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Ost und West · 1908-06-01 · Heft 6 (Juni 1908) · p. Seite 405 - 406

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 6 (Juni 1908)
Article
Die Blutverläumdung
Date
1908-06-01
Page
Seite 405 - 406 (sequence 3)
Language
German
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405 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Blutverläumdung. 406 kommissariat gegangen, um Nachricht einzuholen. Alles Nachsuchen ist bisher vergeblich gewesen. Inzwischen erhitzten sich die Gemüter in Varna, Klatschereien und verdächtige Zeugnisse beginnen sich von allen Seiten zu regen, beispielsweise erzählt ein neunjähriges Kind, das die Volksschule besucht, dass es von zwei Personen, uuzvveifelhaft Juden, verfolgr. worden sei, die Säcke trugen! Ich war, so erzählte das Kind, fortgeschickt worden, um Salz bei dem Armenier Koyumdschian zu kaufen. Hinter mir schritten zwei Männer mit Säcken, die mich anriefen und, wie sie behaupteten, mir Bonbons geben wollten. Da meine Mutter mir erzählt hat, dass die Juden Christenkinder stehlen, bin ich schnell in den Laden des Armeniers eingetreten. Dieser Armenier erzählt, dass er das Kind vor Furcht habe weinen sehen, und fügt hin/.u, dass er am folgenden Abend drei Individuen mit verdächtigen Mienen um seinen Laden habe lungern sehen .... Das war mehr als genug zur Bildung eines Ritualmord-Romans. Der Roman ist auch gedichtet worden. Telegraphische Anordnung von Sofia aus hinderte eine Störung der öffentlichen Sicherheit; nach den Berichten der Zeitungen sind die Behörden sehr tätig, um auch ferner Störungen hintanzuhalten." Aus neueren Nachrichten, die dem Central-Comite zugegangen sind, geht hervor, dass der Knabe, der infolge übler Behandlung von Seiten seiner Eltern entflohen war, in einer anderen Stadt wiedergefunden worden ist. * , # * „Port Said, 1. April 1908. Das „Journal du Caire" berichtet: Alljährlich haben wir bei Anäh^rung des israelitischen Osterfestes in unserer Stadt Ausbrüche des Fanatismus und der törichtsten Vorurteile zu beklagen. Gestern wurde ein unter russischem Schutz stehender Israelit, der des morgens von Syrien angekommen war und im Begriff stand, auf dem Markte Orangen zu kaufen, von einer Bande Eingeborener überfallen, die ihn mit Schlägen bedeckten und schrieen: ..Tod den Juden, die unsere Kinder stehlen!" Heute früh brachte der Unglückliche vor dem russischen Konsulat seine Klage an. Man gab ihm einen Brief an den Kanalgouverneur. Als er von dort 1 Uhr mittags zurückhehrte und in das Hotel Jerusalem in der Stresse El-Dagla eintreten wollte, wo er logierte, wurde er aufs neue von einer Bande Stiefelputzer überfallen, die ihn ohne die hindernde Einmischung zahlreicher anderer Personen wohl übel zugerichtet hätten Der Israelit konnte in sein Hotel entschlüpfen. Aber eine Stunde lang drängte sich eine wütende Menge in der Strasse El-Dagla und schrie: „Tod den Juden!" Nur mit Mühe gelang es dem Kommandanten und der Polizei, die Wütenden zu zerstreuen. Wir hoffen, dass der Gouverneur Mittel finden wird, die Erneuerung derartiger Ausbrüche des Fanatismus und der viehischen Wildheit zu hindern." „Port Said, 2. April 1908. Die empörenden Vorkommnisse vor dem Hotel Jerusalem, über die wir gestern berichtet haben, sind in unserer Stadt nicht vereinzelt gewesen. Zur nämlichen Stunde spielte sich in der Rue de Commerce eine noch ärgere Szene ab, und diesmal war ein französischer Israelit das Opfer. Ein Augenzeuge erzählt hierüber: Ich stand vor dem Enden des Herrn Lagani auf dem Bürgersteig, als ich den Ruf hörte „Tod den Juden!" Ich sah einen Haufen von etwa 800 wütenden Menschen, die hinter ihrem unglücklichen Opfer herliefen, es mit allen möglichen Gegenständen, die ihnen in die Hand kamen, bewarfen und schlugen. Viele Herren in hohen Hüten, die der Szene beiwohnten, wagten nicht, sich dem Unglücklichen zu t ähern, der sicher auf dem Platz geblieben wäre, als ich voller Entrüstung und in Verachtung der Gefahr mich den Angreifern entgegenwarf. Es gelang mir, das Opfer, das ich in einen Arm genommen hatte, mit dem anderen Arm zu verteidigen, bis zwei Polizeiagenten herbeigekommen waren, die mehr als 10 Minuten gebraucht hatten, um meinen Zurufen Folge zu leisten. Sie ergriffen vier Individuen, deren Inhaftnahme aufrechterhalten wurde. Wir dankten unser Heil der Ankunft eines Wagens, der uns auf Umwegen nach dem französischen Konsulat fuhr, wo ich den unglücklichen Franzosen den Händen des Herrn Konsuls selbst übergab, der sofort alle nötigen Massnahmen zu seinem Schutz ergriff. Infolge der barbarischen Szenen beriefen mehrere Israeliten unserer Stadt unverzüglich eine Versammlung in den Israelitischen Tempelsaal in der Rue de Commerce. Eine grosse Zahl Personen wohnte der Versammlung bei. Der Gouverneur kam gleichfalls, von dem Polizeipräsidenten begleitet, und gab die Versicherung ab, dass die Regierung die besten Absichten habe und strenge Massnahmen ergreifen werde." Die israelitische Bevölkerung hat die Zusicherung erhalten, dass alle Massnahmen getroffen sind, um die Wiederkehr solcher beklagenswerter Zwischenfälle zu verhindern. Endlich hat das Central-Comite aus Alexandrien nachstehende Mitteilung erhalten: „Alexandrien, 21. April 1908. Auch hier haben wir in vergangener Woche unseren kleinen Zwischenfall gehabt. In einem Hause des Eingeborenen-Viertels wohnen drei Familien, eine israelitische, eine koptische und eine muselmanische. Ein muselmanisches Kind verzögerte die Heimkehr. Die Mutter fragte die koptische Nachbarin, ob sie das Kind gesehen habe." — „Suchende es doch bei den Israeliten," antwortete diese, ,,wird sind in der Ostervvoche, und die Juden haben die Gewohnheit, Kinder zu stehlen.u - Sofort wurde das jüdische Haus überschwemmt, Getümmel erhob sich. Die Polizei schritt ein und führte alle Welt zur Wache. Das Kind hatte sich bald gefunden, nud das Kommissariat rieh' ete eine strafende Vermahnung an die arabische und an die koptische Familie. Das Rabbinat hat die Angelegenheit nicht weiter verfolgen wollen, um ihr keine allzugrosse Wichtigkeit zu geben." DER NEUE VIZEPRAESIDENT DER DEUTSCHEN CONFERENZ-GEMEINSCHAFT. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet Die Deutsche Conferenz-Gemeinschaft hat nach dem betrauerten Ableben Charles L. Hallgartens Herrn Philipp Schiff in Prankfurt am Main zu ihrem stellvertretenden Präsidenten einstimmig gewählt, und dieser hat die Wahl angenommen. Philipp Schiff ist am 13. Juli 1841 geboren, steht also im 67. Lebensjahr. Er gehört einer der ältesten Frankfurter Familien an, deren Vorfahren schon im 15. Jahrhundert nachzuweisen sind. Seine Erziehung hat er, wie fast alle bekannten Frankfurter seiner Generation, im Frankfurter Philanthropin genossen. Im Geschäftsleben, von dem er sich seit Jahren zurückgezogen hat, erfreute er sich bei seinen Berufsgenossen grossen Ansehens, jahrelang war er Vorsitzender der Maklerkammer. Der neue Vizepräsident der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle hat viele Jahre dem Vorstand der Israelitischen Gemeinde seiner Vaterstadt Frankfurt am Main angehört,

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