Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Die Juden in Österreich
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 393 - 394 (sequence 2)
- Language
- German
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393 B. Samuel: Die Juden in Oesterreich 394 als die ersteren, die ökonomisch ja meist ungleich besser situiert sind und sich dem Judentum auch schon beträchtlich entfremdet haben. Es wäre aber verfehlt, zu meinen, dass die fortgeschrittenen Schichten eine grössere „Gehirnleistung" zu verrichten haben, als die altfränkischen. Denn was der Sohn so einer frommen jüdischen Familie von seinem vierten bis zum achtzehnten Lebensjahre an geistigem Stoff zu verarbeiten hatte, kam wohl der Geüirnleistung von drei Studierten gleich. Die schon mit unbewaffnetem Auge wahrzunehmende Steigerung der Nervenkrankheiten unter den „fortschrittlichen" jüdischen Kreisen, dürfte also auf die psychischen Einflüsse ihrer Lebensführung zurückzuführen sein, auf jene Desorientierung, die das Verlassen der alten Sitten herbeigeführt hat, auf den gesteigerten Alkoholismus, wenn er auch als Genuss von Bordeaux und Champagner auftritt, auf die Unmässigkeit im Essen, auf die Verwilderung des sexuellen Lebens, die eine Erschütterung des Familiensinns und mannigfache in Zerrüttung des Nervensystems ausmündende Erkrankungen nach sich zieht. Dem Nichtjuden kann eine derartige Debauche viel weniger anhaben, da das Leben lange nicht so grosse Opfer an Nervenkraft von ihm fordert, als vom Juden und er andererseits im staatlichen und sozialen Organismus mannigfache Stützen und Stäbe findet, während der Jude seelisch noch mehr als sozial auf sich selbst angewiesen ist und in sich Halt und Beruhigung finden muss. Es kommt ferner als ein wichtiger Faktor in Betracht das Verschwinden des Sabbat aus dem Leben jener Schichten. Man hat noch nicht untersucht, was für eine grosse Bedeutung für die Volksgesundheit der Juden der Sabbat hatte, dieser grosse Tröster und Beschwichtiger, der mit starker und gütiger Hand die Anspannung der Nerven lockerte, die Menschen in eine andere Welt versetzte, die wohltuende Abwechselung zwischen den Willens- und den Gemütsfunktionen herstellte. Die Juden haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen verhängnisvollen Fehler begangen. Weil sie die bürgerliche Gleichberechtigung errungen hatten, bildeten sie sich ein, das Leben wäre milder für sie geworden. Es ist aber nur komplizierter und härter geworden. Der jüdische Jurist, der jüdische Arzt, der Geschäftsmann oder Handwerker, besonders im Getümmel der Grossstadt, hat einen viel schwereren Kampf ums Leben zu bestehen als sein Vater oder Grossvater, geschweige denn als sein christlicher Kollege, aber ihm fehlt „die wunderbare Würze", „das heilsame Kraut", das dem Leben unserer Altvordern Duft verlieh, der Sabbat, der in dieses Leben einen Hauch geruhsamer Beschaulichkeit, Stil und Rhytmus brachte. Es wäre lohnend und nützlich, ja es ist vielleicht dringend, dass der Zusammenhang zwischen Nervenkrankheiten und Lebensführung bei den Juden von berufenen Männern untersucht werde und zwar auf Grund eines umfassenden, von allen Seiten herbeizuschaffenden Materials. Wenn das Bureau für Statistik der Juden die Anregung hierzu böte, es würde sich ein grösseres Verdienst erwerben, als durch die Herausgabe von Kompilationen, wrie die vorliegende. — Ein wichtiges, wenugleich sehr schmerzliches Kapitel ist die Statistik der Taufen. Es liegen genaue Zitfernmateriaiien vor, die einen Einblick in die Sozialpathologie dieser Bewegung gestatten. Auch hierbei zeigt sich jedoch, wrie wenig das äusserliche Zusammenstellen von statistisch erfassbaren Tatsachen aus den amtlichen Publikationen genügt, um in das Weseu einer sozialen Strömung einzudringen. Dass unter den Wiener Juden eine förmliche Taufseuche herrscht, wusste seit Jahren jeder, der sich mit jüdischen Fragen befasst. Ein Wiener jüdisches Wochenblatt bringe seit einigen Jahren allmonatlich ein genaues Verzeichnis aller aus dem Judentum Austretenden, nebst Angabe von Alter, Stand und Beruf. Aber wenn irgendwo, so versagt hier die summarische Behandlung der Sache gänzlich, man muss den einzelnen Fall sozusagen unter die Lupe nehmen, um zu den psychologischen Hintergründen zu gelangen und die Tragweite der Bewegung zu begreifen. Wie viele Juden in diesem oder jenem Jahre aus dem Judentum in Wien ausgetreten sind, kann sich jedermann ausrechnen (und es war nicht nötig, mit dem Jahre 1903 abzubrechen, da genaue Daten bis zum Mai 1908 vorliegen). Aber die Sache erscheint schon in anderer Beleuchtung, wenn man erfährt, dass ein Mitglied des Kultusrats und noch dazu ein solches, dem die Oberaufsicht über das Kaschrut und die Mikwah zusteht, seine Tochter taufen lässt. Oder nehmen wir folgenden Fall: ein in ganz Europa berühmter Arzt und Universitätsprofessor gehört zu den eifrigsten Mitgliedern der jüdischen Kultusgemeinde; als hervorragender Kunstkenner betätigt er sich ganz besonders in einem Verein zur Erhaltung iüdischer Kunstdenkmäler. Er wird als Muster eines Juden hingestellt, und man ist stolz auf ihn. Eines Tages stirbt der Lieblingsenkel dieses Mannes. Die allseitige Teilnahme wendet sich dem verehrten Herrn Professor zu. Aber man liest, dass der verstorbene Jüngling auf dem christlichen Friedhof bestattet wrurde, wobei der evangelische Pfarrer den tiefgebeugten Eltern und Grosseltern Worte des Trostes zusprach. Was war denn das? Man erfährt, dass der all verehrte Herr Professor, dieser Musterjude, seine einzige Tochter taufen liess und an einen ebenfalls getauften Juden verheiratete. Schon recht. Und ein halbes Jahr darauf wird der besagte grosse Mann, anlässlich irgend eines Jubiläums, von den gesamten Spitzen der jüdischen Gemeinde aufs glänzendste gefeiert, auf einem Festmahl, natürlich in einem koscheren Restaurant, als eine Stütze des Judentums angetoastet. Tatsachen sind Exponenten der Gesinnung. Und in die Gesinnung gewährt diese Tatsache einen weit tieferen Einblick als ganze Kolonnen lebloser Zahlen. Es gibt also in Wien eine Sorte von provisorischen Juden, die das Judentum als etwas Vorübergehendes, Einstweiliges betrachten, das mit der nächsten Generation schon absterben wird. Und da diese provisorischen Juden an der Spitze der Gemeinde marschieren, ihre geistigen und weltlichen Güter verwalten, so braucht man sich über die Ausbreitung der Taufseuche unter den gewöhnlichen Sterblichen nicht zu wundern.