Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Der Weg ins Freie
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 493 - 494 (sequence 2)
- Language
- German
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Dr. Hugo Bergmann: Der Weg ins Freie. 494 ist er geschaffen worden, ihre Seele lebt in der seinen. Er ist kein edler Charakter dieser Wiener Schriftsteller, der sein Leben lang um den Platz kämpft, auf den ihn Geburt und Schicksal gestellt haben und den ihm die Vielzuvielen der kompakten Majorität streitig machen. Er hat es verlernt, seinem Leben auch nur eine gerade Linie zu geben. Längst ist die hohe unbeugsame Kraft dahin, die den Grossvätern noch aus ihrem Glauben floss. Was ist ihm Weltanschauung? Eine falsche Induktion, bestenfalls eine Dichtung, schlimmstenfalls Spielerei und hohles Gerede! Ihm ist die Welt kein Ganzes, eins wird sie nur dem, der sie zu schaffen oder nachzuschaffen vermag. Aber Gesetzen sich zu fügen, die er nicht gegeben, dazu ist er zu trotzig oder besser zu feig. Und auch den Mut einer politischen Anschauung, die noch sein Vater, der liberale Abgeordnete, besessen, hat er nicht mehr. Das Geschlecht derer, die eine Fahne hochzuhalten wussten, starb mit dem österreichischen Liberalismus. Für Heinrich Beermann ist das Vaterland eine Fiktion. Kein Gott, keine Heimat, kein Volk. Und das Gefühl, einer von der Kette zu sein, die von Urenkeln zu Vätern und Söhnen zieht, ihm ist es nichts. Denn auch nach rückwärts schauend ahnt der Geist ewige Gesetze und waltende Mächte. Er aber will ein Erster sein, ein Einziger, ein Einsamer. Aber die Menschen sind nicht geschaffen, einsam zu sein, und die Ferdinand Nürnberger sind selten auf der Welt. So bleibt Beermann doch immer ein Kind der unendlichen Sehnsucht. Wonach? Wenn er es wüsste! Ihm fehlt nicht nur die Freude des Besitzenden; das grausame Schicksal, das ihn zwischen zwei Welten gestellt, hat ihm auch nicht das Glück gegönnt, sein Ich in ein Streben zusammennehmen zu dürfen. „Diese jüdisch überklugen, schonungslos menschenkennerischen Leute" haben über der Kunst, alles bohrend zu analysieren und bis ins kleinste zu verstehen, verlernt, zu sein. Sie sind zu klug, um lieben oder auch nur hassen zu können. Sie haben keine Leidenschaft, kein Pathos erhebt ihre Seelen. Schnitzler erzählt uns die ergreifende Geschichte einer jüdischen Schauspielerin, die nicht nur auf den Brettern, die auch im Leben „unter gemaltem Himmel und zwischen papiernen Wänden" hin- und hergetaumelt hatte. Und erst als sie dem Grabe entgegenging, „erwachte in ihr eine ungeheure Sehnsucht nach dem wirklichen Leben, das sie versäumt hatte; je sicherer sie wusste, dass sie ihr für immer verloren war, mit um so klarerem Blick erkannte sie die Fülle der Welt."---So sind sie, deren Untergang diese ergreifende Elegie besingt. Sie sind klug, aber sie sind nicht gütig. Sie sind zu stolz, um „hinüberzuhüpfen", zu elend, um sich selbst zn achten. Sie durchschauen alles bis auf den Grund, und sind abergläubisch wie ein Weib in der Furcht, bemitleidet oder gehasst zu werden. Die Harmlosigkeit ist es, die ihnen abgeht. „Im ganzen fand er — der arische Freiherr — den Ton der jungen Leute unter einander bald zu intim, bald zu fremd, bald zu witzelnd, bald zu pathetisch. Keiner schien sich dem andern, kaum einer sich selbst mit Unbefangenheit zu geben." Und in die Stuben dieser Menschen, deren Leben die Ironie ist, kommt der Ruf von den werdenden ganzen jüdischen Menschen. Ihre Antwort ist die müde Resignation. Dorthin können sie nicht mehr. Aber hier! Hier nochmals und wieder und immer von Neuem den Kampf beginnen, den Kampf um den Boden. In den Gesprächen, die Heinrich Beermann mit Leo Golowski, dem jungen Zionisten, führt, hat Schnitzler vielleicht das tiefste gesagt, was ein jüdischer Politiker oder Dichter des Westens je über den Kampf zwischen Assimilation und Zionismus gesagt hat. Die jüdische Gesellschaft vom Quai oder Berlin W. hat ja mancher schon vor ihm gezeichnet, wenn auch vielleicht nicht mit so feiner Psychologie. Wir haben sie alle als gute Bekannte begrüsst: den jungen Ehrenberg, dem der vom Vater erworbene Reichtum Gelegenheit gibt, sich feudal zu geberden und zu tun, als gehöre er nicht „dazu", und der sich beeilt, vor dem Kirchen - portal den Hut zu ziehen, da ein paar Aristokraten vorbeigehen. Wir kennen auch seine Mutter, die immer in Angst schwebt, von ihrem Mann blamiert zu werden. Wir haben auch über ihn schon oft gelacht, den gutherzigen alten Ehrenberg, dem „vor die Jours im Hause Ehrenberg mies is." Nur dass ihm selten ein Dichter so viele sympathische Züge verliehen hat wie Schnitzler. Gezeichnet also hat diese Leute schon mancher. Aber den Kampf um das erwachende Judentum mitten unter sie zu tragen und an ihm ihre Seelen zu spiegeln, das tat niemand Schnitzler zuvor. Nicht als ob er Partei ergreifen würde für oder wider. Aber gerade weil er es nicht tut, konnte er die Krankheitsgeschichte der westeuropäischen Juden in so erschütternder Wahrheit schreiben. „Georg, auf seinen Mantel gestreckt, hörte ihnen zu. Bald neigte sein Sinn sich Leo zu, in dessen