Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Der Jahresbericht der J. C. A. für 1907
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 575 - 576 (sequence 3)
- Language
- German
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575 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Der Jahresbericht der J. C. A. für 1907. 576 Bewegung wahrscheinlich noch größere Ausdehnung geben. Dasselbe gilt für Kanada, wo wir zwei Gruppen von einer gewissen Bedeutung haben. Eine beträchtliche Zahl Auswanderer wendet sich diesem Gebiet zu mit dem Wunsch, sich der Landarbeit zu widmen. Diesen kommen wir zur Hilfe. Einer unserer Direktoren, Herr Sonnenfeld, der kürzlich Kanada besucht hat, war freudig überrascht von dem gesunden und kräftigen Aussehen unserer jungen landwirtschaftlichen Generation. In den Kolonien von Palästina ist der wirtschaftliche und moralische Fortschritt, der schon im vorigen Jahre konstatiert werden konnte, noch deutlicher hervorgetreten. Seit zwei oder drei Jahren ist die Ernte gut gewesen. Die wirtschaftliche Lage der Kolonisten hat sich befestigt. Sie hoffen auf Erfolg, der zumeist von ihrer Iniative und ihrer Anstrengung abhängt. Immer weniger brauchen sie fremde Hilsarbeiter. Die persönliche Arbeit vermehrt ihre Einkünfte, und sie selbst sind es, die die eigene Existenz sichern. Sie werden noch weiter vorwärts kommen, wenn sie sich anstrengen, aus dem von ihnen bearbeiteten Boden herauszuholen, was er zu geben vermag. Man arbeitet überall fleißig. Wir selbst und andere Besucher haben das Gedeihen mehrerer unserer Kolonien konstatiert. In Rußland hat sich die wirtschaftliche und soziale Lage der Israeliten leider nicht geändert. Das Land selbst leidet unter einer politischen Krise, unter schlechten Ernten und unter industrieller Bedrängnis. Am meisten heimgesucht sind unsere Glaubensgenossen, die keine Sicherheit haben, nicht einmal die des Lebens. Wann werden sie den Ausnahmegesetzen entzogen sein, die zu jeder Gewalttat gegen ihre Person ermächtigen? Wann wird es ihnen gestattet sein, in Frieden zu leben und zu arbeiten? Man braucht nur zu sehen, was in den freien Ländern die Israeliten geworden sind, um zu wissen, was Rußland durch ihre bürgerliche und staatsbürgerliche Emanzipation gewinnen würde. Wir warten, wir hoffen — das neue russische Regime begünstigt diese Hoffnung — aber wir dürfen dort so wenig wie anderwärts untätig bleiben: Wir bereiten die neue Generation für besseres Schicksal vor; wir geben ihr in unseren Elementar-, Handwerker- und Landwirtschaftsschulen neben allgemeiner Bildung Erziehung, Arbeitsfreude und Handwerksfertigkeit. Unzweifelhaft könnten unsere Schulanstalten noch bessere Ergebnisse erzielen, wenn sie in einer Atmosphäre der Ruhe, der Freiheit, des Wohlbefindens wirkten. Wir könnten die Wohlfahrt des Elementarunterrichts einer viel größeren Zahl von Kindern zuwenden. Unsere Schulen unterweisen gegenwärtig 7000 Kinder, sogar 9000, wenn man die Zöglinge der den Handwerkerschulen angegliederten Elementarklassen hinzurechnet. Solche Handwerkerschulen haben wir 41, die zu Ende des Berichtsjahres von 2400 Knaben und Mädchen besucht waren. Die Schulen würden mehr Kinder aufnehmen und Avürden ihnen noch mehr Nutzen bringen, wenn die Armut der Eltern einen Teil nicht am Eintritt hinderte, einm anderen Teil nicht zum vorzeitigen Verlassen der Schule zwänge. Unsere Laniwirtschaftsschulen leiden vnter den Judengesetzen. Landwirtschaft ist immer ein schwer auszuübendes Gewerbe. Warum aber soll man dieses schwierige Gewerbe erlernen, so lange es den Juden verboten ist, sich auf dem Lande niederzulassen? Trotzdem unterhalten wir unsere Schulen, weil uns die Dauer eines solchen Verbots unmöglich erscheint. Übrigens steht die Welt unseren jvngen Landwirten offen, die eine Fülle von Kräften hinaustragen, deren Nutzen Rußland so leicht für sich behalten kennte. Noch ein Wort über einen anderen Zweig unserer Tätigkeit: das Kreditgenossenschaftswesen, das wir organisiert haben, um den kleinen Kaufleuten, den Industrie-Handwerkern, den Landbebauern zu Hilfe zu kommen, die von der Hand in den Mund leben. Ihnen fehlt im gegebenen Augenblick die kleine Summe, die zum Ankauf eines geringen Warenvorrats, des Handwerkszeugs oder selbst der eigenen Nahrung erforderlich ist. Den W'ucherer haben wir durch die Darlehnskasse ersetzt, deren Mitglied jeder durch einen