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Ost und West · 1908-10-01 · Heft 10 (Oktober 1908) · p. Seite 593 - 594

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 10 (Oktober 1908)
Article
Ein Brief Michael Sachs' an Moritz Veit
Date
1908-10-01
Page
Seite 593 - 594 (sequence 2)
Language
German
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593 Michael Sachs. 594 spricht nun seine Ansicht über die Erfordernisse moderner jüdischer Arbeit aus. — Der im Brief zitierte Mendel Hess war einer der „unwissenden und zugleich energischsten Reformer.' ' Seine Zeitung „Der Israelit im 19. Jahrhundert4 ' hat mit dem heute bestehendem Organ natürlich nichts zu tun. Mit dem erwähnten Hirsch muss der orthodoxe Samson Raphael H. gemeint sein, dessen Chaurew- Versuche über Israels Pflichten in der Zerstreuung 1837 erschienen waren. „Edaus" und „Mizwaus'* sind Kapitel dieses Werkes. Die Ansicht L. Geigers, dass Sachs den Religionsphilosophen Hirsch, den „Luxemburger'^ im Auge hatte, ist sicher falsch. Th. Z. Ihre Audienz hat mich unendlich interessirt, und was sie bemerken, ist so wahr, so durchaus aus dem Marke der Sache geschöpft, daß Nichts hinzugefügt werden kann. Halten Sie aber auch dem Minister zu Gute, was unsere Rabbiner, Prediger, Reformatoren, Zwingiis, Luthers, Calvins — bei aller kritischen und anatomischen Geschicklichkeit vergessen oder nicht gelernt — oder nicht wissen wollen, daß die lebendige Bewegung, das zuckende, pulsirende Leben, sich nicht in Formeln, nicht duch starre Abstraktionen, nicht durch hohle Theoreme bannen, heraufbeschwören oder abtödten lasse. Sie wollen durch chemische Analyse die Bestandteile des Organismus erkennen, und meinen, durch diese Erkenntniß das Leben erzeugen, nachschaffen zu können. Wahrhaftig! Lieber alle die Ritual-Codices mit ihren Minutien observiren — als auf eine Formel schwören, wo mir im Augenblicke des Aussprechens das Blut erstarrte, als sprach' ich eine Lüge aus, als widerlegte mein lebendiges organisches Gefühl den nüchternen, vom trockenen Verstände zusammengeleimten Canon! Warum stellen sie sich nicht mit ihren Kräften und Einsichten in medias res? wie eben die Personen und Sachen sind, wie sie dieselben vorfinden? Machen Sie's doch alle, als wäre vor ihnen garnichts dagewesen! Erst neulich sagt' ich in der Predigt: Das ganze WTesen und Treiben im heutigen Israel gehe von dem Satze (Hiob) aus: „Wir sind von gestern und wissen nicht!" Die Geschichte studiren sie als ein Isolirtes, Autoren und Büchertitel eruiren sie mit derselben Aengstlichkeit wie weiland die Mischungsverhältnisse von bosor becholov. Das nennen sie minutiös, aberwitzig! ihre Mikrologie ist die rechte! Giebt es ein Judenthum — und ich bitte mir aus, daß man es nicht in Schema jisrael, — wie mir einmal der Hauptmann Burg sagte, dem ich's gern hingehen ließ — verdünne und diesen Extract als die Essenz bezeichne, die seit Jahrtausenden in lebendiger, kräftiger Selbstständigkeit sich zu einer Litteratur, die immens und vielseitig ist, wie nur irgend eine — und zu einer consequenten Lebensansicht sich herausgearbeitet — so tretet in die Spuren ein, die ihr sehet und bildet es mit seinen Kräften weiter fort! gebet den erlahmten Geistern Schwung, den matten Armen Kraft, den erlahmenden Knieen Stärke, beutet den Schoos der Lehre