Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Die Juden in Österreich
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 391 - 392 (sequence 1)
- Language
- German
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391 392" DIE JUDEN IN OESTERREICH. Von B. Samuel. .. Nachdruckverboten. T. Vor ungefähr fünfundachtzig Jahren entwarf Zun z einen grossangelegten Plan zu einer Statistik der Juden, die ein Bestandteil, ja mehr noch, gleichsam eine Synthese der Wissenschaft des Judentums werden sollte. Liest man heute diesen Entwurf, so muss man staunen über den sicheren Blick und das klare Verständnis für den Wert einer ziffernmässigen Erfassung und Darstellung der sozialen Lebenserscheinungen, die der blutjunge Historiker zu einer Zeit bekundete, da die europäischen Staatsverwaltungen von dieser Einsicht noch weit entfernt waren. Jener Plan blieb leider auf dem Papier. Die Bestrebungen Zunzens und seiner Schar fanden bei den damaligen offiziellen Vertretern der jüdischen Organisationen nicht das geringste Verständnis. Die Durchführung einer Statistik der Juden erforderte aber eine energische materielle und moralische Unterstützung von seiten offizieller Körperschaften und Repräsentanten der jüdischen Gemeinwesen. Darum musste die werdende Wissenschaft des Judentums damals auf die Darstellung und Durchdringung der lebendigen Gegenwart verzichten und sich vorwiegend dem Historismus zuwenden. Hier genügte das Genie, die hingebungsvolle Arbeit und die eiserne Ausdauer des Einzelnen. Es hat seither nicht an Versuchen gefehlt, eine Statistik der Juden in breiterem Rahmen zu unternehmen, aber es geschah nicht auf so ausgedehnter Basis und mit solchen umfassenden Mitteln, wie von seiten des Bureaus für Statistik der Juden in Berlin, von dessen Publikationen das vierte Heft, über die Juden in Oesterreich, eben vorliegt. Von Russland abgesehen, beherbergt kein europäischer Staat eine so grosse Anzahl von Juden, wie Oesterreich, nirgend sonst bietet die soziale Lage der Juden ein so mannigfaches Bild, und nirgend anders kann man den sozialen Prozess unter den Juden, das Entstehen und Vergehen und den Daseinskampf sozialer und ökonomischer Lebensformen so gut belauschen, wie in Oesterreich. Die jüdische Gesellschaft dieses Staates bietet also ein besonderes Interesse. Man wird darum mit grosser Neugierde nach dem vorliegenden Hefte greifen. Und jeder, der sich mit einer rein ziffernmässigen Darstellung der Verhältnisse unserer österreichischen Glaubensgenossen, wie sie im gegebenen Momente liegen, begnügt, wird auf seine Kechnung kommen. „Im gegebenen Momente'1, ist nicht ganz richtig-, denn das hier dargebotene Material beruht auf der Volkszählung von 1900, und nach IVa Jahren wird die nächste Volkszählung schon ein wesentlich anderes Bild geben. Was hier geboten wird, ist nämlich eine fleisstee Zusammenstellung aller die Juden betreffenden Daten, Ziffern, Tabellen, die sich in den Publikationen der zentralen und der autonomen statistischen Aemter Oesterreichs finden. Das ist ein ausgezeichneter Behelf für alle, die sich über die Lage der Juden in Oesterreich informieren wollen, leider aber werden die allermeisten Ziffern schon nach der nächsten Volkszählung ungültig. In manchen Fällen geben die exaktesten Ziffern ein völlig trügerisches Bild, weil sie auf die speziellen Verhältnisse der Juden nicht einzugehen geruhen. Am krassesten zeigt sich dies bei den Zahlen, betreffend die Legitimität der jüdischen Geburten. Wenn man der