Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Article
- Die Kabbalisten
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 461 - 462 (sequence 2)
- Language
- German
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J. L. Perez: Die Kabbalisten. 462 Das war also von dem berühmten Lehrhans geblieben! . . . Das Städtchen war verarmt. Die Freitische wurden immer seltener und seltener; und seltener sandte man Essen in das Lehrhaus. Da verliefen sich die Talmudschüler in andere Städtchen. Doch Rabbi Jekel wollte hier sterben, und sein Jünger wollte bei ihm ausharren, bis dass er die Totendienste ihm leisten und ihm die Scherben auf die erloschenen Augen legen dünnte. Wie oft haben die beiden Hunger gelitten! Wer wenig isst, mag auch wenig schlafen, und wer wenig isst und wenig schläft, den drängt es in die Zauber - kreise der Kabbalah. So natürlich! — Wer des Nachts wacht und die ganzen Tage hungern muss, will dann sein Leiden adeln. Das Darben wird zum heiligenden Fasten und zur Kasteiang, dass sich die Pforten der Welten mit all ihren Geheimnissen öffnen, mit ihren Geistern und ihren Engeln. Und lange schon studieren sie die Kabbalah! Xun sitzen sie am langen Tisch im Lehrhaus ganz allein. Bei allen andern Leuten im Städtchen ist längst die Mittagsstunde vorbei. Sie haben noch nichts gegessen. Wie immer. Der Rabbi lehrte und sein Auge sah starr verzückt in die Weite. Und der Jünger lauschte seinen Worten, das Haupt auf beide Hände gestützt. — Viele Stufen — sagte der Rabbi — sind zu unterscheiden: der Eine kennt ein Stückchen, dar andere die Hälfte und wenige die ganze Weise. — Der hohe Rabbi kannte die ganze Weise und die ganze Begleitung! Ich — sagte er traurig — war nicht begnadet, auch nur so ein Stückchen zu besitzen (— und dabei mass er ein winziges Stückchen seines dürren Fingers ab). Und dann fuhr er fort: Es gibt Melodien, die des Wortes bedürfen, das sind die niedrigsten ... Es gibt Melodien höherer Artung, Lieder ohne Worte voll Adel und innerer Weihe. Doch auch dieser Sang braucht eine Stimme und Lippen, durch die die Stimme sich ergiesst. Und Lippen — begreifst du — sind doch etwas Körperliches und die Stimme, die wohl eine edle Körperlichkeit hat, ist doch eben noch Körperliches. Gewiss, die Stimme steht auf der Grenze zwischen Geistigem und Körperlichem. Wie immer: Die Weise, die einer Stimme bedarf, die an Lippen gebunden ist, ist noch nicht ganz lauter. Noch nicht ganz Seele und Geist! Aber die echte Melodie braucht die Stimme nicht. Sie klingt tief in unserem Herzen, in unserem tiefsten Innern. Und das ist das Geheimnis in den Worten König Davids, der da sprach: Im Marke unserer Knochen muss es singen. Ja, dort muss der Sang liegen. Im Marke unserer Knochen muss die Melodie wohnen. Das ist nicht mehr der Staubgeborenen Sang und nicht mühselig erdachte Melodie. Das ist schon ein Teil jenes Schöpfer langes, in dem Gott die Welt geschaffen: ein Teil jener Weltenseele, die Gott in das Weltall hineingegossen. So singen die Engelchöre in den Himmelssphären, so hat „der Jud," der erste Chassid gesungen, des Angedenken uns zum Segen sei. Da musste der Rabbi seine dunkelsinnige Rede unterbrechen. Ein zerlumpter Jüngling mit einem Strick um die Lenden — ein Träger — war ins Lehrhaus gekommen und hatte eine Schüssel Grütze und ein Stückchen Brot auf den Tisch neben den Rabbi gestellt. Und er sprach mit roher Stimme: RebTewil schickt dem Rabbi das Essen. Und dann wandte er sich zum Gehen und rief noch von der Türe zurück: Nachher werde ich die Schüssel abholen. Die harte Stimme des Trägers hatte den Rabbi aufgerüttelt; und aus den stillen Höhen göttlicher Harmonien herabgezerrt. Langsam und schwer reckte er sich empor, wie aus schwerem Traume, und ging in seinen grossen Stiefeln mit schlürfenden Schritten zum Wasserbecken, sich zu waschen. Noch im Gehen spann er seine Rede fort, doch leise nur glimmte darin das heilige Feuer. Aber der Jünger lauschte gespannt seinen Worten, und dunkle Glut lohte aus seinem Auge und seliger Traum. Indess fuhr Reb Jekel mit trauriger Stimme fort: Mir ward leider die Gnade nicht, die letzte Stufe zu erklimmen. Ich habe die Pforte der heiligen Melodie nicht gefunden. Und der Rabbi lächelte und sagte: Sieh, nur die Kasteiungen und die Gebete, die dahin führen können, kenne ich! Ich will sie dich lehren! Wohl noch heute . . . Dem Jünger quollen schier die Augen aus den Höhlen. Mit weit geöffnetem Munde lauschte er jenen Worten, als wollte er sie verschlingen. Doch der Rabbi wurde still. Er wusch sich, trocknete die Hände, sagte das vorgeschriebene Gebet. Dann kehrte er zum Tisch zurück und sprach mit bebenden Lippen den Segensspruch, — über ein Stückchen Brot, das er dann mit Salz bestreute und in seinen zahnlosen Mund schob . . . Mit seinen zitternden, dürren Händen erhob er die Schüssel, und der aufsteigende warme Dampf umwallte sein knochiges Gesicht. Dann stellte er die Schüssel zurück, nahm den Löffel in die rechte Hand und wärmte die linke an der Schüssel, indessen er mit den zahnlosen Kiefern den Rest des Brotes kaute. Nun drückte er die warm gewordene Hand an das- Gesicht, zog die Stirn in krause Falten, spitzte die Lippen und begann in die dampfende Speise hineinzublasen. Der Schüler war jeder Bewegung seines Meisters gefolgt. Aber als des Rabbi dünne Lippen dem ersten Löffel Grütze entgegenbebten, packte ein eigen Gefühl des Jüngers Herz, uud er vergrub sein Gesicht in beide Hände. Wenige Minuten später kam wieder ein Junge ins Zimmer und brachte wieder eine Schüssel Grütze mit Brot: Reb Josef schickt dem Schüler das Essen.