aus, fördert Verborgenes an's Licht, ziehet den Reichthum der Wissenschaft, Bildung hinein und so dem Ganzen neue Säfte zu! Das Sündenregister alter Rabbiner nützt uns gar nichts — die Phraseologie von der Erstarrung und Verknöcherung auch nicht! Das haltet für euch, dazu seid ihr ja eben, Leben und Geist und Frische in die Leblosigkeit zu bringen! Statt zu beleben — kritisirt ihr, statt zu helfen und zu heilen, erzählt ihr uns eine Geschichte der Krankheit! die muß der Arzt kennen, aber nicht der Patient. Wie der wieder gesundet, glaubt er's euch gern auf's Wort, daß er früher falsch behandelt worden und daß ihr die Aeskulape und Hippokrates seid! Ihr macht es euch zum Geschäfte, hier und dort eine wunde Stelle aufzudecken — warum zeigt ihr nicht auf die gesunden? — ihr suchet die Schwächen heraus — warum nicht lieber die Kraft und die Fülle der vorhandenen Säfte? Ich vermisse an euch Redlichkeit und Liebe, Liehe, Hingebung, Nachsicht — blind bin ich wahrhaftig auch nicht! — aber es ist eine gute Sache, die in sich stark genug ist, um solche Aftergebilde zu überwinden und auszuscheiden. Habt ihr für das Interesse, für das ihr stehet, keine Liebe — so lasset es! es wird sich schon selber helfen, und gewiß wird die natürliche Heilkraft des Organismus so viel thun, als die stiefmütterliche Pflege eines abgünstigen Arztes, dem es nicht um den Patienten sondern um seine Theorie und den Nachweis ihrer Richtigkeit zu thun ist! — Geben Sie Acht, liebster Veit! ob jemals ein Prophetenwort jetzt in einem anderen Sinne citirt wird, als um irgend einen Beleg für eine Lieblingsmeinung abzugeben! Sie werden als Zeugen für das Negative, Destruktive herbeigeholt — den gewaltigen Ton ihrer lebendigen Glut, ihrer gläubigen, festen, eisernen Zuversicht, den erkennt man ästhetisch wohl an. — Lowth, Herder, Eichhorn haben's gethan, also dürfen wir's nachthun — aber diesen Schwung der Gegenwart geben, die in ihrer Mattherzigkeit ihn wahrhaftig brauchen kann — nein! Das ist mystisch! Was die Herren für einen Dünkel haben! Wenn sie nicht für das reine Wasser der Auf- oder Abklärung sorgen — wäre längst ganz Israel in Finsterniß! — „Dürfen wir lederne Schuhe am Jörn Kippur tragen?" Lebensfrage des Judenthums, erörtert in einer langen Predigt am Versöhnungstage! „Meine andächtigen Zuhörer! jetzt ist das Jahr 1840. Wir müssen vernünftig sein und wollen Bürger sein! Da dürfen wir durch nichts auffallen! Sehet, Gott will ein reines Herz, einen hausbackenen Verstand! Er kehrt sich nicht daran, ob Eure Füße mit Filz oder Leder beschuhet sind, vielmehr daran, daß sie nach keiner Sünde gehen! Euere Väter waren dumm! O seid klüger und erleuchtet und ziehet sogleich Stiefel an! Sonst seid Ihr Orthodoxe, Fanatiker, Werkheilige, Formgläubige! Dann seid Ihr Mystiker, Finsterlinge, — das reine Judenthum das lautet: Thue Recht und scheue Niemand! Dann braucht Ihr keinen Versöhnungstag! Dann wird der Geist der Erleuchtung um uns und in uns sein! Also mög' es geschehen! Amen! Amen! Amen!" Ist es ein Wunder, wenn dem aschgrauen Nihilismus einerseits der tolle Hirsch mit seiner Philosophie des Schulchan Aruch, mit seinen Eidauß und Mizwauß in seiner Philosophie des Taschlichmachens entgegeneilt? und Herr Mendel Heß — ebenfalls ein Vertreter

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