Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Sabbat
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 387 - 388 (sequence 1)
- Language
- German
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387 388 SABBAT. Von Arthur Silbcrfflcit. Nachdruck verboten. Immer wunderlicher sanken die Sabbatkerzen im Stäbchen von Moses in der alten, verwitterten Judengasse, und ihr goldenes Lied, ihr Geknister und Geflüster fand so seltsamliche Weisen, dass Moses von seinem Siddur*) wie erstaunt aufsah, noch einmal nachdenklich den Sinn eines von ihm eben gestammelten Satzes durch den Kopf gehen liess und in jenes unfassbare Staunen hineinsank, das uns manchmal selbst im Wachen in einen Halbschlaf wiegt. Nun liess er die weissen Säume seines Kinnbartes durch seine Hände fliessen, und die zarte, gleitende Bewegung seiner Finger mochte etwas von dem Wohlbehagen verraten, das seine Seele atmete. Er war aber auch wunderschön — dieser Sabbat; wie feierlich und reich sah das sonst so dürftige Stübchen aus; wie heimelte ihn die liebe Traulichkeit an! Die gestickte Decke über den Barches**) nahm sich wie eine fürnehme Frau sehr würdevoll aus, das weisse Linnen schien zum silbernen Leuchter zu äugeln, und dieser lächelte im Glänze seiner Seeligkeit. Denn er trug in seinen sieben Armen sieben Kerzen, und eine jede sang einen goldenen Gesang, vielleicht ein Friedenslied nach der rauhen Reihe der Tage. Ja das Glück auf dem erglühten Gesicht des Leuchters war zu verstehen; er kam sich wie ein fürsorglicher Vater vor, der seine sieben Kinder in seinen Fingern liebevoll hält und gern dem Lallen ihrer Lippen wie der Geburt junger Lieder lauscht. Und manchmal flog der Atem Moses in das Gesicht der Lichter, als wollte er alle liebkosen und küssen. Es war eine gnadenmilde Nacht, und der schamhafte, silberhauchzitternde Mond schien seine ganze Weihe und Stille durch die halbblinden Fensterlein des Stübchens hindurchgiessen und die starren, winzigen Scheiben mit langen Liebkosungen durch ihre gläsernen Gezelte um Durchlass bitten zu wrollen. Die Ruhe freute sich ihrer eigenen Seele; der Kamin hatte seine traumleise Musik längst eingestellt. Nur die Lieder der Lichter tropften, raunten und rieselten unaufhörlich in den Mond frieden hinein. Welch ein seltsamer Gesang klang aus ihren Stimmen! War es nicht ein heimliches Jauchzen, das immer schwoll und sich senkte? Wie eine Woge flutet und ebbt? Und Moses neigte sein Ohr dem Liede der Lichter und lauschte: Wunderlich! In dem heimlichen Jauchzen schwang ein Ton verhaltener Trauer und Bangigkeit! Und er wollte durch alle Kerzen zittern. Oder sangen nur sechs Lichter Lieder der Freude, und opferte sich nur das letzte, das winzigste, der Wehmut? Nein, durch die Lieder aller zog es wie ein leises Bangen. Durch die Seelen all er huschte gar heimliche Trauer, die aber immer wieder von dem stärkeren Jauchzen übersungen wurde. Und Moses sah sich im Stübchen um, starrte auf die ihm gegenüberstehende Wand und er erblickte nur seinen Schatten. Und er erinnerte sich jäh, dass er auf ihr schon mehr Schatten gesehen habe. Plötzlich blitzte in ihm das Gefühl auf, der leise klagende Klang der Kerzen halle ein Sterbelied. War etwa die ruhelose Stimme einer toten Geige oder das letzte Wimmern einer zerschlagenen Harfe in das Kerzenlied hineingeflossen? Nein, aus ihm flüsterte ein Menschenlaut, Etwas ganz Seelenvolles, Liebes und Leises. Da kamen dunkle Melodien mancher Traumabende und klangen Gräbergrüsse. Und der Mund •seiner entschlafenen Frau