Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Sabbat
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 389 - 390 (sequence 2)
- Language
- German
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389 Arthur Silbergleit: Sabbat. 390 Dunkel der Schatten gleich den Farben eines Gebetmantels auf dem Umriss der verwitterten Giebel abzeichneten. Unberührt auch blieb er von dem Nachtlied des Bronnens in der Gasse und von dem steingedämpften Gelall seiner Märchen. Seine Sehnsucht stürmte wild dem Gassenende entgegen, zitterte dem Friedhofe zu. Durch die leise angelehnte Gittertür, die sein Traum zur Seite schob, trat er in den Garten der Toten, in das Land Gottes und seiner Liebkosungen. Welch tiefer Friede lag hier! Ewige Sabbatruhe! Heiter erglänzten die Sträucher im Mondlicht; es war, als ob aus ihrem weissen versilberten Gezweige die Fittiche hier heimlich eingenisteter Jehovaengel hervorfunkelten. Nur die jahrhundertealten Bäume standen ein wenig schwarz und schweigend da, und sie beschatteten mit ihrer Laubfülle wie mit Gebetmänteln die greise Schwermut ihres Antlitzes. Alle Blumen aber atmeten Gebete, als hauchten ihre Kelche noch die letzte Friedenssehnsucht der Toten. Die mondgeküssten, lichten Wolken glichen weissen Festtagslinnen. Aus der Stimme eines einsamen Vogels klang Moses Trauer, die Klage seiner ruhelosen, unerlösten Seele. Und die Musik der Sternenkerzen, die Gottes Gnadenhand droben angezündet, schien wie der Chor der Sabbatlichter &3S stillen Stäbchens sanfte Trauer und Wehmutweihe durch die friedensschöne Mondnacht giessen zu wollen und bemühte sich woll, immer wieder Wunderweisen aus schon vergessenen Herzen und Himmeln heraufzuzaubern. Länsrs der ihm bekannten Keinen der Gräbersteine schritt Moses, bis er zu dem seiner Frau gelangte. Und er berührte mit heissen, zitternden Händen einen starren und taukühlen, den Grabstein seiner Frau, als wollte er diese durch dessen herbe Kälte hindurch die Kraft seiner Seelenglut fühlen lassen. Und während seine Finger über den Stein und seine regenverwaschene, mählich verwitternd«? Inschrift hintasteten, beschlich ihn eine seltsame Empfindung. Ihm war es, als müsste er hier seine Hände über die Seiten eines sturmgeliebten Gebetbuches gleiten lassen, das in einst goldenen, nun verblassten Zeilen von dem Inhalt eines halbdunklen und -hellen, halb gelebten und -ungelebten Lebens erzählte. Vielleicht war dieser rauhe Stein gar ein Denkmal menschlicher Schmerzen, und seine Runen und Risse Hessen die nicht vernarbten Wunden der Entschlafenen noch einmal über dem Hügel heraufklaffen. Und wenn der Wind durch die Spalten des Gesteins mühsam ächzend einen Weg sehnte, zitterte es wie ein Schüttern und Schluchzen durch die harte Felsenseele: den starr-kalten Stein durchzuckte und durchfieberte wohl ein Menschen weh. Die gelben Gesichter der Kerzen aber, die an manchem sternenlosen Traumabend die alten Mondmärchen aus goldenen Augen kinderselig durchs stille Stäbchen glühen liessen, tropften ihre weissen Thränen in die weisse Trauer des Steines hinein. Da zerwühlte Moses Yerzweiflung; er presste sein Herz an den Stein und sprach: „Estheerl, warum weinst du? Hast du keine Ruh? Alle Kerzen klingen von Deiner Klage! Soll ich bei dir sein? Ich will nicht von dir gehen! Ist dir kalt? Ich will dich wärmen! Denn ich trage wohl dein Bahrtuch, und du musst wohl frieren. Ich will dir auch meine Seele zum Gewand geben!" Und er umklammerte den Stein mit aller Inbrunst und horchte in die Nacht hinaus, ob ihm der Stein oder