Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Der Jahresbericht der J. C. A. für 1907
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 573 - 574 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583976-2598536--08641-2598641- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
573 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Der Jahresbericht der J. C. A. für 1907. 574 Seine Mildherzigkeit und seine Güte waren unerschöpflich. Seine fürsorgende Anteilnahme galt besonders dem Geschick jener unglücklichen Glaubensgenossen, die durch Verfolgungen aus Rußland und Rumänien verjagt werden. Er fühlte ihr Elend mit ihnen und erleichterte es nach Kräften, er wachte über sie in den Vereinigten Staaten. Die Hilfsorganisationen, dis man für sie in dem großen Lande eingerichtet hatte, das er so gut kannte, besaßen in ihm den kräftigsten Förderer. Seinem Wort lauschten wir mit ebenso viel innerer Zustimmung wie Achtung. Die Abnahme seiner Kräfte bedingte nicht eine Abnahme seines Eifers. Bis zu seinen letzten Augenblicken hat er gearbeitet. Er ist, ach, von uns gegangen, mit dem Beispiel eines wundervoll abgeschlossenen Lebens, unauslöschliche Trauer uns zurücklassend. Ich hätte eigentlich nicht nötig, m. H., Ihnen von den Arbeiten des abgelaufenen Jahres zu erzählen, da Sie den ausführlichen Bericht in Händen haben. Ich halte es aber für nützlich, Ihnen in knappen Umrissen einen allgemeinen Ueberblick zu geben. Im Vordergrund unseres Werkes steht die Kolonisation in Argentinien. Die jüdischen Kolonien, die wir geschaffen haben und deren älteste erst seit 15 Jahren besteht, fahren fort, sich zu festigen und auszudehnen. Jahr für Jahr habe ich die angenehme Pflicht, von ihrem Fortschritt zu reden. Im Laufe des vergangenen Jahres ist die Gesamtbevölkerung unserer argentinischen Kolonien von 11 974 auf 13 212 Seelen gestiegen, hat die besaatete Fläche von 58 400 auf 64 000 Hektar zugenommen, ist der Viehbestand von 104 000 auf 142 000 Haupt gewachsen. Mit der eigentlichen Landwirtschaft wird die Viehzucht, die eine der vornehmsten Hifsquellen Argentiniens bildet, in unseren Kolonien immer ausgedehnter. Mit besonderer Freude konstatiere ich, daß die Steigerung des Gedeihens allgemein ist, daß auch die Kolonien die uns zu gewissen Zeiten Besorgnisse einflößten, sich aufzurichten und ihren Weg zu machen verstanden haben. In Moisesville, wo die klimatischen Bedingungen für die Groß-Getreidewirtschaft nicht sehr günstig sind, haben die Kolonisten die Unzulänglichkeit des Ernteertrages durch beträchtliche Steigerung der Luzerne - Kultur nachgeholfen, die auf dem Boden dieser Kolonie vortrefflich gedeiht und leichten Absatz zu lohnenden Preisen findet. Die Produktion dieser Futterplanze hat ihnen gestattet, sich gleichzeitig mehr der Viehzucht zuzuwenden. In den Kolonien der Provinz Entre-Rios, die allein fast 7000 Seelen umfassen und denen es an Schwierigkeiten nicht gefehlt hat, sind die Ernten der beiden letzten Jahre ausreichend gewesen, um zu beweisen, daß gute Arbeiter dort ebenso wie anderwärts zu Gedeihen kommen können. In allen unseren Zentren ohne Ausnahme wissen unsere Kolonisten die Hifsmittel vortrefflich zu benutzen, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben. Sie verstehen Getreidebau und Viehzucht zu verbinden, sich mit Milchwirtschaft und Geflügelzucht zu beschäftigen. Sie arbeiten mit ihren erwachsenen Kindern und mit Hilfskräften, die fast durchweg Jsraeliten sind, die von der Gewißheit der Arbeitsgelegenheit und von der Annehmlichkeit des Lebens unter Glaubensgenossen in stetig wachsender Zahl angezogen wurden. Bedenkt man, daß die Mehrzahl unserer Kolonisten früher von Landwirtschaft nichts wußte, so muß man die Leichtigkeit anerkennen, mit der sie sich den Lebens¬ und Arbeitsbedingungen in Argentinien angepaßt haben. Wir können uns zu den binnen wenigen Jahren erreichten Ergebnissen nur beglückwünschen. Bemerkenswert ist auch der Geist der Solidarität, der unsere Kolonisten durchdrungen hat, die Leichtigkeit, mit der sie ihre Kommunalverwaltung organisiert haben. In jedem Zentrum haben sie Kooperativgenossenschaften eingerichtet. Diese Genossenschaften bilden die Grundlagen einer Selbstverwaltung, bei deren Gestaltung wir hilfreiche Hand geleistet haben. Die meisten Ausgaben von allgemeinem Interesse, wie Kosten des Sanitätsdienstes, Unterhalt der Synagogen, öffentliche Bäder, Friedhöfe, für Koscherfleisch, Bibliotheken usw. werden