Angabe der offiziellen Statistik glauben will, so sind ca. 3A aller in Galizien geborenen jüdischen Kinder unehelich. Es bedarf keiner Versicherung, dass diese Angabe absurd ist, aber sie bedarf einer Eiklärung. Die Statistik registriert als gültig nur die nach den Bestimmungen des Gesetzes von 1867 vollzogenen Ehen. Da nun hierzu vor allen Dingen regelrechte Geburtscheine beider Ehewerber gehören, so war es von seiten der Zentralregierung verfehlt, die Durchführung dieses Gesetzes auch für Länder zu fordern, wo, wie in Galizien, keine Zivilstandregister der jüdischen Gemeinden aus früheren Zeiten existierten. Wer da heiraten wollte, musste Zeugen herbeischaffen, die bekunden sollten, dass er tatsächlich geboren sei. Und nicht nur heiraten, auch eine Gewerbekonzession oder dergleichen konnte man nur erlangen, wenn man den zeugeneidlichen Nachweis geführt hatte, dass man existiere. Ein Mensch, der ohne behördlichen Geburtschein herumlief, existierte in Oesterreich nur für das Militär und für das Steuerzahlen. Zu diesen löblichen Zwecken begnügte sich der Staat nämlich mit der so^. Konskription. Es ist also selbstverständlich, dass die Juden unter sotanen Umständen auf die Anerkennung ihrer Ehen vonseiten der hohen Obrigkeit verzichteten und sich nach wie vor ohne die bestempelten, aber kostbaren Papierchen verheirateten. Dass die solchen Ehen entsprossenen Kinder nur im bureaukratischen, nicht aber im sozialethischen Sinne unehelich sind, ist klar. Dennoch fährt die Statistik fort, sie als unehelich zu bezeichnen. Es ist bekannt, zu welchen komischen Schlüssen seinerzeit Richard Andree auf Grund dieser Angaben gelangte. Man sieht, wie .unzuverlässig die Statistik bei aller strengen Objektivität, inbezug auf die Juden sein kann. Trockne Gelehrte, die gerne am grünen Tisch Theorien aushecken, sind nur zu bereit, der statistischen Ziffer eine übertriebene Bedeutung beizumessen, und sie übersehen leicht, dass eine Ziffer nur ein Index ist, an dem man sich erst im wirklichen Leben orientieren muss, um seinen Inhalt zu begreifen. Verlässt man sich auf die Ziffern allein, so philosophiert man oft an den Erscheinungen vorbei und kommt entweder zu nichtssagenden Feststellungen oder gar zu verkehrten Schlüssen. Man beachte z. B. die Tabellen über die Geisteskrankheiten. Bier ist die Gliederung nach Konfessionen allein ganz unsinnig. In normalen Zeiten hat weder Bekenntnis noch Kasse einen merklichen Einfluss auf die Entwickelung der Geisteskrankheiten. Eine genaue Angabe des Bildungsgrades und der Beschäftigung würde viel bessere Aufklärung gewähren und auch praktisch von Nutzen sein können. Dass Nichtjuden am Alkoholismus ungleich stärker beteiligt sind als Juden, ist eine so alte und bekannte Tatsache, dass man zu ihrer Feststellung keiner Statistik bedurfte. Dasregen besagt die Tatsache, dass es verhältnismässig mehr jüdische als christliche Geistesgestörte aller Alt (mit Ausnahme von Epileptikern) gibt, einfach gar nichts, so lange nicht Stand und Beruf der Kranken detailliert sind. Aber wer sich im lebendigen Leben mit offenen Augen vergleichend umsieht und sich nicht mit einem Ziffernextrakt begnügt, dem wird sich allgemach die Ueberzeugung aufdrängen, dass die jüdischen Geisteskranken sich in höherem Grade aus den gebildeten und „aufgeklärten" Ständen rekrutieren, als aus den altfrommen und schlichten, obgleich diese einen weit härtern Kampf ums Dasein zu bestehen haben und den spezifischen „Judenschmerz" wohl auch tiefer empfinden?