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Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 459 - 460

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Alenu Leschabeach
Date
1908-07-01
Page
Seite 459 - 460 (sequence 5)
Language
German
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459 Leon Scheinhaiis, Memel: „Alenu leschabeach". 460 aucli der grösste Teil der wider unsere Nation sonst gehegten Vorurteile nach und nach merklich eingeschränkt und geschwächt worden, und obgleich die eifrigsten Verfechter vieler Religionslehren nunmehr dahin übereinzukommen scheinen, da der Zwiespalt und die Trennung unter denMenschen durch dergleichen gehässige Insinuationen vermehrt werden müsse, ja, ungeachtet man seit kurzem alle Gebete der Juden in andere Sprachen zu übersetzen angefangen, hierdurch aber klar vor Augen gelegt worden, wie wenig die gehässige Anspielung, die man insbesondere in dem Gebete Alcnu ehedem zu finden geglaubt hat, gegründet sei: so müssen wir doch nicht mit geringer Beschämung bekennen und allcruntertiinigst vorstellen, dass, deren vorhin bemchletcn zum Vorteil unserer Nation eclaircirten Umstände ungeachtet wir unter allen in E K. M. weitläufigen Landen wohnenden Jiidenschaften die Einzigen sind, gegen welche das bemeldete, auf alte abergläubische Irrtümer sich lediglich gründende Edikt vom 28. August 1703 annoch appliciret wird und dem zufolge wir noch bis dato von einem Inspektor der Synagoge, der zur Aufrechthaltung desselben besonders angewiesen ist, beobachtet werden, da doch solches bei allen anderen zum Teil weit grösseren Gemeinden, als die nnsrige i*t, entweder niemals wirklich verordnet, oder doch in der Folge als unnötig und überflüssig wieder abgeschafft worden ist. . . . Wir würden aber aueli nichts desto weniger bei dieser für uns auf alle Fälle gleichgiltigcn Einrichtung uns fernerhin um so mehr beruhigen, als wir in unsenn Gewissen vollkommen überzeugt sind, class unsere sowohl öffentliche als privat gottesdienstliche Zusammenkünfte nicht den aUermindesten dem Staate gefährlichen oder dem Publiko anstössigen Zweck, sondern lediglich die Verherrlichung, Ehre und die Anbetung Gottes und die Besserung unserer Sitten zum Gegenstand haben, daher wir die Beobachtung eines uns bestellten Aufsehers so wenig, als die Beurteilung aller anderen Religionsverwandten, denen der freie Zutritt in unserer Synagoge allemal offen steht, zu scheuen Ursache hätten, es gereicht uns aber aus dem vorhin bereits bemeldeten Grunde, dass in sämmtlichen Staaten E. K. M., wir die Einzigen unter sämmtlichen Judenschafteii sind, denen ein Lispector gesetzt worden, in den Augen der grossen Menge von Fremden, die unsere Synagoge besuchen, zum höchsten Nachteil und zur Verspottung, dass man noch in unsern alleruntertänigsten Gehorsam so wie in unsere menschlichen Gesinnungen, Zweifel und Verdacht zu setzen scheint und daher nötig findet, durch solches Zwangsmittel, als die geordnete Aufsicht über unsern gottesdienstlichen liitus, uns anhalten zu lassen. Dieser Umstand erweckt bei sehr Vielen, die den wahren Grund davon nicht wissen, Misstrauen und Argwohn gegen uns, der in unsern ausgebreiteten Handlungsgeschäften uns nicht anders, als äusserst schädlich sein kann. Denn, so bald unsere Religion verdächtig ist, so haben unsere Handlungen, die aus den Grundsätzen der Religion fliessen müssen, ein gleiches Schicksal. Der gemeine Haiden ist gewohnt, den Schein für das Wesen zu betrachten und hiernach macht man den Schluss, dass, weil unsere Oberlandesherrschaft ein Misstrauen und Argwohn gegen uns unterhält, uns überhaupt wohl nicht zu trauen sein müsse, u. s. w." An Friedrich den Grossen war dieses Gesuch gerichtet. Der König entschied zu Gunsten der Juden, ohne den Einspruch Kypke's zu achten, hob der Staatsrat durch königliche Verordnung vom 6. Juli 1778 die kränkende Bewachung des jüdischen Gottesdienstes in Königsberg auf, wofür die Judenschaft statt den Sitz des Inspektors, 400 Rthlr. zur Verbesserung des dortigen Universitätsfonds leisten sollen. Das veraltete Edikt von 1703, — das aus Missverständnis und Fanatismus entstand — ist endlich durch dieses Verfahren vollkommen verabschiedet worden, und jede weitere Verdächtigung eines unseres erhebendsten Gebetstücke aus der Welt geschafft. Spuren sind noch allerdings bis in das vorige Jahrhundert hinein bemerkbar gewesen, habon aber jede wesentliche Bedeutung verloren. Koch im Oktober 1843 heisst es in einem Erlass für das Synagogen-, Rabbiner- und Schulwesen in Mä hr e n und O e s t e rve i c h - S c h 1 e s i e n: „In Betreff der in der deutschen oder Landessprache abzuhaltenden Gebete, Beügionsübungen und Belehrungen in der Synagoge, dann der üebersetzung der Gebetbücher, dass alle jene Gebete, welche Hass gegen andere Nationen einflössen, wie jenes „alcnu lesch abcach" anfangend, untersagt werden; die Gelehrten sollen neue Ausgaben der gottesdien;tlichen Bücher besorgen, welche, die Bibel ausgenommen, mit dem Texte gegenüberstehender deutscher (oder in der Landessprache) üebersetzung versehen, und von der Zensur gutgeheissen sein müssen. Auch soll durchaus kein neues jüdisches Gebet- oder Beligionsbuch. auch nicht die Wiederauflage einer bereits vorhandenen, ohne Beifügung der treuen deutschen Üebersetzung zugelassen, und bei der Zensur auf die Beseitigung etwa auffallend anstössiger Stellen Bedacht genommen werden." Aehnliche Erlasse der Lokalbehörden hatten jedoch von vornherein keine Bedeutung mehr. Und wenn noch der Rassen- und Klassenhass nicht ganz von' der Tagesordnung geschwunden ist, blicken wir dennoch getrost in die Zukunft. Unsere heiligsten Güter sind unantastbar, unsere geistigen Schätze, unser Gottesdienst und unsere Synagoge sind über jeden Zweifel unserer Widersacher erhaben. ..Und das Heilige wird gerechtfertigt! trnp piJfaV" DIE KABBALISTEN. Von J. L. Perez. Dem Jüdischen nachgebildet von Theodor Zloeisti. In schlechten Zeiten fällt selbst die Thorah, unser höchstes Gut, im Werte, Von dem grossen Talmudlehrliaus zu Laschzewitsch waren nur noch der Rabbi übrig geblieben, Reb Jekel, und sein einziger Jünger. Der Rabbi war ein alter, hagerer Mann, mit langem, wirren Bart, die Augen greis und erloschen. Lemech, sein Lieblingsschüler war ein schlanker, dürrer, blasser Jüngling mit dunklen Schläfenlöckchen. Nachdruck verboten. funkelnden schwarzen Augen, die tief im Kopfe lagen, trocknen, wie verbrannten Lippen. An seinem hageren Halse lugte durch die durchsichtige Haut der spitze Adamsapfel hervor. Die freie Brust der beiden Männer deckte kein Hemd. Nur Lumpen hüllten die verdorrten Leiber. Der Rabbi mühte sich in einem Paar schwerer Bauernstiefel; dem Jünger aber fielen von den nackten Füssen die Pantoffeln herab.--

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