Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Article
- Die Kabbalisten
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 463 - 464 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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463 J. L. Perez: Die Kabbali sten. 464 Der Jünger blickte nicht einmal auf. Aber der Eabbi erhob sich und ging auf den Schüler zu und sah ihm in die Augen — stolz und voller Liebe; und er berührte seine Schulter. — Man hat Dir zu essen gebracht! Da hob der Schüler langsam seinen Kopf. Sein Antlitz aber war noch blasser geworden und Tränen glitzerten in den flammenden Augen. --Ich weiss es, Rabbi! sagte er, doch ich mag heut nicht essen! — Nun schon der vierte Fasttag, fragte der Rabbi und nur für dich? Es klang wie ein Vorwurf. — — Es ist ein neuer Fasttag, erwiderte der Jüngling. Es ist ein Fasten der Busse. — Was sprichst du? Du — und ein Fasten der Busse? --Ja, Rabbi . . . Ein Fasten der Busse. Da du vorhin dein Mahl begannest, hab ich gesündigt im Gedanken und das Gebot verletzt: „Du sollst dich nicht gelüsten lassen." In selbiger Nacht, ganz spät, weckte der Jünger seinen Lehrer. Sie schliefen beide in der Klaus auf harten Bänken, einander gegenüber. Rabbi, Rabbi, rief der Schüler mit tonloser Stimme. Der Rabbi sprang erschreckt empor und fragte: — Was ist? — — Ich wrar jetzt hoch oben in den Sphären der Himmel. — Wieso? fragte der Rabbi, noch schlaftrunken. — —- In mir hörte ich ein Singen! Da setzte sich der Rabbi auf und sah ihn fragend an. Aber der Schüler sprach und seine Stimme klang schwach und leise: Ich wreiss es selbst nicht, Rabbi. Ich konnte nicht schlafen, und da zog es mich hinein in das Geheimnis Eurer Rede ... Ich hätte so gern die Melodie gehört. Und in meinem Schmerze, dass ich den Sang noch nicht kannte, begann ich zu weinen. Laut weinte es in mir. Jedes Glied weinte in mir vor Gott dem Schöpfer. Dann betete ich den Spruch der Läuterung, den Ihr mir anvertraut hattet — und seltsam! Nicht meine Lippen sprachen die Worte. Eine Stimme in meinem Innern sprach die Worte. Sie sprachen sich allein; und dann wurde es licht um mich. Ich schloss die Augen. Und doch blieb es licht in mir, so licht, so helle leuchtendes Licht. Der Rabbi beugte sich vor, als müsse er besser horchen. Aber der Schüler fuhr fort: Und dann wurde mir von all dem Lichte so wohl, so leicht . . . Und mir war, als wäre ich kein Körper mehr voll irdischer Schwere. Mir war, als ob ich emporschwebte in ein glühendes Land! Und eine süsse Wärme durchrieselte mich ... die wundersame Lust des Lebens und jubelnder Freude. Keine Fiber in meinem Antlitz hat sich bewegt. Starr waren meine Lippen. Und doch habe ich gelacht, so innig, so herzig und voller Lust wie ein Kind. — Oh! rief der Rabbi erregt. — Das waren die himmlischen Freuden! --Und dann klang es in mir, und mir war, als ob ein Lied in mir erwüchse. Der Rabbi sprang von seiner Bank empor und stellte sich vor den Schüler! — Und dann??! Und dann?? — — Und dann hörte ich, wie in mir ein Singen begann . . . Ich fühlte, dass alle meine Sinne sich schlössen . . . Aber innen, innen sang es. So muss es wohl sein . . . ganz ohne Worte . . so . . ja . . so . . . — Wie denn so? --Ich kann's nicht sagen . . Vorhin wusste ich's noch . . Und dann wuchs das Singen zu einer Zauberweise, als spielte in meiner Seele eine Fiedel oder als sässe Jona, der Klessmer, in mir und spielte wie beim seligen Rabbi am Tische gottgeweihte Lieder . . Und doch . . viel zarter hat es in mir gespielt, viel wundersamer, wie erdentrückte Seligkeit . . Und immer ohne Worte, ohne Stimme . . . Nur Seele, . . . nur Seele. — Wohl dirl Wohl dir! mein Schüler. Voll Trauer aber schloss der Schüler: Nun ist alles dahin. Die Sinne sind mir wieder geötfnet. Und ich bin so müde, dass ich . . . Da aber schrie er plötzlich laut auf und griff sich gegen das wild pochende Herz. --Rabbi, sprich mit mir das Sterbegebet! . . . Sage mit mir das Sündenbekenntnis! . . . Ich höre ein Rufen von der Höhe nach mir. Sie rufen den Sänger. Ein Engel bin ich mit weissen Flügeln! Rabbi! Rabbi! . . . Schma Jis . . . :<c £ Er starb. Und alle im Städtchen wünschten sich einen solchen Tod. Nur der Rabbi war nicht ganz zufrieden. Noch ein paar Fasttage, klagte er, und im Kusse Gottes wär er geschieden . . .