bescheidenen Beitrag werden kann und die ihm zu vernünftigem Zinssatz 100 bis 400 Frcs. je nach Bedarf vorstreckt. Überall, selbst in den kleinsten Ortschaften, finden sich wackere Leute, die ohne Nutzen die Kasse mitgründen, einrichten, leiten. Sie widmen ihr Zeit und Sorgfalt. Von allen Seiten kommen Mitglieder in Menge und bringen ihre Ersparnisse. Die Darlehen vervielfältigen sich, die Rückzahlungen erfolgen mit rühmlicher Pünktlichkeit. Ein Blick auf die Tabellen unseres Berichts gibt einen Begriff von der Wichtigkeit dieser Einrichtung. Verwaltungsbestimmungen haben ihren Aufschwmig in Rußland lange Zeit gehemmt. Im Jahr 1906 bestanden 166 Darlehnskassen, im vorigen Jahr sind 223 neue Kassen eröffnet worden. Ihre Zahl wäre noch weit größer gewesen ohne die Feindseligkeit, die sie in gewissen Provinzen bei den zu ihrer Genehmigung eingesetzten Kommissionen begegneten. Die 100 Kassen allein, die im Jahr 1907 von unserer Gesellschaft Vorschuß erhalten haben, zählen 59 923 Mitglieder. Sie haben 5 826 212 Rubel Darlehen gewährt, wovon 4 500 866 Rubel zurückgezahlt worden sind. Bedenkt man die Geringfügigkeit der einzelnen Darlehen, so erkennt man, wie groß die Zahl der Personen ist, denen Vorteil gebracht wird, und welche gewichtigen Dienste die Darlehnskassen leisten. Das von der Ortsbevölkerung den in Rede stehenden 100 Kassen anvertraute Kapital betrug Ende des Berichtsjahres 2 800 000 Rubel. Die Darlehnskassen sind für die Landwirte von nicht minderem Nutzen. Wie Sie wissen, beschäftigen wir uns seit einer Reihe von Jahren mit der sehr zahlreichen jüdischen Bevölkerung in Rußland, die von Landarbeit lebt, sei es gruppenweise in Dörfern oder zerstreut in Weilern. Wir haben die Arbeitsmethoden verbessert, neue Kulturen eingeführt, den Kolonisten zum Ankauf von Vieh, landwirtschaftlichem Gerät, zur Anlage von Fruchtgärten, Weinbergen usw. Vorschüsse gegeben. Was ihnen fehlte, waren Vorschüsse auf kurze Zeit, deren sie in bestimmten Jahres - abschnitten dringend brauchen, namentlich bei der Aussaat und bei der Ernte. Kürzlich sind Darlehnskassen in den Kolonien eingerichtet worden. Wir haben ihnen den größeren Teil des notwendigen Betriebskapitals geliefert. In G a 1 i z i e n , wo die Armut so groß ist, gedeihen elie Darlehnskassen ebenfalls. Ende des Berichtsjahres gab es 17 Kassen mit 11 310 Mitgliedern, die 236 310 Kronen Aktienkapital gezeichnet hatten. Die Kassen verfügten über ein rollendes Kapital von 1 373 946 Kronen, die Summe der gewährten Darlehen betrug im vorigen Jahr 1 636 063 Kronen. Sie wickeln ihre Geschäfte mit großer Regelmäßigkeit ab, sie haben sogar einen Reservefonds von 78 000 Kronen gesammelt, der von Jahr zu Jahr wächst. M. H., ich habe Ihnen einen Abriß unserer vorjährigen Arbeit gegeben. Aus ihm geht hervor, daß wir methodisch und ausdauernd unser Werk fortzusetzen haben, und daß wir das hauptsächliche Ziel, die Kolonisation, nicht außer Augen lassen dürfen. Wir möchten einer größeren Zahl Glaubensgenossen Anteil daran zuwenden. Doch der gute Wille genügt nicht, es bedarf der Zeit. Die Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft ist ein junges Problem. Selbst wenn sie die Freiheit haben, wieder Ackerbauer zu werden, muß man ihnen, wie es scheint, erst die Fähigkeit dazu geben. Ihre Anleitung in Palästina und Argentinien war eine Improvisation. Sie haben Eigenschaften mitgebracht, die man ihnen nicht hat nehmen können: Intelligenz, Arbeitsliebe, Ausdauer. Gegenwärtig sind sie gute Landwirte. Es hat genügt, ihnen Acker und Arbeitswerkzeuge zu liefern, um sie zum Erfolg zu führen — nach den Erfahrungen kaum eines Vierteljahrhunderts eine feststehende Tatsache. Das ist ermutigend und gestattet uns vorwärts zu gehen. Wir suchen nach neuen Kolonisation - gebieten. Wir haben in diesem Jahr durch unsern Landwirtschaftsinspektor Herrn Niego verschiedene Gegenden im Orient erforschen lassen. Die einzigen Länder, in denen die Kolonisation unmöglich ist, sind die Länder, aus denen unsere Kolonisten kommen. Ist diesen Ländern noch immer verborgen, was sie gewinnen würden, wenn sie ihnen mit der Freiheit das jetzt verweigerte Grundbesitzrecht gäben? Das ist keine theoretische Behauptung. Mögen sie unsere Berichte lesen und sich unterrichten: sie werden dann erkennen, was alles sie verlieren, indem sie unseren Glaubensgenossen gegenüber der Menschlichkeit ermangeln."