gegenwärtig von den Kolonisten selbst bestritten. Wir tragen nur noch zu den Schullasten bei. Zu diesen beizusteuern haben jüngst auch die Provinzialregierungen angefangen. Alljährlich geben wir den Kolonistenvereinigungen Vorschüsse, deren Rückzahlung sicher ist. Die Genossenschaften geben sie in der Erntezeit an die Mitglieder, die Bedarf haben. Für diesen gegenseitigen Kredit, dessen Nutzen ganz offenbar ist, verwenden wir 660 000 Francs. Der seither erreichte Erfolg hat uns zu einer Ausdehnung des Kolonisationswerkes bestimmt. Die erforderlichen Kräfte haben wir in den Kolonien selbst. Diese entnehmen ihre landwirtschaftlichen Arbeiter aus einer Bevölkerung, die in ihrer Mitte lebt und Ende vorigen Jahres über 3000 Seelen stark war. Unter diesen Arbeitern treffen wir eine Auswahl, um sie zu Kolonisten zu machen. Den Platz, der dadurch frei wird, füllen andere Arbeiter schnell wieder aus. In solcher Weise haben wir im vorigen Jahr 127 Familien ansässig gemacht; in diesem Jahr werden es 200 Familien sein. Um in der Ausgestaltung unseres Werkes nicht gehemmt zu sein, erwerben wir neues Land. Ende vorigen Jahres besaßen wir in Argentinien 463 000 Hektar. Kürzlich haben wir 10 000 Hektar, anstoßend an unsere Kolonie Leloir, und 35 000 Hektar zusammenhängenden Landes in geringer Entfernung vom Hafen Bahia-Bianca angekauft. Weitere Erwerbungen sind bereits beschlossen. Das Vorhandensein der Kolonien zieht nicht bloß Landwirte heran oder solche, die es werden wollen, sondern hat seit zwei bis drei Jahren darüber hinaus einen jüdischen Einwandererstrom geschaffen. Nur ein Teil der Neuankömmlinge geht in unsere Kolonien; die anderen zerstreuen sich über das Innere des Landes, wo sie leicht Fortkommen finden, wenn sie ein Handwerk verstehen. Die Ergebnisse des letzten Wirtschaftsjahres waren befriedigend. Die Gesamternte an Winter-Kulturen betrug 436 926 Zentner im ungefähren Wert von 4 800 000 Frcs. Ihren Verpflichtungen gegenüber der J. C. A. kommen die Kolonisten ohne Mühe nach. Am vorigen 30. April haben sie über 122 000 Francs mehr an Annuitäten entrichtet, als am gleichen Termin des Vorjahres. Durch unsere Vermittelung haben sie in 1907 an ihre in Rußland zurückgebliebenen Verwandten 136 000 Francs Unterstützungen geschickt. Rechnet man die Summe hinzu, die sie direkt geschickt oder zum Ankauf von Schiffsbillets verwendet haben, ferner die zuweilen beträchtlichen Aufwendungen, die ein Teil von ihnen zur Aufbesserung ihres Landbesitzes, zur Vervollständigung ihres landwirtschaftlichen Geräts, zur Anschaffung von sehr kostspieligen Dreschmaschinen, zur Vermehrung ihres Zuchtviehs usw. gemacht haben, so sieht man, wie weit ihr Arbeitsertrag ihren persönlichen Bedarf und den Bedarf ihrer Familien übersteigt. In Brasilien haben zwei Jahre ausnahmsweiser Trockenheit die Kolonisten etwas entmutigt; wir haben dort noch mit recht ernsten Schwierigkeiten zu kämpfen. Im letzten Jahr haben wir die Verwaltung der Kolonie umgestaltet und alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen, um die Hilfsquellen der Kolonisten zu vermehren und ihr Auskommen zu sichern. Wir haben gute Hoffnung, daß diese Reformen in Kürze die Lage günstig verändern werden, so daß wir dann das junge Unternehmen zu glücklicher Entwicklung werden bringen können. Nordamerika — die Vereinigten Staaten und Kanada — liefert uns gleichfalls ein Tätigkeitsfeld für die landwirtschaftliche Kolonisierung. In den Vereinigten Staaten, wo wir seit Jahren durch Vermittlung der Je wisch Agricultural and Industrial Aid Society die Niederlassung jüdischer Landwirte begünstigen, lebt eine jüdische Bevölkerung, die wir auf 10 000 Seelen schätzen, von der Landarbeit. Diese Bevölkerung ist ziemlich über das ganze Land verstreut, so daß es kaum eine Provinz gibt, in der man nicht Gruppen jüdischer Landwirte findet. Einige von diesen Gruppen, namentlich in New-Jersey und in den Staaten von Neu-England, gedeihen vortrefflich. Hat man nicht Ursache zum Staunen über die rasche Entwicklung der landwirtschaftlichen Arbeit unter den Juden auf so vielen Punkten des riesenhaften Gebiets der Vereinigten Staaten, da ihr Beginn doch nur 25 Jahre zurückreicht und der Begeisterung der russischen Universitätsjugend ihren Anfang zu danken hat! Die jüngste Industriekrise in Amerika hat die Zahl der Freunde landwirtschaftlicher Arbeit nur vermehrt. Die Anziehungskraft der bereits vorhandenen Zentren wird der landwirtschaftlichen