Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Die Blutverläumdung
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 403 - 404 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583974-2598286--08420-2598362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
403 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Blutverläumdung. 404 Alliance ^Knabenschule in Schiras. für das'kommende Osterfest zu bedienen. Die Mutter kam, von anderen griechischen Frauen begleitet, in grosser Erregung herbei, beleidigte und beschimpfte alle Juden und bedrohte ganz besonders Joseph Levy, dass sie seine Tür einschlagen würde, wenn er ihr den Knaben nicht zurückgäbe. Die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, und schon versicherten zwei Griechen — von denen einer Inhaber eines Cafes inmitten des Judenviertels ist — dass sie den Knaben in das Haus hätten hineingehen, aber nicht wieder herauskommen sehen. Jetzt schritt die Lokal-Polizei ein, und während die Menge sich um die Polirer drängte, kam der kleine Feueranzünder aus zfemlich weiter Entfernung angelaufen, um zu erfahren, welches der Knabe sei, von dem man sagte, dass ihn die Juden gestohlen hätten. Er war sehr überrascht, als er, bei der Menge angelangt, seine tiefbetrübte Mutter erkannte. Ohne ein Wort zu sagen, drückte er sich durch das Gedränge und warf sieh in die Arme seiner Mutter, zum grossen Erstaunen aller Anwesenden. Die Polizei zerstreute den Haufen. Mutter und Kind gingen ihres Wegs und alles schien sich zu beruhigen. Die Verwalter des Juden vierteis aber begaben sich bald nach dem Kommissariat von Stipol und brachten dort Klage vor. Der Polizeikommissar wies sie ab, sei es aus Uebelwollen gegenüber den Juden, sei es^ weil er der Angelegenheit keine Wichtigkeit beimaass. Während man von der einen und anderen Seite Aussagen machte, hatten die Griechen dem Knaben zuraunen können, er möchte erklären, dass er sich von der Terrasse des Juden herabgestürzt habe, um einem sicheren Tode zu entgehen. Noch am selben Tage brachten die Bezirksvcrwalter, die den Kommissar für voreingenommen hielten, die Angelegenheit vor den Präfekten. Der Präfekt befahl dem Kommissariat "von Stipol, eine Untersuchung einzuleiten. Man untersuchte die Wohnung des Joseph Levy, die Terrasse, von der das Kind sich angeblich herabgestürzt hatte, um zu entfliehen, und man erkannte,, dass die Angabe des Knaben falsch: sei, da er . von. so grosser Höhe sich nicht hätte herabstürzen können, ohne die Beine zu brechen. Trotzdem machte der Kommissar, um sich für die Haltung der Juden ihm gegenüber zu rächen, diese ebenso wie die Christen dafür verantwortlich, dass sie die öffentliche Sicherheit gestört hätten. Seinem an die Präfektur erstatteten Bericht gemäss wurden Kläger und Beklagte in das Zentralgefängnis abgeführt, wo sie bis auf weiteres verbleiben sollen. Am Montag, 6. April schickte der Grossrabbiner die Herren Rabbiner Sabetai Levy, Moise Fresco und Yehuda Bey zum griechischen Patriarchen, um dessen Intervention zu erbitten. Der Patriarch, ein kluger und vorschauender Mann, schickte Rundschreiben an alle orthodoxen Kirchen in der Hauptstadt, um das Volk zur Ruhe zu vermahnen und die Anklagen kategorisch in Abrede zu stellen. Gleichzeitig intervenierte der Präsident des israelitischen Konsistoriums in Uebereinstimmung mit der an den Patriarchen entsandten Botschaft bei den Behörden und verlangte die Freilassung unserer Glaubensgenossen. Der Präfekt zögerte bis zum 9. April. An diesem Tage wandte man sich an den Grossvezier, der die sofortige Haftentlassung des Bension Levy und seiner Frau anordnete. Von den griechischen Häftlingen wurden blos die beiden Zeugen bis auf den heutigen Tag zurückgehalten, denn es war offenbar, dass sie in der Absicht gehandelt hatten, die Gemüter zu erhitzen und die griechische Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzen. Am Samstag, den 11. April, hielt der Grossrabbi eine Predigt in der Synagoge von C. storia, in der er die jüdische Gemeinde vermahnte, in guter Eintracht mit der griechischen Gemeinde zu leben. So ging der Zwischenfall ohne weiteren Schaden vorüber." „Varna, 14. April 1908. Seit einigen Jahren gibt es zu jedem Osterfest an irgend einem Punkte Bulgariens eine Blutmord-Anklage. Im vergangenen Jahr war es, wie man sich erinnern wird, die kleine Veltschew in Sofia, die man vom Ritualmord bedroht gesagt hatte, in diesem Jahr war die Reihe an Varna. Seit etwa 10 Tagen war ein 12 jähriger bulgarischer Knabe, Sohn des Stojan Athanassoff, verschwunden, ohüe dass man bis zur Stunde wusste, was aus ihm geworden sei. Der Vater war zwei oder dreimal täglich zum Polizei-