ein hier jüngst eingesunkener Tropfen Tau oder sonst eine Rätselstimme eine Antwort klinge. Da war es Moses mit einem Male, als ob eine Sabbatblume, eine unter ihren blühenden Schwestern an seinem sanften Festtagstisch auf seine inbrünstigen Fragen und auf das Lied der Lichter ihre reine Seele öffnete. Die Luft des Stübchens schien in einer seltsameren Bewegung als der Gesang der Kerzen zu flackern; vielleicht ahnte sie, dass der sie durchrieselnde Hauch einer Gräberblume vom Hügel Esthers entduftet sei. Einer Gräberblume, die wohl der Sanftheit des Mondes ein Geheimnis vertrauen ^wollte. Ja aus diesem Dufte hörte Moses die Stimme seiner toten Frau heraufflüstern: ,,Ist es nicht Sabbat, das Fest der Stille, der Seufzerruhe, der Gottversöhnung und des tiefen Friedens? Warum entfühlst Du diesen Lichtern Leid, warum entsaugst Du ihren Träumen Trauer? Alle meine Jugend tanze tanzen durch sie noch einmal, alle meine frohen Blicke funkeln durch sie noch einmal, und Du wehklagst in sie hinein? Bin ich nicht selbst wie eine Braut des Sabbats, habe ich nicht mit dem Frieden Hochzeit gemacht? Sieh doch meine Augen in dem Blick der Lichter, höre doch meine Stimme aus ihrer goldnen Flüsterspraclie! Ueber meinen Augen aber sieh die Wimpern des Himmels, die Wächter der Erde, und hinter meiner Stimme vernimm den Widerhall der Nachtigallwälder und das Echo Gottes! Jauchze nur, ja jauchze nur, denn Jubel ist mein schönstes Wiegenlied, dass ich wieder schlafen kann!'4 Da kam in alle Kerzen, die sich sonst in ihrem flackernden Lieder- und Lichterstreit nicht verschwisterten, ein seltsam einheitlicher Hymnenton hinein. Moses aber war es, als hätte er nun einen Psalm vernommen. Und die lang bangtönende Harfe seiner Träume klang wieder Friede und Freude; der Älondhimmel aber funkelte immer glückseliger und verklärter; als müsste er immer neue Sterne als Sang»sbrüder zum Preise des Sabbats heraufführen. Und die Lichter des Stübchens, die Schimmer des Leuchters jauchzten mit denen des Himmels um die Wette. Bis in die dunkelsten Nischen hinein, bis in die heiligsten und tiefsten Wohnungen und Zelte der Geheimnisse schwoll der Lobgesang, und Himmel und Erde, Tote und Wache, alle Stübchen und Stäubeben schienen ihn zu singen. Die Fensterchen des heimelndcn Gemaches aber wurden immer durchsichtiger und silberner, als liessen sie das göttliche Leuchten der Lüfte und den Glanz funkelnder Engelsflügel hindurchschimmern. Und alle strengen Gebiete hüben nun an zu lächeln. Das Gesicht des Leuchters freute sich über das Antlitz Moses, und sie glänzten sich gegenseitig glückselig an. Selbst die winzigen Schatten am Tischtuch tanzten so toll, als hätten sie die schlenkerige Gelenkigkeit eines Chassiden erlangt. Durch die Baumkronen des Friedhofes schien plötzlich ein langverhaltenes Hallelujah loszurauschen. Und jede Menorahkeize sang und lachte immer über die Schulter ihrer Schwester hinwTeg: es war, als ginge das goldene Lachen sieben goldene Treppen hinauf, bis es sich im Allerheiligsten wähnte. Und der Lichterweg knisterte und knirschte, aber vor Freude, und sang, als wüsste er, dass er einer Wallfahrt des Jubels diene. Hallelujah klang es aus den Wipfeln des Friedhofes, Hallelujah aus dem Liede der Lichter, Hallelujah von den Lippen seiner toten Frau, Hallelulah vom Munde Moses1, Hallelujah vom heimlichen Flügelschlage der Engel. Und in seiner hohen Glückstrunkenheit jubelte Moses die ganze Nacht, als wäre ihm eben eine neue Weise eingefallen: Lecho daudi licras callo ......Pene schabot necablo!