Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Der Weg ins Freie
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 495 - 496 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583976-2598503--08542-2598602- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
495 Dr. Hugo Bergmann: Der Weg ins Freie. 496 Worten ihm ein glühendes Mitleid für seine unglücklichen Stammesgenossen zu beben schien, und der sich stolz von Menschen abkehrte, die ihn als ihresgleichen nicht wollten gelten lassen. Bald wieder war er innerlich Heinrich näher, der sich zornig yon einem Beginnen abwendete, das, phantastisch und kurzsichtig zugleich, die Angehörigen einer Rasse, deren Beste überall in der Kultur ihres Wohnlandes aufgegangen waren, oder mindestens an ihr mitarbeiteten, von allen Enden der Welt versammeln und in eine gemeinsame Fremde senden wollte, nach der sie kein Heimweh rief. Und eine Ahnung stieg in Georg auf, wie schwer gerade diese Besten, von denen Heinrich sprach, denen, in deren Seelen sich die Zukunft der Menschheit vorbereitete, eine Entscheidung fallen musste; wie gerade ihnen, hin und her geworfen zwischen der Scheu, zudringlich zu erscheinen, und der Erbitterung über die Zumutung, einer frechen Ueberzahl weichen zu sollen — zwischen dem angeborenen Bewusstsein, daheim zu sein, wo sie lebten und wirkten, und der Empörung, sich eben da verfolgt und beschimpft zu sehen: wie gerade ihnen zwischen Trotz und Ermattung das Gefühl ihres Daseins, ihres Wertes und ihrer Beeilte sich verwirren musste.;<--- Immer und immer wieder klingt es durch: der Kampf zwischen Heimatssehnsucht und Fremdheitsgefühl, wie wird er enden? Und es ist nicht nur Sache der Juden. Es ist eine Angelegenheit der Besten aller Völker. Sie alle müssen wünschen, dass das Werk dieses Beermann und Nürnberger nicht ins unfruchtbare Nichts versinkt und ihre Fähigkeiten nicht ersticken in dieser „Atmosphäre von Torheit, Unrecht und Ungerechtigkeit." Wo aber führt der Weg ins Freie? Viele erwarteten Schnitzlers Antwort mit Ungeduld. Er hat sie enttäuscht. Enttäuscht? Nein, er gab ihnen eine Lehre von dieser Wahrheit: Zionismus? Gut! Aber er bedeutet doch ..eine recht äusserliche Lösung einer höchst innerlichen Angelegenheit." Und die innerliche Lösung ist es, auf die es ankommt. „Jeder muss selber da zusehen, wie er herausfindet aus seinem Aerger, oder aus seiner Verzweiflung, oder aus seinem Ekel, irgend wohin, wo er frei atmen kann ... Es kommt nur für jeden darauf an, seinen innern Weg zu finden . . . Den Mut seiner eigenen Natur zu haben. Sich nicht beirren lassen. Ja, das müsste das tägliche Gebet jedes anständigen Menschen sein: Unbeirrtheit!"--- Das sind Worte von so tiefem Einblick in das Wesen des Problems, dass sie reicher sind an Belehrung als viele tönende Reden. Weg mit den Strohfeuern, die alle statt von der grossen Leidenschaft von blosser Sentimentalität genährt werden, diesem „Gefühl, das man sozusagen unter dem Einkaufspreis erstanden hat"; und entzündet die wärmenden Flammen der heiligen Liebe! Freilich, Schnitzler weiss nur, dass die Diener dieser Flammen auch hier kommen müssen. Wie aber die Juden auch hier die Kontinuität der Persönlichkeit und des Schaffens, um ein Wort Martin Bubers zu gebrauchen, wiedererhalten sollen, sagt uds der Wiener Dichter nicht. Eine Lösung der Westjudenfrage hat er nicht. Darum ist auch der Zionist, den er gezeichnet hat, Leo Golowski, in so matten Umrissen gestaltet. Die Motive, die ihn zum Judentum zurückführen, sind nicht weniger negativ als die Beermanns und Nürnbergers. Noch hören wir weder etwas von der einen jüdischen Kultur, die sich vorzubereiten scheint, noch von dem neuen religiösen Pathos, das über das Volk kommen wird, wenn die Zeichen nicht trügen. Genug: die Strassen, die ins Freie führen, „laufen ja nicht im Lande draussen, sondern in uns selbst" . . . Wie sagt Schalom Asch am Ende seines „Sabbatei Zewi", da das Volk ob des schmählichen Endes seines Messias der irren Verzweiflung Beute wird: von Euch, von Euch kommt er. Was kann er bereiten, wenn Ihr nicht bereit seid, wie kann er Euch erheben, wenn Ihr Euch nicht erhebet?" BERLINER AUSSTELLUNGEN. Nachdruck verboten. Wenn einmal eine Zeit wieder innerlicher und keuscher fühlen wird als unser vom Geld und der Phrase geknechtetes Zeitalter, wird man in den alljährlichen Kunstausstellungen, wie sie heute üblich sind, ein Zeichen der Barbarei sehen, von der wir überflutet sind. Als die Ausstellungen aufkamen, gingen Menschen, die sich für Kunst interessierten, mit Muße durch ein paar Räume, besahen und beguckten eine Anzahl von Kunstwerken, lobten, tadelten, begeisterten sich und schwärmten. Heute jagt man durch eine Menge vollbehängter Säle, sieht alles und nichts und delektiert sich am Konzert, an Toiletten und wohlfeiler Distinguiertheit. Die Eindrücke sausen durch den Kopf, die Augen irren, und das stille, versonnene Wesen der Kunst bleibt ungeahnt ferne dem Bewusstsein. Eine Fülle von Intelligenz wird von Seiten der