haltte wieder Märchen und *) Siddur Gebetbuch. **) Barches Festtagskucheii. Mädchenlieder durch das stille Stübchen. Jede dunkle Melodie trug ein goldenes Feierkleid. Alle sieben Kleider aber knisterten ihre Sehnsucht nach vergessenen Tänzen. Zuweilen war es ihm, als ob er eine ganz zarte Kinderhand sich vergebens an ein Kleid anklammern fühlte. Da erfror Moses1 warme Sabbatfreude. Und er liess sein Haupt auf sein Gebetbuch fallen und verhüllte es, als fürchtete er sich, seine Wehmut der ihm gegenüberstehenden, unbewegten Wand zu zeigen. Und verschleierten Hauptes schluchzte er vor der Mauer in sich hinein und versank in seinem Leid in eine Srarrnis, als würde er selbst zu einem Stück Klagemauer. Wie aber die Kerzen in das Geriesel seiner heissen Zähren die Mitleidmusik ihrer weissen Tränen sickern Hessen, als wollten sie seinen Schmerz trösten, fasste sich Moses und er vermählte noch einmal alle seine Gedanken mit seiner toten Frau. Und die Heimlichkeiten des Stübchens mochten ihn nun an sie gemahnen. Der kleine Vogel hinterm Gitter sang ihre Träume; die Fensterblume zögerte, der Toten letzten Hauch aus ihrem Kelch zu zittern, und die winzige Scheibe, die dem Silbermonde und seinen Liebkosungen Dnrchlass bot, liess auf ihrem schattenhatten Grunde ahnen, dass sie nicht unvergessenes, dunkles, schweres Frauenhaar gespiegelt, schweres Haar, dem der Tod leicht die Spangen gelöst. Auch die alte, dürftige Nischentruhe mit ihren durch Gebrauch bereits zeitgebräunten Gebetbüchern, mit ihren lavendelduftigen, vergilbten Linnen und welkenden Gewändern wandelte eine Erinnerung an, und was ihr Gast, der Holzwurm, an Heimlichkeit verriet, tickte sich in einem Gleichklang mit der traulichen Wanduhr hinein und sang wie eine Leerende aus der Hagada: „Liegt ein altes, seidenweisses Hochzeitskleid in mir; sieben Mägde spannen es einst und ist nun dünn und fadenscheinig. Die es einst trug:, ist nun einem anderen Kleide treu. Einem Gewände mit phantastisch dunklen Runenstreifen. Nahnis vom Weltenbräutigam, dem Tod!" Da ergriff Moses wieder stärker der Schmerz, und es verlangte ihn sehr nach seiner fernen Lebensgefährtin. Und er ging ans winzige eigen winklige Fenster, sah auf die Gasse längs der Giebelreihen, wo die Schatten ihre abenteuerlichsten Tänze hingaukelten, und er hegte die Hoffnung, in dem Wehen von Licht und Dunkel, das auf ihn zu- und von ihm abzurücken schien, die Seele seiner Frau zwiespältig wie dieses Licht, halb im Wachen und halb im Schlaf, auf sich zukommen zu sehen. Und er merkte gar nicht, wie mählich der von Jehova vorgezeichnete Schattenweg seine Gedanken über die Gasse hinauszog, und während er eine Hand, um seiner Bewegtheit Herr zu werden, am Fensterkreuz angeklammert hielt, tastete sich seine Seele zu den kreuzelosen aber kränzereichen Gefilden der Entschlafenen. Seine Füsse schienen voll Unruh dahinzuhasten; die ewig zitternde Musik und das stete Geknister der Sabbatkerzen im stillen Stübchen aber mochte nun den Wiederhall seiner Schritte in der Traulichkeit der Gassen und der Verträumtheit der morschen Giebel verraten. Und wenn aus dem altes Gebälk überhangenden Weinlaub zuweilen ein windberührter, verschlafener Falter aus seinem heimlichen Versteck auf huschte, empfand es Moses nicht, als Hesse Gott der Sternenentzünder, auch in der dunklen Leidensgasse einen leuchtenden Gedanken der Schönheit wie einen Trost mit bunten Schwingen durch die Menschenfinsternis reisen. Und wehbewegt bemerkte er nicht, wie sich das Weiss des Mondlichts und das