, vollkommenster Versunkenheit in Gott erzielt, die sich dem Beschauer mitteilt. Es liegt etwas so tief Bedeutungsvolles und etwas so Fremdartiges in diesem Bilde, daß sich die Frage aufdrängt, wo der Künstler sein Vorbild dazu hergenommen. Aber es gibt dafür kein Vorbild. Einzig und groß, wie es ist, entstammt es der Seele des Künstlers. Die Inspiration dazu mögen weihevolle Kindheits- und Jugenderinnerungen gewesen sein; jedenfalls ist es im vollen und wahren Sinne ein religiöses Bild, erhebend und überzeugungskräftig: — die Hingebung Israels an Gott und Gottes Gesetz der Welt offenbarend. Und dieses erste wirklich religiöse Bild, das der Stamm Israel, dem das Bilderwesen untersagt war, hervorgebracht, ist auf der Ausstellung jüdischer Künstler in Berlin so gut wie unbeachtet geblieben, weil es verschwiegen und vornehm, diskret in der Anwendung aller Mittel ist. Es fordert, wie jedes echte und zugleich erhabene Kunstwerk, sowohl Kunstverständnis wie mitempfindende Vertiefung in den Gegenstand und kann deshalb auf einer modernen Bilderausstellung, wo allerlei und viel geboten wird, überhaupt nicht wirken. Wolmark hat den „Einsamen" und den „Versöhnungstag" im Verlauf des Jahres 1907 gemalt; der Schreiber dieser Zeilen hatte sie auf der Ausstellung gesehen und hat sie kürzlich im Atelier des Künstlers in London wiedergesehen und dort erst würdigen lernen. Und er konnte sich dort gleichzeitig davon überzeugen, daß diese Meisterwerke des einunddreißig jährigen Malers das Resultat eines jahrelangen Ringens nachdem Ideal in seiner Künstlerseele sind Als Halbwüchsiger aus Russisch - Polen nach London eingewandert, wurde Wolmark auf der Londoner '^2^ LONDON.

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