Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Mendeles "Klaer"-Stunden
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 369 - 370 (sequence 1)
- Language
- German
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369 370 MENDELES „KLAER"-STUNDEN. Von Dr. Max Steif. Nachdruck verboten. In dem engen, niedrigen Zimmerchen Mendele Schneiders herrschte jene tiefe, fast greifbare Stille, wie sie nur in ganz kleinen Landstädtchen in den Frühnachmittagsstunden zu verspüren ist, wenn die sonst auf der Gasse überlaut lärmende Kinderschar in der Schulstube festzusitzen gezwungen ist, und auch der sonstige Teil der männlichen und weiblichen Bevölkerung seinen Beschäftigungen in oder irgendwo ausser dem Hause nachgeht. Das waren Mendeles „Klär"-Stunden. 1U konnte er ungestört und nach Herzenslust seinen Gedanken nachhängen. — O, wie liebte Mendele diese Stunden! Wie unbeschreiblich wohlig war ihm dann zumute, weil jetzt auch sein Weib Jentel nicht im Hause herumpolterte und ihm so eine kurze Erholungspause vergönnte von ihren, ihm schon zum Ueberdrusse bekannten Auseinandersetzungen, in denen sie ihm mit ständig gleichem Wortschwall an die von seiner Seite arg vernachlässigten Pflichten eines „richtigen'1 Mannes eindringlichst zu gemahnen pflegte. — Jetzt war sie draussen in irgend einer der umliegenden Dorfschaften, um ihre gewandte Zunge im Feilschen und Erstehen von diversen Hasen- und Kaninchenfellen zu üben, und er konnte nun über den alten Kleidungsstücken, die auf ihren früheren Glanz herzurichten er sich ehrlich abmühte, getrost dem bunten Spiele seiner Gedanken und Ideen folgen. — REGINA MÜNDT,AK. In Gedanken. OR1GINALZEICHNUNG Wie behaglich still und friedlich alles um ihn war, ganz wie im Gan-Eden. — Ja, das Gan-Eden, das war auch so ein Punkt, über den er schon so oft nachgedacht hatte und dennoch immer nicht ins Klare kommen konnte. - So vieles er darüber gehört und gelesen Latte, gerade über dasjenige, was ihm besonders wissenswert schien, vermochte er nirgends genügenden Aufschluss zu erlangen. — Wie mochte es nur in diesem Gan-Eden aussehen? Gingen die Leute dort drüben in ihren Tachrichim (Totengewändern) umher? Oder erhielt dort ein jeder ein besonderes himmlisches Gewand, etwa eines, das in allen Regenbogenfarben schillerte, oder eines aus lauter Seide und Gold? — Und dann konnte er sich auch so durchaus keine Vorstellung davon machen, wie es einmal mit ihm selbst über hundert Jahre sein werde. Nicht als ob er zweifelte, dereinst auch ins Gan-Eden zu kommen, — aber wird er, Mendele Schneider, dann auch so ohne weiteres mit allen dort drüben reden und verkehren können, auch mit Abraham, mit Mosche rabenu, kurz mit jedem, mit dem er wollen wird? Und warum nicht? Durfte es denn dort, so wie hier auf Erden einen Rangunterschied geben? — Und ferner, wie wird es dort mit den Frauen sein? — Ganz gewiss, ging es schon nicht an, alle aus dem Gan-Eden auszuschliessen, so wäre es nur selbstverständlich, wenn es in jener Welt, etwa wie hier unten in Schul, eine Art Männer- und Frauenabteilung gäbe. Denn das könnte er brauchen, sein Weib auch noch drüben am Halse zu haben! — Sonderbar, wie ihn jedesmal, mochte er über noch so verschiedenartige Dinge nachdenken, seine Gedanken immer wieder zu diesem einen Gegenstand zurückführten! — Nun, er wollte ja gerecht sein, wollte nicht alles Uebel in der Welt dem Vorhandensein der Frau allein zuschreiben. Aber das eine sagte ihm seine Erfahrung, und er fand sie vollauf bestätigt in seinem Chumesch, wie sich selbst an dem besten Weibe irgend eine Schattenseite entdecken lasse. Und dies schon von der ersten Frau angefangen. — Möchte er es auch nicht bestreiten wollen, dass vielleicht auch Adam allein in einem schwachen Augenblick von der verbotenen Frucht genossen haben würde, aber was hatte die Eva hinter dem Rücken ihres Mannes sich mit der Schlange einzulassen, was hatte sie überhaupt mit ihr zu reden gehabt! Ja, nur ihre schwatzhafte Zunge hatte alles Unheil verschuldet. —