Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Ein Brief Michael Sachs' an Moritz Veit
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 595 - 596 (sequence 3)
- Language
- German
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595 Michael Sachs. 596 der reinen Denkgläubigkeit (was hätte wohl Hegel zu dem sauberen Worte gesagt? dieser schönen Kategorie der neuesten jüdischen Religions-Philosophie?) — breitet in seinem „Israeliten" die „gesunden Ansichten", geläuterte Begriffe aus, zu Nutz und Frommen der dummen Juden, zu denen ich z. B. auch gehöre. Herr Heß kennt zwar wahrscheinlich kaum die Bibel, noch weniger Geist und Inhalt der weiteren litterarischen Entwickelung. Indeß — er wirkt praktisch! — 0 das ist eine saubere Wirthschaft! Wahrhaftig! der Minister hat Recht! — die Zeloten nennen dies: Wesen Gottes; ich nenne es: geistlos, dumm, närrisch, unnütz! Doch wozu Ihnen dies! Mündlich müssen wir das erörtern! Ich fürchte, daß ich Ihnen unverständlich bin! Ich habe diese Gedanken seit 3 Jahren in meinem Kopfe hin- und hergerollt, daß sie mir wie A.B.C. geläufig sind, und ich überspringe gewiß Mittelglieder, die nöthig sind. Immer klarer wird mir Wesen und Kern des Judenthums, immer klarer das Nutzlose und Verkehrte des Treibens, wie es bisher geübt worden, daß noch ein gut Theil Yoltairescher Säfte, durch Dav. Friedländers Sendschreiben praktisch eingeführt, in sich trägt. Es ist doch halt weiter nichts als: Religion! nun ja, man braucht sie wohl — theils als Mittel zur Bändigung des Pöbels; zum Köder der Dummen und dann, — in gewissen Lagen des Lebens. Der ordentliche In Ramatajim 3oph;im am Gebirge €pt)rajim lebte €of)us Sprog €lkana mit 3\veien Sraun. Die eine, kinberlos, I)iej3 ßanna; Sötyie I)atte ih;m unb Cödjter Penina, feine anbre frau, gefcrjenfct. In jebem ]ah;re pilgerte €lkana aus Ramatajim, feiner ßeimatftabt, nach; Sd)ilo, bort fein Opfer bar3ubringen unb mit Gebet fid) Gott bem ßerrn 3U nah;n. - ßier taten Clis Söhme priefter bienft, Cf)oph;ni unb pind)as. — Vor bem Opfer teilte Clhana Gaben aus an alle Seinen. Penina, jeber Soh;n unb jebe Zotyiev erhielten eine Gabe, ßanna 3wei; benn ßanna liebte er mit gan3em ße^en, obwohl \Y)v GDutterfcrjofr verfcr;loffen war. In eiferfüch;tgem Groll warf bann Penina mit 5pott unb ßoh;n unb Kränkung ßanna vor, bafr ftinberfegen Mjv verfagt geblieben. 5o war es ]ah;r für ]ah)r. So oft €lkana 3um ßaufe Gottes 30g, litt ßanna weinenb, unb Bitternis war ih;re ein3ge Haltung. Ghana fprach; fobann ih;r tröftenb 3U: „Was weinft bu, ßanna? Warum igt bu nid)t? Weshalb ift beine Seele traurig? Sage: Bin ich; nid)t metyr für bid), als felbft 3el)n Sötyne?"-- Mensch hat sie fix und fertig an sich! Der Kluge weiß, was die Glocke geschlagen! Aber das Volk — das Volk — für das müssen wir sein. Was thut das Volk? Alle Tage, sagt ein anderer: Ich bin ein Kluger und nimmt mit Theil an den Berathungen. Das Parterre stellt sich auf die Bühne! Wo sind die Schauspieler? Wo das Publikum? Für wen wird gespielt? — Genug davon! W^enn sie mich nur recht verständen! Geist und Leben, ein höheres ideelles Moment überall zu erkennen, das Erkannte auszusprechen, das Judenthum in seiner Macht und Würde als eine Anleitung zu dieser höheren Fassung des Lebens darzustellen — seine Institutionen als Ausdruck seiner Ideen, seine Geschichte in ihrer belehrenden, erhebenden Macht, die Stimmen seiner Gottesmänner in ihrer tiefgeschöpften, tief ergreifenden Kraft, seine Bedeutung für die Gegenwart, die der Gegenwart für uns — zum Bewußtsein zu bringen, das such5 ich, so weit Gott helfen will in mir selber und in den Büchern und Schätzen der Weisheit meines Volkes — der Mattherzigkeit und Ohnmacht, der Knechtschaft unter dem Banne eines materiellen gedankenlosen Treibens den Heroldruf zu andrer höherer Arbeit, zur Nutzung edlerer Kräfte entgegenschallen zu lassen — das ist mein Beruf, und ich hoffe zu Gott, ganz umsonst stehe ich nicht da! — k verboten. Unb ßanna fafrte fid); jie afe unb trank unb wanbte 3U bem ßeiligtum bie Stritte. €inft faß am £or ber greife Priefter £li, als ßanna traurig vor ben €wgen trat, 3U bem fie bitter weinenb alfo fpracr;: „Du ßerr ber ßeere, ftefyft bu meinen Gram, bas €lenb beiner (Dagb, unb benkft bu meiner, vergibt mein nicr;t unb fctyenkft mir einen Soh;n, fo will ich; Gott if)n weihen fein Cebelang, unb nie kommt auf fein ßaupt ein fch;eerenb CDeffer!" So betet ßanna innig tyeifc. Die Cippen allein bewegte fie; bod) ih>re Worte erklangen ein3ig in bem eignen ßer3en. Der priefter €li blickte 3U \\)x l)in, 3U ih;rer Cippen ftumnvbewegter Sprache, unb trunken fd?ien \Y)m \\)r ergriffen Wefen. „Wie lange", rief er, „foll bein Raufer; tyev währen? Cafe ab vom Wein!" — „fleh; ßerr", erwibert ßanna, „von Kummer bin id; voll, bod; nich;t von Wein. Ich; h;abe meine Trauer ausgefluttet vor Gott bem ßerrn. Siel; beine (Dagb nich;t an als ruchlos, nein, aus Gramesfülle h)ab ich;, aus tiefgekränkter Seele nur gebetet!" Der priefter brauf: „So 3ieh; in frieben h;in! Der ßüter Israels erfülle bir, was bu von ih;m verlangt h;aft." — ßanna wieber: „Bewahr mir beine ßulö!" - Dann ging fie fort, bas flngefid)t 3ur Sreubigkeit gewanbelt. Tannas 6ebet unb Dank. (1. Buch) Sch;mu5ei, Rap. I unb II, 1—10.) Ueberfetjt von OD. fl. Klausner. nad^orud